Zeiten des Schicksals

Erziehung Wann werden die Weichen fürs Leben gestellt? Viele Psychologen glauben: in den ersten drei Kinderjahren. Doch andere Experten behaupten das Gegenteil

Eltern, die Schuldgefühle haben, weil ihr Kind in eine Kita geht oder die schon einmal den Eindruck hatten, mit ihrem Baby Musikkurse besuchen zu müssen, um ihm einen Vorsprung fürs spätere Leben zu verschaffen, wird vielleicht eine Konferenz interessieren, die kürzlich an der britischen Universität von Kent stattfand und die sich mit „dem extremen Fokus auf die frühe Kindheit“ befasste.

Die These dort: Dass Eltern von Babies und Kleinkindern – insbesondere Mütter – unter absurdem Druck stehen, es „richtig zu machen“, woraus „unberechtigte Ängste und Schuldgefühle“ entstünden.

So erklärt unter anderem John Bruer, Autor des Buches The Myth of the First Three Years (Der Mythos der ersten drei Jahre), die angeblich neurowissenschaftlichen Belege für die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung in den ersten Jahren würden überbewertet und sozialpolitische Maßnahmen, die sich darauf den Schwerpunkt legten, seien eine „Verschwendung von Ressourcen.

Diese Ansichten richten sich gegen weitgehend auf der sogenannten Nurture-Theorie (to nurture: nähren, erziehen, fördern) beruhende Vorstellungen, wie sie unter anderem die Psychotherapeutin Sue Gerhardt in ihrem Buch Buch Why Love Matters vertritt. Seit gut zehn Jahren wird von dieser Seite argumentiert, sämtliche Forschungsergebnisse zeigten, dass Kinder in den ersten drei Lebensjahren psychisch und emotional maßgeblich geprägt würden. Dabei sei die Unterstützung einer nahestehenden Elternfigur wesentlich.

Das entscheidende Fenster

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So könnten Defizite in der Kinderbetreuung möglicherweise zu Schädigungen führen, warnt Gerhardt: „Die ersten zwei oder drei Jahre sind das entscheidende Fenster, innerhalb dessen zahlreiche Systeme installiert werden, die für den Umgang mit Emotionen verantwortlich sind. Insbesondere erlernen wir in dieser Zeit Selbstkontrolle und die Fähigkeit, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Ohne diese grundlegenden emotionalen Fertigkeiten wachsen Kinder möglicherweise nicht zu emotional kompetenten Menschen heran.“
Gerhardts Forschung konzentriert sich hauptsächlich auf die Wirkung des Hormons Kortisol, das bei Kummer vom Gehirn produziert wird. Normale Kortisolproduktion ist nicht schädlich. Wird ein Baby oder Kleinkind aber zu lange nicht getröstet oder anhaltend oder häufig Stresssituationen ausgesetzt, kommt es zu einem Anstieg des Kortisolspiegels, was wiederum mit Depressionen, Ängsten und schließlich Aggression und Gewalt in Zusammenhang gebracht wird.

Vor allem berufstätige Eltern, die auf die Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind, zeigen sich durch solche Aussagen verunsichert. Neulich erzählte mir ein Freund, der einen zehn Monate alten Sohn hat: „Wir mussten ihn in eine Kita geben.“ Sonst, sagte er, hätten sie gar kein Kind haben können. Wie viele betrachten er und seine Frau die Kinderbetreuung als einen Kompromiss. Für die Vertreter des Anti-Nurture-Lagers sind solche Schuldgefühle bei Eltern beunruhigend. Sie halten Kinder für resilient und erwidern, der Mensch entwickle sich sein ganzes Leben hindurch.

Die Soziologie-Professorin Glenda Wall von der Wilfried Laurier-Universität in Ontario hat Interviews mit kanadischen Mittelschichtsmüttern durchgeführt, und festgestellt, dass diesen durch die Fokussierung auf die Förderung der Hirnentwicklung der Kinder noch mehr abverlangt wird. „Die Mütter sind nicht nur verantwortlich für die körperliche Gesundheit und Sicherheit der Kinder (wobei die Messlatte hier ebenfalls immer höher gelegt wird), deren psychologische Gesundheit und Glück, sondern inzwischen auch für das künftige Potential ihres Gehirns und ihre Intelligenz“, schreibt sie in einem auf ihren Recherchen basierendem Paper.

... oder Eltern-Bashing?

