Zum Tee bei Yassir Arafat

Gazastreifen Durch den Gefangenenaustausch mit Israel hofft die Hamas verlorene Sympathisanten und Anhänger zurückzugewinnnen, zuletzt hat sie zusehends an Rückhalt eingebüßt

Nachdem Israel die Kontrolle über die Grenze zu Ägypten verloren hatte, konnte Samah Ahmed jahrelang relativ frei reisen. Damit war es jäh vorbei, als die Hamas auf Samahs scharfe Kritik an den nicht übermäßig beliebten Regierenden in Gaza-City aufmerksam wurde. Samah wurde bei einer Demonstration geschlagen, man stach mit Messern auf sie ein. Ihr Bruder wurde ermahnt, sich besser um seine Schwester zu kümmern. „Ich versuche, die Wahrheit zu sagen. Das gefällt der Regierung möglicherweise ganz und gar nicht“, schreibt Samah auf ihrem Blog. „Alles, was nicht von der Hamas organisiert wird, gilt in deren Augen als regierungsfeindlich.“

Nach dem Austausch des israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen zunächst fast 500 palästinensische Häftlinge im Oktober hat die Hamas einen lang entbehrten Popularitätsschub erlebt, der Ismail Radwan, einen der Führer der Bewegung, zu der optimistischen Aussage veranlasst hat: „Die Menschen sehen nun zur Hamas auf. Mit der Befreiung der Gefangenen aus israelischer Haft hat ihnen die Hamas etwas gegeben, das ihnen sonst niemand zu geben vermag. Wären morgen Wahlen, würden wir noch mehr Stimmen erhalten als im Januar 2006.“

Doch überspielten die Massenaufläufe, mit denen die zurückkehrenden Palästinenser begrüßt wurden, eine wachsende Ernüchterung über die nunmehr fünfjährige Herrschaft der bewaffneten islamistischen Partei. Korruption, die Unterdrückung einer Opposition und die Auffassung, gewaltsamer Widerstand gegen die israelische Besatzung sei wichtiger, als für Arbeitsplätze zu sorgen, erzeugen Unruhe und Unzufriedenheit.

Große Häuser, neue Autos

„Der Gefangenenaustausch bringt der Hamas zwar wieder mehr Zuspruch“, sagt der Politikwissenschaftler Mkhairmar Abusada von der Al-Azhar-Universität in Gaza. „Das wird aber bestenfalls ein paar Monate vorhalten. Länger nicht. Die Beliebtheit von Hamas nimmt mit jedem Jahr ab, das sie an der Macht ist. Die Regierung von Gaza-City hat objektiv zur israelischen Blockade und Belagerung geführt. Auch wenn Israel für diese Maßnahmen verantwortlich ist, geben viele Leute Hamas die Schuld, dass es sie gibt. Die Palästinenser haben nun einmal diese und keine andere Gruppierung gewählt, weil sie sich von ihr Reformen und Veränderungen versprachen. Sie haben geglaubt, ihre Stimme nicht für Belagerung, Blockade und Arbeitslosigkeit zu geben, sondern für ein Ende der Korruption. So gut wie nichts davon ist eingetreten.“

Der Wahlsieg von Hamas im Januar 2006 ging größtenteils auf den Unmut über die Korruption und die autoritären Gebaren der einst regierenden Fatah zurück, die bis zu dessen Tod im November 2004 von Yassir Arafat geführt worden war. Viele Bewohner von Gaza äußern nun ähnliche Klagen über Hamas.

„Sie sind wieder bei der altbekannten Korruption angelangt“, sagt Mohammed Mansour. Der Menschenrechtsaktivist gehört zur wachsenden Zahl junger Palästinenser, die auf politischen Wandel drängen. „Hamas ist eine Partei, die nur für sich selbst und die eigenen Anhänger etwas tut. Wer einen Job oder ein Geschäft betreiben will, muss Hamas unterstützen. Einige Leute sind in dieser Organisation sehr reich geworden. Man kann sie sehen, die großen Häuser und neuen Autos.“

Bei den Bewohnern von Gaza, die mit Massenarbeitslosigkeit und niedrigen Einkommen kämpfen, hat das für Verärgerung gesorgt. Wirklich verzweifeln aber lässt sie die schwindende Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte, weil Hamas den Konflikt mit Israel über den Wiederaufbau der Wirtschaft stellt. Zudem hat die zuweilen gewalttätige politische Fehde mit dem Erzrivalen Fatah die Palästinensergebiete gespalten. Während die Hamas den Gazastreifen kontrolliert, regiert Fatah in der Westbank. Eine Spaltung, die Israel in die Hände spielt.

