Zum Lachen

Humor One-Night-Stands mit Gott, Jokes über Vergewaltigungen. Sarah Silvermans Humor ist scharf, hart und stößt viele vor den Kopf. Jetzt zeigt sie sich von einer anderen Seite

Bettnässen zählt nicht unbedingt zu den Themen, über die man in der Öffentlichkeit gern spricht. Auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit ist es eine Quelle der Peinlichkeit und Scham, ein schmutziges Geheimnis, das man im Dunklen versteckt und von dem man sich – respektive die Laken – am andern Morgen reinwäscht.

Ganz anders Sarah Silverman. Die 39-jährige Komikerin, die in ihrer Heimat wie keine andere mit allen Tabus bricht, hat nicht nur gebeichtet, dass sie als Teenagerin ins Bett machte, sondern ihre Bettnässerei gleich auf den Titel ihrer Autobiografie gehoben: The Bedwetter: Stories of Courage, Redemption and Pee.

Vielleicht war von Silverman nichts anderes zu erwarten. Mit einer Kombination aus gutem Aussehen, unflätigen Stand-Up-Nummern und erfolgreichen TV-Sendungen ist sie zu einer der erfolgreichsten Komikerinnen ihrer Generation geworden. Silverman hat Heerscharen von Fans, die sie dafür verehren, dass sie sich über ethnische, religiöse und sexuelle Tabus hinwegsetzt. Gleichzeitig erzürnt sie eben damit die konservative amerikanische Mittelschicht. Schließlich hatte sie in einer Folge ihrer Fernseh-Show einen One-Night-Stand mit Gott. Und damit nicht genug: Gott war bei ihr ein Schwarzer, den ihr Fernseh-Alter-Ego am Morgen danach abservierte und rüde aus der Wohnung warf.

Offen anstößig

„Ethnie und Geschlecht sind seit Jahrzehnten ein heißes Eisen in der von Männern dominierten Welt des Humors. Silverman ist eine der wenigen Frauen, die offen anstößig sind und sich so einen Namen gemacht haben. Damit ist sie eine absolute Vorreiterin“, meint Ashley Dos Santos, Promi-Experte der PR-Agentur Crosby Volmer International Communications.

Doch mit dem, was Silverman jetzt getan hat, war wohl am allerwenigsten zu rechnen. Sie hat ein bewegendes, offenherziges Buch geschrieben, das die Kritiker ob der Darstellung der echten Silverman hinter dem Fernseh-Image ins Schwärmen versetzt. Es wirft ein ausgesprochen persönliches Licht auf die Komikerin, die ihr Privatleben bislang vehement abschirmte und kaum etwas darüber verriet, inwiefern ihre wahre Persönlichkeit sich von ihrer vulgären Bühnenfigur unterscheidet.

Für ihr Buch bekommt sie dabei Beifall von ungewohnter Seite. "Sarah Silverman hat eine Autobiographie geschrieben, die süß, witzig, authentisch und, ich wage gar zu sagen, bisweilen ergreifend ist", schrieb der Literaturkritiker Jim Higgins in der Zeitung Journal Sentinel aus Milwaukee, deren Leserschaft aus jenem Teil des mittleren Westens stammt, den Silverman naturgemäß mit Vorliebe gegen sich aufbringt.

Weshalb die konservativen Amerikaner sie normalerweise ablehnen, ist schnell erklärt. Silvermans Karriere ist mit skandalträchtigen Zwischenfällen gepflastert – in der Regel ging es darum, dass sie Witze über Rassismus oder Sexismus macht. Zu den berühmtesten Vorfällen zählt ihr Gastauftritt in der Conan O’Brien Show 2001, wo sie das Wort „Chink“ („Schlitzauge“) benutzte. Ihr Auftritt wurde von Gruppen, die die Interessen Amerikaner asiatischer Herkunft vertreten, scharf verurteilt. O’Brien und NBC sahen sich daraufhin zu einer überstürzten öffentlichen Entschuldigung gezwungen. Silverman entschuldigte sich jedoch nicht. 2005 setzte sie mit einer Doku noch einen drauf, in der sie todernst darüber Witze riss, sie sei von einer bekannten New Yorker Person aus Funk und Fernsehen vergewaltigt worden.