Der Psychologe Stuart Derbyshire von der Universität Birmingham hat für das Internetmagazin Spiked kürzlich eine beißende Polemik verfasst, in der er sich über die, in seinen Worten, „Pseudowissenschaft der Eltern-Basher“ auslässt. Er hält die weitverbreitete Vorstellung, das Schicksal eines Menschen werde in den ersten fünf Lebensjahren bestimmt, für „vollkommen haltlos.“ „Jedem Defizit, an dem Kinder aufgrund von Unzulänglichkeiten in ihren ersten Lebensjahren leiden, kann man sich noch im späteren Leben widmen. Wissenschaftler, die sich opportunistisch für eine frühzeitige Intervention aussprechen, um so Veröffentlichungen Fördergelder zu begründen, laufen Gefahr, die Neurowissenschaften lächerlich zu machen“

Viele Experten vertreten inzwischen den Standpunkt, dass sich aus den verfügbaren neurowissenschaftlichen Daten schlicht keine aussagekräftigen Schlüsse ziehen lassen. Immer häufiger wird vor „Neuroschrott“ oder „Neuroquatsch“ gewarnt. Auch John Bruer beobachtet mit Unbehagen den Trend, sich auf „Neurofakten“ zu beziehen, um Erziehungstheorien oder politische Strategien zu untermauern. „Eltern ist ein äußert destruktives falsches Versprechen verkauft worden, das die Förderung von Babys und Kleinkindern zu Ungunsten langfristiger elterlicher und erzieherischer Verantwortlichkeiten überbetont.“

In den USA hätte der Missbrauch der Neurowissenschaften besonders arge Blüten getrieben: „Mittelschichtseltern wollen das Beste für ihre Kinder erreichen. In ihrem Umfeld herrscht extrem große Konkurrenz, in die richtigen Schulen zu kommen, die richtigen Leute kennenzulernen und den richtigen Job zu kriegen. Außerdem stehen ihnen die Zeit und die Mittel zur Verfügung, über solche Dinge nachzudenken und in Produkte zu investieren, die angeblich auf Erkenntnissen der Hirnforschung beruhen.“

Keine neurowissenschaftlichen Belege

Oliver James, der das Buch They F*** you up geschrieben hat, nennt die Annahme, das Eltern gar nicht so wichtig seien hingegen „kompletten Unsinn, postmodernes Gefasel.“ So etwas wollten die Leute hören, seufzt er. „Das letzte Mal hatten wir das mit dem Buch The Nurture Assumption von Judith Harris. Es war eine Schande und ließ eine Vielzahl von Belegen außer acht, unter anderem die gesamte Bindungstheorie.“ In dem 1998 erschienenem Buch hatte Harris gegen die Annahme argumentiert, dass die Persönlichkeit von Erwachsenen vor allem davon bestimmt werde, wie sie erzogen wurden.

James meint dazu: „Die Gegner der Nurture-Theorie wollen glauben, dass die Gene alles sind. Dabei lässt das Human Genome Project kaum Zweifel daran zu, dass die Gene weitgehend unbedeutend dafür sind, was aus uns wird.“ Überhaupt liefere die Neurowissenschaft nicht die einzigen Belege dafür, dass die ersten Lebensjahre für das spätere Leben entscheidend seien: „Allein über die Bindungstheorie gibt es über sechstausend Studien, Längsschnittstudien, die Menschen von der Geburt bis ins Erwachsenenalter begleiten.“ Und Belege für soziologische Gegentheorien zur Bindungstheorie existierten nicht.
Was sollten Eltern also anders machen?

Derbyshire meint: „Vor allem 'sollten' Eltern aufhören, sich darauf einzulassen, dass sie irgendetwas tun 'sollten'. Wir können verschiedene Ansätze bei der Kindererziehung gelten lassen und akzeptieren, dass die elterliche Erziehung für das Aufwachsen eines Menschen nicht das Ein und Alles ist. Statt sich ständig vom Rat der Experten auf die eigenen Ressourcen zurückwerfen zu lassen, könnten Eltern sich darauf konzentrieren, eine Gesellschaft zu schaffen, die eine Vielzahl von Bedürfnissen fördert und unterstützt, von denen nur eines ist, Kinder großzuziehen und sie dabei von Problemen fernzuhalten. Wir müssen uns beruhigen, wenn es um die Bedeutung der Kindheit geht.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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16:08 21.09.2011
Geschrieben von

Viv Groskop | The Guardian

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The Guardian

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