Zwei Leben eines Mannes in Sidi Bouzid

Tunesien Der Selbstmord eines Gemüsehändlers setzte eine Revolution in Gang. Zu Besuch bei der Familie Mohammed Bouazizis, der sich selbst verbrannte und zum Märtyrer wurde

Wenn Mohammed Bouazizis 16-jährige Schwester Basma an ihren Bruder denkt, erinnert sie sich an die kleinen Geschenke, die er mitbrachte, wenn er von seiner Arbeit als Obstverkäufer in der Stadt Sidi Bouzid zurückkehrte.

Die Welt kennt einen anderen Mohammed Bouazizi: Einen armen und verzweifelten, von den Behörden schikanierten jungen Mann, der sich in dieser Stadt in der Mitte Tunesiens selbst verbrannte und damit eine Revolution in Gang setzte, die den Diktator des Landes stürzte. Die Tat hallt in der arabischen Welt wieder.

„Er war witzig“, sagt Basma „und großzügig.“ Sie hält kurz inne, um sich den älteren Bruder ins Gedächtnis zu rufen, der sie früher morgens zur Schule gebracht hatte. „Wenn er wütend auf mich gewesen war, kam er später immer zu mir und bat mich um Verzeihung.“

Seine Mutter Manouiba zeigt das winzige, weiß gestrichene Schlafzimmer, das ihr verstorbener Sohn mit seinem jüngeren Bruder Karim teilte. Nur ein paar Kissen und Bettdecken sind darin, an den weißen Wänden keine Bilder. Nichts weist auf das einstige Leben hier hin, nichts scheint verbunden zu sein mit dem Namen, der durch Bouazizis Tat plötzlich aus der Unbekanntheit gerissen wurde und zu entsetzlichem Ruhm gelangte. Seine Mutter nimmt eine graue Wolljacke aus dem einzigen Möbelstück, einem Kleiderschrank, und drückt weinend ihr Gesicht hinein. Die Jacke gehörte Mohammed.

In der staubigen Stadt Sidi Bouzid scheint es zwei Mohammed Bouazizis zu geben. Den einfachen jungen Mann von 26 Jahren, der so hart arbeitete, um seine Schwestern zur Schule und Universität zu schicken und für knapp vier Euro am Tag am Straßenrand Obst verkaufte. Ein Mann, der den örtlichen Behörden häufig mehr Schmiergeld zahlen musste, als er am Tag verdiente, um seinen Stand aufbauen zu können, weil er keine Erlaubnis erhielt. Und dem sie an anderen Tagen – wie dem, an dem er sich selbst in Brand setzte – aus einer Laune heraus sein Geschäft dicht machten.

Und da ist der Mohammed Bouazizi, der bereits zu Mythos erhoben wurde, zu einem arabischen Jan Palach. Der tschechische Student hatte sich 1968 in seinem Land auf dieselbe Weise das Leben genommen. Doch wo seine Tat eindeutig politisch war, war Bouzizis Tod Ausdruck einer Frustration, die nicht geäußert werden konnte. Nun gibt es Interesse an Bouzizi und seiner Stadt. Der vormals weitgehend unbekannte Ort wurde durch soziale Netzwerke wie Twitter einer größeren Öffentlichkeit zum Hashtag für Tunesiens Revolution und in Tunesien zu einem Slogan für sich.

Jemand hat ein Portraitbild Mohammeds an das gekachelte Monument vor den Verwaltungsgebäude der Stadt geheftet, dort wo Mohammed von einer weiblichen Angestellten misshandelt und geschlagen worden war, als er sich beschweren wollte, weil er nicht seiner Arbeit nachgehen durfte. Der Tag seiner Selbstverbrennung – die ihm grauenhafte Verletzungen zufügte, ihn aber nicht sofort tötete – steht auf den Wänden geschrieben, das Graffito ruft die Stadt als „Ort der Freiheit“ aus. Seine Freunde und Familie erinnern sich an ihn als einen jungen Mann der sich an einfachen Dingen erfreute, keine Zeit für Fußball oder Musik hatte, der seine Familie liebte und unterhielt, und heiraten wollte. Er sparte für einen Pick-Up, um zum Obsthandel fahren zu können, statt zu Fuß gehen zu müssen.

