Für ein paar Euro weniger

Abwärtsspirale Die Deutsche Post ist hochprofitabel, zwingt aber trotzdem viele Mitarbeiter in neue Verträge mit schlechteren Konditionen
Für ein paar Euro weniger
Weltweite Expansion bei gleichzeitigem Lohndumping: die Deutsche Post

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Es war Januar, ich stand am Kiosk und wollte gerade mein Frühstück bezahlen, da betrat ein junger Mann den Laden. Die Damen hinter der Theke begrüßten ihn freundlich als Stammkunden. Während er seinen Kaffee schlürfte, erwähnte er beiläufig, dass er auf dem Weg zum Arbeitsamt sei, um seinen Kurzarbeitsvertrag zum inzwischen sechsten oder siebten Mal verlängern zu lassen. An der Stelle wurde ich hellhörig – Kurzarbeit, über ein Jahr? In der Regel sind diese Verträge begrenzt auf drei Monate, mit der gesetzlichen Höchstgrenze von zwölf Monaten. Bei welchem Unternehmen er angestellt sei, fragte ich. Ich war mir sicher, dass nur kleine Unternehmen oder stark saisonabhängige Branchen sich erlauben würden, die Arbeitsgesetze so zu umgehen. Doch er entpuppte sich als Briefträger der Deutschen Post.

Der Mann war bei einem der größten deutschen Unternehmen und DAX-Mitglied über ein Jahr in Kurzarbeit. So weit üblich, so weit gesetzlich verboten. Während ich mich noch über dieses Detail echauffierte, erklärte er mir, dass die Post demnächst alle Kurzarbeit-Mitarbeiter entlassen und über eine Zeitarbeits-Drehnummer neu einstellen möchte – und zwar für ein paar harte Euros pro Stunde weniger. Dass die Deutsche Post und DHL kein Garant für faire Löhne sind, wurde mir durch diese Begegnung wieder ins Gedächtnis gerufen.

Bei einer Recherche zu dem Thema stieß ich auf einen Beitrag der ARD-Umschau. Darin bestätigten Mitarbeiter von Deutsche Post und DHL die Ausführungen meines Gesprächspartners: Mit allen Mitteln wird Druck gemacht und die Angst um den Job als Hebel benutzt, um den Lohn neu zu bemessen, also zu kürzen. Die Mitarbeiter werden entlassen und über regionale Tochterfirmen neu beschäftigt, die dann nach dem Regionaltarif der Logistikbranche bezahlen, der teils deutlich unter dem bisherigen Haustarif von Deutsche Post/DHL liegt.

Wohlgemerkt, ein hochprofitables Unternehmen, das international fleißig expandiert. Gleichzeitig tragen die Kunden mit den steigenden Preisen nicht nur die Dividenden-Ausschüttungen an die Hauptaktionäre und die Pension des verurteilten Steuerhinterziehers Klaus Zumwinkel, sondern unterstützen mit jedem Paket, jeder Zeitung und jedem Brief die Unterwanderung sozialer Verantwortung. Als Begründung für ihr Vorgehen verweist die Post immer wieder auf den harten Wettbewerb im Zustellermarkt.

Wer aber davon ausgeht, dass wenigstens eine Verbesserung des Service durch eine verschärfte Konkurrenz in Form von Lohndrückermethoden erreicht würde, der wird leider auch enttäuscht. Jede Arbeit hat schlicht gewisse Mindestkosten, die gedeckt werden müssen, damit die Qualität des Produkts nicht leidet. Es gibt einfach Grenzen des Kürzens.

So haben sich auch die Nachdenkseiten in einem anschaulichen Bericht des Themas angenommen und es in dem Beitrag „Post will Tausende von Jobs mit niedrigeren Löhnen schaffen“ beschrieben, aus dem ich kurz zitieren möchte: „Für Arbeitnehmer und Kunden läuft es nicht so rosig. Allein zwischen 1989 und 2006 hat die Post 173.000 Stellen gestrichen, hat Die Zeit herausgefunden. Die Konkurrenz hat in dieser Zeit nur 46.000 Arbeitsplätze geschaffen – unterm Strich bleibt also ein dickes Minus und die Feststellung: Dieser Wettbewerb hat nicht Arbeitsplätze geschaffen, sondern vernichtet. Und außerdem wurden und werden mehr Arbeitsplätze prekär. Für die Kunden gab es auch keine Verbesserung: Gab es 1983 noch 29.000 Postfilialen, so sind es heute noch rund 13.000 private Postagenturen.“ Auch der Tagesspiegel konstatierte in diesem Zusammenhang: „Seit die Post ganz privatisiert ist, zählen die Behörden doppelt so viele Beschwerden wie vorher.

Also was tun? Es erfordert Aufmerksamkeit und eine aktive Beteiligung am öffentlichen Diskurs, wenn bestimmte Dinge bewegt werden müssen. Ein Mindestlohn ist dabei der kleinste gemeinsame Konsens, den die Politik mit Arbeitgeber-Lobbyisten erreichen konnte. Dreimal dürfen Sie raten, wie viel Interesse diese Lobby darüber hinaus hat, sich für Ihre Rechte als Arbeitnehmer einzusetzen?

Es kann jedenfalls nicht im Interesse von bürgerlicher Solidarität und einer funktionierenden Gesellschaft sein, wenn die Verbraucher es durch ihr Verhalten auch noch unterstützen, dass Menschen mit ihrer Arbeit kein wirtschaftlich sinnvolles Einkommen verdienen können, indem wir Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen kaufen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung systematisch unterlaufen. Denn auch Ihr Arbeitgeber könnte eines Tages auf die Idee kommen, dass ein Einkommen unter der Armutsgrenze eine super Sache ist, wenn man als Unternehmer keinen Gegenwind erwarten muss.

Timo Essner lebt in Flensburg und arbeitet hauptberuflich als Karikaturist. Er bloggt in der Freitag-Community seit Juni 2014 zu gesellschaftlichen und sozialpolitischen Themen

06:00 20.05.2015
Geschrieben von

Timo Essner

Flensburger Jung, zweisprachig aufgewachsen, dritter Sohn von Literaten. Karikaturist und freier Redakteur in diversen Publikationen on- und offline.
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