Wie gehabt

Linksbündig Der magische elfte September

Beim "Theater der Welt" gab es in der Wagenhalle des Stuttgarter Nordbahnhofs eine höchst originelle Ausstellung unter dem Titel "Of All the People in All the World". Der intelligente Einfall der Künstlergruppe Stan´s Cafe war es, statistische Relationen, die nur schwer nachzuvollziehen sind, durch ihre Verräumlichung - durch Haufen von Reiskörnern nämlich - vorstellbar zu machen. Dasselbe ließe sich auch durch eine Übersetzung in die zeitliche Dimension bewirken.

Bei der Premiere des indischen Gastspiels Kashinama forderte die Festivalleiterin Marie Zimmermann das Publikum auf, mit einer Schweigeminute der Opfer des gerade gemeldeten Terroranschlags in London zu gedenken. Die Realität war ins Theaterfest eingebrochen, hatte die Laune verdorben. Die Schweigeminute sollte das Alibi liefern für den verweigerten Ausfall der Aufführung, den ohnedies niemand verlangt hatte. Eine Schweigeminute für 56 Tote - das macht für die 60.000 Kinder, die eine satte Welt am gleichen Tag weltweit verhungern ließ und die nicht weniger unschuldig sind als die Toten von London, 1.071 Schweigeminuten oder 17 Stunden und 51 Minuten des Schweigens. Am Tag darauf hätte man ebenso lange schweigen müssen, und auch heute und morgen und übermorgen. Bleiben täglich sechs Stunden neun Minuten fürs Theater.

So viel zu den Relationen. Damit sie vorstellbar sind. Keine Angst. Es bleibt genug Zeit für Geschwätz. Die nächste Theatervorstellung beginnt pünktlich. Verhungernde Kinder sind kein Anlass für schweigendes Gedenken. Es sind einfach zu viele. Und wir wollen uns schließlich nicht von jedem die Laune verderben lassen ...

Zudem ist die Verweigerung von Nahrung oder von Medikamenten irgendwie menschlicher als Bombenterror. Auch sind wir Städtebewohner, jedenfalls in Europa, davon irgendwie weniger betroffen. Wer Kinder in der Dritten Welt sterben lässt, bedroht nicht unsere Zivilisation. Wir wollen nicht zu genau darüber nachdenken. Denn man könnte ja auf die Idee kommen, dass es wirkungsvollere, wenn auch weniger theatralische Abhilfe gibt als kollektives Schweigen. Ein Häufchen Reis zum Beispiel. Ganz schlicht zum essen diesmal.

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York einschlugen, hatte der Präsident der USA es eilig, der Welt zu versichern, dass nichts mehr sei wie zuvor. Und all die Journalisten, die sich ihrer Unabhängigkeit rühmen und ihres selbstständigen Urteils, beteten Bush die Formel nach. Sie war damals schon genauso falsch wie nach den Londoner Bomben. Es verhungern nach wie vor Kinder auf der Welt, Tag für Tag, und es werden nicht weniger. Verändert hat sich nur, dass die westliche Welt diese Kinder mit besserem Gewissen verhungern lässt und stattdessen fixiert ist auf die tatsächlichen und eingebildeten Gefahren, die vom islamistischen Fundamentalismus ausgehen. Das haben nicht die Selbstmordattentäter bewirkt sondern jene, die davon reden, dass nichts mehr sei wie zuvor. Man nennt das self-fulfilling prophecy. Wer noch über ein historisches Gedächtnis verfügt, fühlt sich in beklemmender Weise an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert.

Bloß: der Krieg, der nach dem 11. September begonnen wurde, ist kein kalter. Wer wollte Gift darauf nehmen, dass der Irak ein Einzelfall war? Wer wettet noch auf die Sicherheit des Iran? Es bedarf keiner Verschwörungstheorie um festzustellen: seit dem 11. September 2001 haben die USA eine universale Erklärung für alle seither und in Zukunft von ihnen eingeleiteten Aggressionen. Mit einer bis dahin unterdrückten Dreistigkeit behaupten sie ihre Führungsrolle in der von ihnen definierten "zivilisierten Welt", missachten sie Vereinbarungen, denen sich demokratische Staaten zu fügen bereit sind. Insofern ist tatsächlich nichts mehr wie zuvor.

Es ist sinnvoll und wichtig, Maßstäbe zu bewahren. Wer den Hurrikan Katrina mit dem Tsunami des vergangenen Dezember gleichsetzt, bagatellisiert die Zahl der Opfer im Fernen Osten, weil ihm das Leben von Amerikanern aus New Orleans wertvoller erscheint, weil es in seiner Berechnung mehr wiegt als das von Asiaten. Jedes Terroropfer in New York, Madrid oder London verdient unsere Trauer. Der Tsunami der Gewalt und des geduldeten Sterbens jedoch findet anderswo statt. Wer sich nicht blöd machen lässt durch das magische Nine Eleven, erkennt die Zeichen ohne Mühe.


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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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