Schwule Nazis auf der Wolfsschanze

Wörtches Crime Watch N° 146 Folge 146 von Thomas Wörtches Krimi-Kolumne handelt von türkischen Geheimdiensten, die in Dänemark türkische Kinderschänder töten

Der Roman Der deutsche Freund behandelt unter anderem folgende Themen: Kinderschänden; archaische grönländische Tötungsrituale; türkische Geheimdienste, die
in Dänemark türkische Kinderschänder töten und deren Opfer gleich mit. Alt-Nazis, deutsche Nazis und dänische Nazis, schwule, lyrikbegeisterte Nazis, den schwulen Dichter Hermann Bang, sadistische Nazis, die Leute à la Shylock – ein Pfund Fleisch – ermorden. Rächer, die Nazis genauso umbringen möchten. Dänen, die mit Nazis Geschäfte machen, 1940 genauso wie 1979, der Jetztzeit des Romans.

Zerrüttete Polizistenehen mit domestic violence – einer lässt Frau und Kinder sitzen, säuft und wird schwul, dann aber doch nicht. Dem anderen stirbt
gerade die Frau an Krebs weg, er lechzt währenddessen voyeuristisch hinter einer kriminellen, heißen Braut her, die er einst eingebucht hatte, und deren minderjährige Tochter erregt Gefühle in ihm, auf dass er nur so bebt und barmt vor Schuldgefühlen; eine Polizistin wird vom ultrabrutalen Gatten dauermisshandelt, schlägt zurück, mittendrin das Kind, das später entführt, von Scharfschützen frei geschossen, am nächsten Tag wohlgemut zur Schule geht.

Dazu die schmierige Stasi in der DDR, Folterer, Spione, die sich formierende Solidarnosc, der drohende Afghanistan-Einmarsch der SU, die Wolfsschanze in Ostpreußen, Enigma-Codiermaschinen, verräterische Geheimdienstchefs – und jede Menge haarsträubender Unglaubwürdigkeiten mehr nebst gröbsten Unplausibilitäten im Halbseitentakt.

Das sind noch lange nicht alle Elemente, die von den beiden dänischen Autoren Christian Dorph und Simon Pasternak zu einem bestürzend albernen und lächerlichen Roman verquirlt worden sind, einem nach allen zeitgeistigen Schnittmustern für Gaga-Thriller zusammengeschraubten Text, witz- und komikfrei, literarisch belanglos. Der keiner Erwähnung wert wäre, wenn, ja wenn er nicht sozusagen das „Aufmacher-Buch“ der neuen Krimi-Reihe bei Suhrkamp wäre. Und insofern signifikant für ein ganzes Bündel von Faktoren.

Schon die unklare, blasse, vom Hausdesign abweichende Covergestaltung signalisiert, dass man mitspielen möchte im Kreise der Krimi-Fließbandproduzenten; die Textauswahl zeigt, dass man deutlich eher von einer vermuteten Verkäuflichkeit ausgeht als von literarischer Qualität. Inwieweit hausintern dahinter die Überzeugung steckt, Kriminalliteratur könne per se gar keine literarischen Qualitäten haben, kann man nicht einschätzen, weil die programmatische Präsentation der Reihe in der Öffentlichkeit völlig substanzlos ist.

Einschätzen kann man hingegen, dass die Suhrkamp-Reihe, statt die Lokomotive zu bilden, hinten auf den abgefahrenen Trend-Zug springt. Denn noch eine belanglose Reihe – so stellt sich das erste Programm dar – braucht man bei der leerdrehenden Überproduktion von Belanglosigkeiten nicht, das können die großen, vertrieblich bestens aufgestellten Konzernverlage sowieso besser.

Das Potenzial von Suhrkamp hätte eine originelle, imagestarke Reihe leicht getragen, brillante Texte gibt es in Hülle und Fülle. Eine verpasste Chance, ­leider. Was uns zurück zu dem Autoren­paar Dorph/Pasternak führt: Es wird eine Menge zitiert, von Goethe über Ernst Jünger zu Joni Mitchell. So etwas aber hat noch nie aus Kitsch Literatur gemacht.

Der deutsche Freund (Afgrundens rand, 2007), Christian Dorph/Simon Pasternak, Roman, Deutsch von Ulrich Sonnenberg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 463 S., 9,95

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