Keine rassistischen Witze, sondern Witze über Rassismus

Silvermans Humor ist zweifellos nicht jedermanns Sache, er arbeitet sich fast zwanghaft an kindlichen Beleidigungen ab, bei denen es um Hautfarbe, Geschlecht und Körperfunktionen geht. Doch sie will sich nicht über Themen wie Ethnie oder Geschlecht lustig machen, sondern über die Rassisten und Sexisten. Nehmen wir den „Schlitzaugen“-Witz aus der O’Brien-Show. Der Witz bestand darin, dass Silvermans Bühnenfigur sich um eine Berufung als Geschworene drücken will. Ein Freund schlägt ihr vor, sie soll auf das Auswahlformular etwas Beleidigendes schreiben, zum Beispiel "Ich hasse Schlitzaugen". Die Pointe ist, dass Silverman nicht als Rassistin dastehen will: "Also schrieb ich 'Ich liebe Schlitzaugen' – und wer tut das nicht?", verriet sie mit gespielter Unschuld. Egal ob man das lustig findet oder nicht, klar ist, dass der Witz sich über den Rassismus von Silvermans Bühnenfigur amüsiert und nicht etwa Amerikaner asiatischer Herkunft beleidigen will.

Silvermans Buch beschäftigt sich mit den Konsequenzen ihres Auftritts in der O’Brien Show und ihrem Bedauern über einige Dinge, die sie gesagt hat. Wir lernen sie als eine Person kennen, die sich gelegentlich schämt, weil sie die Gefühle anderer verletzt. „Alles in allem sind Komiker im echten Leben ganz anders als auf der Bühne“, meint auch der Promi-Journalist Gayl Murphy, Autor des Buchs Interview Tactics.

Wie es ist, wenn man sich schlecht fühlt, das scheint Silverman aus erster Hand zu kennen. The Bedwetter ist streckenweise quälend ehrlich, wenn es um die Probleme geht, die sie als Heranwachsende hatte – und die später die Grundlage ihres Humors ausmachen sollten.

Silverman war Bettnässerin bis sie in die Highschool kam. Sie hatte eine klinische Depression, wie eine ganze Reihe von Komikern, darunter auch Peter Sellers und Tony Hancock, die ihre persönlichen Dämonen in ihrer Comedy verarbeiteten. „Viele Komiker ziehen ihre Inspiration aus einer schwierigen Vergangenheit“, meint die Ärztin Bobbie McDonald, Gastgeberin der Radiosendung Inside the Mind. Silverman beschreibt den Ausbruch ihrer Depression sehr poetisch: "Es ging so schnell, wie wenn eine Wolke sich plötzlich vor die Sonne schiebt. Es war gleichzeitig niederschmetternd real und auf erschreckende Art nicht greifbar. Ich fühlte mich hilflos, aber nicht so, wie ich es vom Bettnässen her kannte. So schnell und beiläufig wie jemand sich eine Grippe einfängt, fing ich mir eine Depression ein und sie sollte drei Jahre lang andauern."

Ihr Therapeut erhängte sich

Ein weiterer Tiefschlag in Silvermans Leben war der Selbstmord ihres Therapeuten als sie 13 Jahre alt war. Sie erfuhr davon in seinem Wartezimmer durch einen seiner Kollegen, der hereinstürmte und sagte, er habe sich erhängt. Das Grauen dieses Vorfalls beschreibt Silverman mit sarkastischem Humor: „Es sollte ein Protokoll geben, einen Maßnahmenkatalog, der regelt wie man depressiven Teenager-Mädchen mitteilt, dass sich ihre Therapeuten umgebracht haben.“

Doch die faszinierendste Verbindung zwischen Silvermans Privatleben und ihren öffentlichen Auftritten lässt sich aus dem Bettnässen – und seiner Überwindung – ableiten. Sie wuchs in einer lauten, liebevollen jüdischen Familie in New Hampshire auf. Es hätte das perfekte Idyll sein können, doch es wurde davon überschattet, dass sie nachts ins Bett machte. Sie beschreibt, wie sie einmal auf eine Klassenreise gehen wollte und ihre Mutter für sie einen Schlafsack voller Windeln vorbereitete.