Dadurch, dass er nicht offensichtlich irgendeiner politischen oder religiösen Gruppe angehörte, eignet er sich vielleicht noch besser als Symbol der tunesischen Revolution: Hart arbeitend, optimistisch und großzügig, verarmt, aber entschlossen, weiter zu kommen – ein gewöhnlicher Mann, der von einen verderbten System zermürbt wurde. „Er war an dem Morgen so glücklich,“ erinnert sich seine Mutter. Er habe nie über Selbstmordgedanken gesprochen. „Er hat wegen seiner Arbeit nicht viel geschlafen. Nur ein paar Stunden, aber er war glücklich. Er war am Abend zuvor um zehn Uhr auf den Markt gegangen, um seine Waren einzukaufen, und hat das Haus dann um acht Uhr nach dem Frühstück verlassen.“

Da hat sie ihrem Sohn das letzte Mal bei Bewusstsein gesehen. Von dem, was später passierte, erhielt sie zuerst von einem Nachbarn Nachricht. Ihr Sohn, so wurde ihr gesagt, sei krank. Nichts davon, wie er sich, zornig über die Misshandlung durch die Polizei und die Behörden, die ihm nicht erlaubten, Beschwerde einzulegen, vor den Toren der Behörde, draußen, wo die Autos vorbeifahren, mit Benzin übergossen hatte. Das erfuhr sie erst später, und als sie es hörte, wurde sie ohnmächtig.

Das örtliche Krankenhaus konnte Bouazizis schlimme Wunden nicht behandeln, also wurde er zuerst in das 112 Kilometer entfernte Sfax gebracht und dann, als das Interesse der Regierung an seinem Fall parallel zu den Demonstrationen in seinem Namen zunahm, in ein Krankenhaus in Tunis. Seine Mutter sagt: „Wir sind arm in Sidi Bouzid. Wir haben kein Geld, aber wir haben unsere Würde, und seine wurde ihm durch die Schläge und falschen Worte genommen.“ Und während es der Name ihres Sohnes ist, der Ruhm erlangte und Journalisten aus aller Welt in das einstöckige Haus mit den vier Zimmern lockt, in dem er lebte, geht es in der Geschichte ebenso um seine Familie wie um ihn.

Denn die Bouazizis stehen für etwas, dass man in der ganzen arabischen Welt gut kennt: Arme, gute Leute aus dem harten, unergiebigen Umland der Städte – ein Dorf namens Sidi Salah, wo Bouazizi in eine Dorfschule mit nur einem einzigen Klassenzimmer ging. Es ist auch die Geschichte einer Mutter, die als Tagelöhnerin auf den Feldern arbeitete, während Bouazizi sich als Straßenverkäufer verdingte, der dazu beitragen wollte, dass seine Familie es in diesem Land, in dem Wohlstand und Chancen seit Jahrzehnten in den Händen einer winzigen Elite konzentriert sind, durch Bildung einmal besser haben würde. Ein Land, in dem auf Menschen wie die Bouazizis herabgesehen wird, wo sie misshandelt werden.

„Wenn er Freizeit hatte, blieb er bei der Familie zuhause,“ erzählt Basma. „Sein Traum war zu erleben, dass seine Schwestern auf die Universität gehen.“ Draußen ertönt die Stimme einer Frau, laut und aufgebracht. Ein Freund der Familie erklärt, es sei Mohammeds Tante Mouniya. Sie richtet ihre Wut gegen die tunesischen Männer, die schweigend dastehen: „Warum hat es so lange gedauert, bis die tunesischen Journalisten gekommen sind?“, fragt sie. „Die ausländischen haben uns doch gefunden? Warum ist der Bürgermeister nicht zu Mohammeds Beerdigung gekommen?“

Einige der Familienmitglieder sehen verlegen aus. Sie sind, legen sie dar, keine politischen Menschen. Tatsächlich hat Frau Bouazizi sich sogar gefreut, als Präsident Zine al-Abidine Ben Ali, der von der Revolution gestürzt wurde, die ihr Sohn entfacht hat, Mohammed im Krankenhaus besuchte. Der Schmerz, der ihrem Sohn zugefügt worden war, wurde in ihren Augen endlich anerkannt. „Trotz seines Todes bin ich stolz auf meinen Sohn, denn all die Araber sind wegen ihm Teil der tunesischen Revolution.“ Das andere dem Beispiel ihres Sohnes folgen, wie einige es bereits getan haben, wünscht sie aber nicht: “Ich möchte den jungen Männern, die das getan haben, sagen, dass sie so etwas nicht tun sollten nur um ihren Stimmen Gehör zu verschaffen.“

Außerhalb Sidi Bouzids, ungefähr zwanzig Kilometer entlang der staubigen Hauptstraße, weist ein Schild darauf hin, dass ein Feldweg nach Sidi Salah führt. Der Friedhof liegt kurz hinter dem Dorf. Es gibt hier ein paar Bäume und in der Entfernung eine Kette ockerfarbener Hügel. Bouazizis Grabstein ist ein grauer Zementblock, darin eingelassenen zwei hübsche und mit Wasser gefüllte gelbe Schälchen. Davor knien trauernd sein Onkel Amar und seine zwei Cousins.

Das Grab ist nicht an einer Inschrift zu erkennen, aber es sind mehr Journalisten als Familienangehörige da, und es kommen noch mehr an. Mohammed Bouazizis Name wird so schnell nicht vergessen werden.

Übersetzung: Zilla Hofman

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17:00 21.01.2011
Geschrieben von

Peter Beaumont | The Guardian

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The Guardian

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