Thomas Groh
Ausgabe 2513 | 19.06.2013 | 16:00 2

Junge, komm bald wieder

Fracking Gus Van Sants „Promised Land“ mag eine Herzensangelegenheit von Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Matt Damon sein. Vor allem ist der Film ein Politmärchen

Steve Butler ist ein Mann, der morgens in den Spiegel schauen kann. Im amerikanischen Hinterland aufgewachsen, in der Großstadt was geworden, sind zuletzt auch die höheren Etagen der Global Crosspower Solutions auf ihn aufmerksam geworden: Keiner in der Firma bringt die Farmer auf dem Land so kostensparend dazu, dem Konzern Grund und Boden zum intensiven Abbau von Erdgas zu überlassen. Sein Geheimnis? Er kennt seine Leute, sie kennen ihn. Sagt er.

Zwischen ihn und seine Überzeugungen, den wirtschatftlich siechen Landstrichen Gutes auch noch dort zu tun, wo er mit Dumping-Beträgen lockt, passt kein Stück Papier, schon gar keine nostalgische Verbundenheit zur eigenen Herkunft. Kurz vorm Sprung von den 99 zu dem einen fehlenden Prozent muss er sich des Ruchs von Anzug und Krawatte, von smarter Finanzdenke und Uni-Bestnote allerdings erst entledigen: In Großvaters Stiefel (Achtung, Allegorie!) und legere Klamotten geschlüpft, ein nicht gar zu slickes Auto besorgt – fertig ist die „Einer von Euch“-Camouflage mit eingeübt fraternisierenden Kumpelsprüchen für den Ersten Mann der Konzern-Drückerkolonne.

Hauptrolle, Drehbuch, Produktion, Herzensangelegenheit: Matt Damon im Kampf gegen „Fracking“, ein wegen seiner ökologischen Risiken umstrittenes Verfahren zur Förderung von vormals unzugänglichem Erdöl und Erdgas. Für die USA die Chance auf eine neue geopolitische Unabhängigkeit von Krisenregionen und damit weniger unpopuläre Kriege – für den agrikulturellen Sektor die Chance auf florierenden Wohlstand mit dem Risiko der völligen Verödung der Felder und Äcker, die Promised Land bereits im Vorspann mit melancholischem Blick abtastet: Heiliges Land, wo die USA seit je so amerikanisch sind wie ein hemdsärmelig am Pickup-Truck getrunkener Kaffee.

Das Gute soll siegen

Während Butler sich bemüht, den Leuten das Land zu lachhaften Bedingungen abzuluchsen, sorgt erst ein störrischer alter Lehrer (Hal Holbrook) mit Internet-Anschluss und schließlich ein Öko-Aktivist (John Krasinski) mit deutlich besseren Social Skills als Butler für Unruhe.

Was zuvor Stoff für Expertendebatten war, ist jetzt Kino. Vielleicht war dies Matt Damons Hoffnung, als er den zwischen hoher Filmkunst, Hollywood-Schmier und Indie-Fluff mit Wohlgefälligkeitsappeal changierenden Gus Van Sant hinzugeholt hat. Vor elf Jahren gingen beide für die existenzialistische Ambient-Meditation Gerry, die sich zu Klängen von Arvo Pärt am Slow Cinema von Béla Tarr orientierte, in die Wüste. Nun lassen sie die osteuropäische Kunst des Tiefsinns weit hinter sich und liefern ein schlicht ausgezirkeltes Hollywood-Politmärchen mit Anspruchskolorit. Am Ende siegt nach einem lange um die Ecke schielenden Plottwist erwartbar das Gute, weil das Gute siegen soll. Erbauungsprosa, der man kaum so böse sein kann, wie man eigentlich sollte: Ach, wäre es nicht schön, wenn das in echt auch mal alles so leicht ginge?

Amerikanische Identität

Vielleicht geht es aber auch gar nicht so sehr um das Fracking, sondern vor allem um amerikanische Identität: Promised Land zeigt ein Land, das am Keimort seines Nationbuildings aufs Neue über die Grundlagen seiner Identität zu sprechen kommt: „USA Today“ steht einmal in wenig dezenter Doppeldeutigkeit mitten im Bild, als Butler bei einer großen Aussprache in der Turnhalle der Stadt punkten will, füllt die US-Flagge das gesamte Bild hinter ihm. Die USA, seit Langem zerrissen zwischen mittelständischem Betriebs- und international operierendem Konzern-Kapitalismus – und der Seitenwechsler Butler, zusehends selbst von Zweifeln zerrissen, mittendrin.

Zu Danny Elfmans melancholischer Musik leisten Damon/Van Sant Arbeit am nostalgischen Gefühl: Weite Landschaften, von Linus Sandgrens zärtlich eingefangen, Blicke in sumpfige Biotope hinter holzigen Hütten und rustikaler Farmer-Chic formulieren eine Sehnsucht nach dem ursprünglichen, vom Rest der Welt vielleicht wieder etwas abgewandten Amerika, nach dem das Kino derzeit häufiger Ausschau hält – in der völlig dubios geratenen Stephenie-Meyer-Verfilmung Seelen birgt es Trost gegenüber den Zumutungen der zwar bodysnatchenden, allerdings (mittels eines geleckten Wohlfühl-Apple-Kommunismus) Krieg und Hunger beendenden Alien-Invasoren. Auch Superman, der diese Woche in Brachialform ins Kino klotzt, darf erst Großstadtluft schnuppern, nachdem er sich als Junge aus Kansas daselbst bewährt hat.

Wenn Karrierebubi Butler am Ende von Promised Land nach langwieriger, unter großen Reden (genau getimter Musikeinsatz – Profis!) und geläuterten Blicken bewerkstelligter Klärung von klassensolidarischen Problemlagen wieder zum Landei wird und gesenkten Hauptes dorthin zurückkehrt, wo er hergekommen ist, meint man schließlich glatt, Freddy Quinn im Ohr zu haben: „Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus.“

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 25/13.