Zensur und Angst

South Park Die Fernsehstation Comedy Central zensiert eine South Park-Folge um die Macher vor der Rache extremistischer Muslime zu schützen. Ist der Sender zu weit gegangen?

Sie haben die Queen gezeigt, wie sie sich eine Kugel in den Kopf schießt, weil es der britischen Armee nicht gelungen ist, die USA zurückzuerobern. Saddam Hussein wurde als Geliebter des Satans und Jesus Christus als schießfreudiger Superheld dargestellt. Mormonen, Scientologen, Katholiken, Juden, Politiker und Filmstars wurden alle schon von dem messerscharfen Humor von South Park aufs Korn genommen.

Doch nun scheint die ätzende, animierte Satire im Rahmen des US-amerikanischen Mainstream-Fernsehens an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Fans und Experten waren gleichermaßen schockiert, als sie in der am vergangenen Mittwochabend ausgestrahlten Folge jede Menge Beeps und Balken zu hören und sehen bekamen, mit denen jede akustische oder visuelle Anspielung auf den Propheten Mohammed ausgeblendet wurde, der vermeintlich in einem Bärenkostüm in der Sendung auftrat.

Die Zensur folgte auf eine Warnung einer in New York ansässigen Gruppe konvertierter islamischer Extremisten, die man als Morddrohung verstehen konnte. Die Gruppe hatte auf ihrer Internetseite Revolutionmuslim.com auf die Folge der vergangenen Woche reagiert, in der bereits der Anschein erweckt worden war, Mohammed stecke in einem Bärenkostüm. Sie schrieben, Matt Stone und Trey Parker „dürften wie Theo van Gogh enden “. Um dies zu unterstreichen, stellten sie auf der Seite auch ein Bild Van Goghs ein, der 2004 ermordet wurde, nachdem er eine Dokumentation über den Missbrauch von Frauen in islamischen Ländern gedreht hatte, auf dem er tot, mit durchgeschnittener Kehle und einem Messer in der Brust zu sehen ist. Ebenfalls angegeben waren die Adressen des Fernsehsenders Comedy Central, der die Serie ausstrahlt und der Produktionsfirma von South Park mit dem Zusatz: „Ihr könnt ihnen unter diesen Adressen einen Besuch abstatten.“

Immer Ärger mit Mohammed

Nach der zensierten Sendung war in den Chatrooms der South Park-Website die Empörung der Fans groß. „Glaubt Ihr wirklich, dass das die Extremisten von der Anwendung von Gewalt abhalten wird?“, schrieb einer von ihnen. Nachdem sich eine Kontroverse entwickelt hatte, übernahm Comedy Central die Verantwortung für die Eingriffe. „Ich kann nichts zu den dahinterstehenden Überlegungen sagen, aber es war Comedy Central, die die Beeps eingefügt haben, nicht South Park“, sagte ein Sprecher des Senders. Diese Übernahme der Verantwortung dürfte für die Fans der Sendung eine große Erleichterung darstellen, die es gewohnt sind, dass der Serie nichts und niemand heilig ist.

Die Wirbel um Mohammed begann in der vergangenen Woche in der 200. Folge der Serie, als der Prophet eingeführt wurde, um die Zensur auf die Schippe zu nehmen. Der Witz bestand darin, dass Mohammed nur als Bär verkleidet zu sehen war, weil man ihn, so wurde in der Sendung gesagt, nach den Todesdrohungen gegen dänische Karikaturisten ja nicht mehr darstellen dürfe, weil Islamisten jede Darstellung als grobe Beleidigung ihrer Religion ansähen. In der Geschichte wurde er auf Betreiben früherer Opfer der Serie, angeführt von Tom Cruise, in die Handlung eingeführt, weil Cruise glaubte, Mohammed könne sie gegen weiteren Spott immun machen. In der Folge von dieser Woche wurde das Bärenkostüm nun ausgezogen, um zu offenbaren, dass nicht Mohammed, sondern Santa Claus sich darin verborgen hatte.

Es handelte sich um das zweite Mal, das South Park sich des Propheten annahm. 2006, kurz nach den gewaltsamen Protesten gegen die dänischen Karikaturisten, produzierten Stone und Parker eine Doppelfolge zum Thema, die ebenfalls von Comedy Central zensiert wurde, obwohl es damals keinen Druck von islamistischer Seite gab. Die jetzige Auseinadersetzung lenkt die Aufmerksamkeit auf Revolution Muslim, eine Gruppe von wahrscheinlich weniger als zehn Extremisten mit Sitz in New York, die vor dem Eingang der gemäßigten Moschee auf der 96ten Straße Flugblätter verteilen. Gegründet wurde sie von Yousef al-Khattab, einem Konvertiten, der als säkularer Jude unter dem Namen Joseph Cohen geboren wurde und in New York Fahrradtaxi fuhr, bevor er nach Marokko zog. Auf der Internetseite ist ein Bild von ihm zu sehen, auf dem er eine Machete in Händen hält und etwas um die Hüften geschnallt hat, das wie ein Sprengstoffgürtel aussieht. Die Gruppe kann bereits auf eine ganze Reihe extremistischer Statements verweisen, die zur Vermeidung juristischer Schwierigkeiten stets mit dem Hinweis versehen sind, man selbst sei gewaltlos. Eines der Mitglieder, Younus Abdullah Mohammad, sagte im vergangenen Jahr gegenüber CNN, die Angriffe vom elften September seien gerechtfertigt gewesen. „Viele Gruppen würden aus Angst vor Verhaftung vor einem derartigen Verhalten zurückschrecken, aber sie kümmert dies offensichtlich nicht“; meinte Yehudit Barsky vom American Jewish Committee, das die Gruppe beobachtet.

"Fallstudie"

Revolution Muslim stellte eine lange Erklärung auf ihre Seite, in der die Organisation behauptet, für einen rationalen Dialog mit Nichtmuslimen einzutreten. South Park aber habe sich über den Propheten lustig gemacht und islamische Gelehrte seinen der Überzeugung, dass „wer auch immer den Botschafter Allahs beschimpft“ müsse „getötet werden“.

Der 30 Jahre alte Abdullah Muhammad verteidigte das Posting der Gruppe gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: „Warum sollte dies eine Drohung sein? Wir zeigen eine Fallstudie dessen, was jemand anderem widerfahren ist, der sich in ähnlicher Weise verhalten hat. Wir verweisen nur auf eine Tatsache.“

Es ist unklar, ob Parker und Stone sich genötigt sehen werden, ihre Unbeugsamkeit unter Beweis zu stellen und das Thema in der kommenden Folge nochmals aufgreifen werden. Sie sind bekannt dafür, immer bis zur letzten Minute mit der Fertigstellung der Folge zu warten, um so aktuell wie möglich sein zu können. Die Kontroverse könnte sich aber auch vertiefen. Am Mittwoch posteten Fans in Chatrooms der Southpark-Seite mehrere Mohammed-Karikaturen, die allesamt wesentlich provokanter waren, als das, was in der Folge selbst zu sehen war. Eine von ihnen zeigte Mohammed in einer Baby-Windel und legte ihm die Worte in den Mund: „Hört auf! Ihr verletzt meine Gefühle.“

Übersetzung: Holger Hutt
09:00 24.04.2010
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

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