Eines Abends jedoch sah sie in der Tonight Show, wie eine Schauspielerin über ihre eigenen Probleme mit Bettnässen sprach. Mit einem Schlag wurde Silverman klar, dass sie ihre Probleme in die Hand nehmen und sich nicht von ihnen kleinkriegen lassen durfte. Sie verortet ihre Furchtlosigkeit als Komikerin in dieser Erfahrung, die sie als Teenager lehrte, wie man ein starkes Schamgefühl überwindet. „Mein frühes Trauma erwies sich als Geschenk für diesen Beruf, bei dem es am besten ist, wenn man das Gefühl hat, nichts verlieren zu können“, erklärt sie.

Natürlich haben auch andere Faktoren dazu beigetragen, dass es Silverman gelungen ist, mit Parodien auf gesellschaftliche Klischees Karriere zu machen. Silverman hat bei ihrem Aufstieg auf der Karriereleiter der Unterhaltungsindustrie sowohl von ihrem Aussehen als auch von ihrer ethnischen Herkunft profitiert. Als Jüdin kommt sie mit ethnischen Witzen leichter durch, als wenn sie eine weiße Protestantin wäre. Die Tatsache, dass sie eine junge, attraktive Frau ist eröffnet ihr einen größeren Spielraum, wenn sie Witze über Themen wie Vergewaltigung macht, als man einem Mann zugestehen würde.

Doch Silverman reizt diesen Spielraum enorm aus. The Bedwetter zeichnet nicht nur das ergreifende Bild einer aufgewühlten Frau, die es schafft, sich mit Hilfe der Komik zu artikulieren und ihre Probleme zu überwinden, es enthält auch eine Menge von Silvermans charakteristischem Humor, der immer noch garantiert beleidigend ist. Im Nachwort – angeblich von Gott verfasst – rühmt sich dieser der Tatsache, dass er Aids und Krebs geschaffen hat.

Das Buch enthält auch eine bissige Anklage gegen die Verlagswelt und die Prominenten, die sie nähren. „Ich schreibe dieses Buch nicht, um andere an meiner Weisheit teilhaben zu lassen oder um sie zu inspirieren“, schreibt sie. „Ich schreibe dieses Buch, weil ich eine berühmte Komikerin bin. So läuft das nun mal. Wenn man berühmt ist, dann darf man ein Buch schreiben, nicht anders herum.“ Auf den ersten Blick mag das sehr arrogant klingen. Auf den zweiten erkennt man, was sie meint. Silverman hält der Welt durch ihren Humor einen schonungslos ehrlichen Spiegel vor und was wir darin erblicken, kann ziemlich hässlich aussehen. Bettnässen, das hat sie herausgefunden, ist unser kleinstes Problem.

Sarah Silverman über ...

... unter Tränen lachen

„Ich will immer lachen, wenn etwas traurig ist. Über alles andere muss man nicht lachen. Ich bin solchen Dingen gegenüber nicht abgestumpft. Manchmal verdunkelt sich die Welt um mich herum immer noch, wenn ich an den 11. September denke. Ich glaube, es verhält sich hier so ähnlich wie mit den Schlägertypen in der Schule. Sie haben Angst und sind dünnhäutig, deshalb ist es eine Art Überlebenstaktik, dass sie Schläger werden. Ich glaube, das ist bei Komikern dasselbe.“

.... weshalb man über manche ethnische Gruppen großartig Witze reisßen kann

„Die witzigsten Kulturen sind doch diejenigen, die am meisten unterdrückt wurden: Schwarze und Juden. Nicht, dass sie die einzigen witzigen Gruppen wären, aber kulturell gesehen hat es etwas mit dem Schmerz zu tun.“

... die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Ethnien

„Die Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen ließe sich enorm verbessern, wenn wir unsere Ängste und Gefühle akzeptieren und aussprechen könnten.“

... wie man kulturelle Tabus durch Humor bricht

„Ich glaube, man kann über alles Witze machen, sofern es witzig genug ist.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:15 13.05.2010
Geschrieben von

Paul Harris | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2021

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