„Ich glaube, die Leute sind nun anders“, meint Ola Anan, eine 27-jährige Computeringenieurin. „Es ist zu lange her, dass sich irgendetwas verändert hat. Alle glauben, wenn es Veränderungen geben wird, dann nur zum Schlechten. Manchmal denke ich, wir sollten uns den Arabischen Frühling zum Vorbild nehmen und etwas Neues schaffen. Die Leute haben einfach genug.“

In der Tat blieb der Arabische Frühling im Gazastreifen nicht ohne Wirkung. Freilich verläuft die Konfrontation mit den Regierenden hier zurückhaltender, nicht zuletzt, weil Hamas – anders als die gestürzten Regimes anderer arabischer Länder – eine offene und freie Wahl gewann.

Ola Anan hat im März an einer Demonstration teilgenommen, bei der verlangt wurde, dass Hamas und Fatah ihre Differenzen beilegen und die Palästinenser-Gebiete unter gemeinsamer Regierung vereinen sollten, um Israel besser entgegentreten zu können. Die Organisatoren riefen dazu auf, als Zeichen der Einheit ausschließlich die palästinensische Fahne zu schwenken. Die Aktivisten taten mehr, sie dachten an den Tahrir-Platz in Kairo und errichteten Zelte. Es gab Poster, auf denen zu sehen war, wie Yassir Arafat dem von Israel aus der Luft getöteten geistlichen Hamas-Führer, Scheich Ahmed Yassin, eine Tasse Tee einschenkt.

„Wir forderten, die Regierung müsse umgebildet, jedoch nicht ersetzt werden“, erinnert sich Samah Ahmed, die ebenfalls dabei war. „Nach Tunesien und Ägypten hatten wir entschieden, nicht länger schweigen zu dürfen. Die vier Jahre des Abstands zur Westbank haben das soziale Leben und den Alltag der Menschen beeinträchtigt. Wie sind auf den Markt gegangen, um mit den Leuten zu sprechen und ihnen zu erklären: Wird die Kluft zum Westjordanland überwunden, ist das ein erster Schritt, die Besatzung zu beenden.“

Dorn im Auge

Die Hamas – empfindlich, wenn es um ihre Autorität geht – reagierte umgehend, indem sie die Demonstration zunächst kaperte und dann den Aktivisten mit Gewalt begegnete, die versuchten, den Protest nach dem Vorbild Ägyptens fortzuführen. Ein Mann in Hamas-Uniform stach mit einem Messer auf Samah Ahmed ein, die ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. „Sie gingen mit viel Gewalt gegen die vor, die blieben“, erzählt Ola Anan. Sie sei der Hamas wegen der Kritik, die sie auf ihrem Blog artikuliere, ohnehin ein Dorn im Auge: „Ich fühle mich beobachtet. Sie haben meinen Bruder gedroht. Sie haben uns unsere Kameras und unsere Telefone abgenommen. Sie können das machen, aber ich werde weiter nach dem Recht auf Freiheit streben.“

Die Hamas werde zu dem, wogegen sie sich eigentlich wende, glaubt Samah Ahmed. Junge Aktivisten, die in deren Visier gerieten, würden am Reisen gehindert und observiert. Sie müssten Computer und Mobiltelefone abgeben. „Der Gazastreifen ist nicht groß“, sagt Ahmed. „Sie können sich nicht verstecken, und es gibt niemanden, der sie schützt.“

Der hochrangige Hamas-Vertreter Ismail Radwan winkt ab: „Die Leute, die solche Vorwürfe erheben, hassen uns und kollaborieren mit Israel. Die Hamas respektiert die Redefreiheit. Die Freiheit, wie sie die Menschen hier genießen, gibt es nirgendwo sonst, auch nicht in Großbritannien oder in den USA.“

Eine schwindende Unterstützung für die Hamas bedeutet im Gegenzug nicht, dass die Fatah in der Gunst der palästinensischen Bevölkerung steigt. Der Antrag auf staatliche Anerkennung, vor den Vereinten Nationen gestellt durch ihren Führer Mahmud Abbas, – hat zwar Sympathien erneuert, aber – so Abu Shala – viele Palästinenser würden der Fatah wegen Korruption und Machtmissbrauch in der Vergangenheit misstrauisch gegenüber stehen. „Der Fatah gelingt es nicht, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen, obwohl die Sympathien für die Hamas schwinden“, meint er. „Die Hamas wird im Gazastreifen nicht wieder so stark wie gehabt, weil die Leute sie an der Regierung erlebt haben. Sie missbiligen die Missachtung von Menschenrechten und eine gekappte Meinungsfreiheit.“ In der Westbank hingegen könne die Hamas Stimmen hinzu gewinnen, wenn es mit dem Friedensprozess nicht vorangehe. Abu Shala: „Die Israelis sind immer noch da und die Siedler auch. Die Palästinenser in der Westbank, die unter keiner Hamas-Herrschaft gelebt haben, werden auf den Gefangenenaustausch schauen und sagen, dass die Hamas weiß, wie man mit den Israelis umgehen muss.“

Chris McGreal ist Nahost-Kolumnist des GuardianÜbersetzung: Zilla Hofman

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13:00 11.12.2011
Geschrieben von

Chris McGreal | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 37/2021

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