Westen war gestern

Denker Warum man die Welt mit anderen Augen zu sehen beginnt, wenn man Pankaj Mishra liest
Westen war gestern
„Die Idee, dass der Mensch von seiner Vernunft geleitet ist, entsteht sehr spät in unserer Geschichte“

Foto: Michele Borzon/Terraproject/Contrasto/laif

Eine Wut treibt die Menschen wieder auf die Straßen, in den USA und anderswo, gegen Rassismus, Polizeigewalt, Ungerechtigkeit. Sie reißen Statuen vom Sockel, rütteln an alten Denkgewohnheiten, wollen die Welt verändern. Während auf der anderen Seite der immer noch mächtigste Herrscher der Welt mit der großen roten Krawatte und den glühenden Anhängern, die er Krieger nennt, sowieso ständig giftet und brodelt. Wie weit bringt uns der Zorn? Und vor allem: Wohin?

Am besten fragt man den, der das scharfsinnigste Buch über dieses Gefühl geschrieben hat und warum es so sehr passt zu uns und unserer Gegenwart: Das Zeitalter des Zorns. Und wenn man es dann nach einigen Wochen wirklich geschafft hat und den Autor Pankaj Mishra auf der anderen Seite von Skype begrüßen darf, dann spricht er natürlich in der eleganten und sanften Sprache des Poeten. Er sagt: „Wut ist eine sehr starke und kurze Emotion. Sie kann provozieren und mobilisieren, aber muss sehr schnell in Gefühle von Solidarität und Mitgefühl umgewandelt werden. Auf der Basis von Wut kann die Gesellschaft nicht zusammenkommen.“

Am Fuße des Himalaja

Pankaj Mishra ist ein außergewöhnlicher Denker. 1969, weit weg von den Zentren der Welt, in der nordindischen Provinzstadt Jhansi geboren, studiert er zunächst Wirtschaft, wird bekannt mit einem Buch, das zugleich soziologische Studie über und Reisereportage durch das kleinstädtische Indien ist, dann schreibt er einen Roman. Schließlich etabliert sich der Sohn eines Eisenbahners als Essayist, 2017 erscheint das mittlerweile berühmte Buch Age of Anger. Es ist auch die Geschichte wütender junger Männer, die auf die Entfremdung und Risse einer radikalisierten Globalisierung mit Gewalt antworten. Nur wird diese Geschichte eben nicht mehr nur mit Religion (vor allem dem Islam) verbunden, sondern gezeigt, wie genau dasselbe (Terror, Hass) hier bei uns geschah und geschieht. Vielleicht gelingt dem Kulturkritiker dieser Nachweis deswegen so gut, weil er China und Indien so gut kennt wie Amerika und Europa – und dabei die Perspektive des Randgängers einnimmt. Ihn zu lesen, wirkt oft leicht magisch, weil Mishra dem Freund-Feind-Schema abschwört und so unsere westliche Vormachtstellung im Denken entlarvt.

Aber was macht Pankaj Mishra gerade? Wo ist er und wo fühlt er sich zu Hause? Seine Antwort: „Ich vermute, ganz pragmatisch wohl dort, wo meine Bücher sind und meine Familie lebt. Eigentlich habe ich zwei Zuhause, eines in London, wo ich mich gerade befinde und mit meiner Frau und Tochter wohne, und das andere in Indien. Dort habe ich einen ,place of my own‘, oben in den Bergen, im Norden Indiens. Bis auf mein letztes habe ich alle meine Bücher dort geschrieben.“

„Als junger Mann sind Sie ins Nirgendwo am Fuße des Himalaja gezogen – warum?“

„Das war eine instinktive Entscheidung. Ich wollte einen Ort, an dem ich lesen und schreiben kann. Und mir keine Gedanken über hohe Miete und teures Essen machen muss. In Indien muss man dafür aus den großen Städten hinausziehen.“

In der Zeit des Lockdowns, erzählt Mishra, liest er nun wie davor jahrelang nicht mehr: in alle Richtungen, aber vor allem Romane, viele, die er vor 25 Jahren erstmals gelesen hat. Puschkin, Nabokov, Flaubert, Tolstoi, Nina Berberova oder Gaito Gasdanow. „Es ist eine bizarre Episode, weil ich im Grunde nie komfortabler gelebt habe und zugleich mein Bewusstsein für das Leiden anderer nie größer war.“ Seine Eltern leben in Indien, sie sind Mitte achtzig. Sieht er Corona als Epochenbruch?

„Das Verlagswesen, die Medien, Unterhaltung oder Büroarbeit, Fabriken, industrielle Produktion, Konsum, alles wird sich vor unseren Augen verändern. Alle Kunstformen werden sich wandeln, womöglich sterben. Aber es gibt auch positive Veränderungen, wie man bei den Protesten in den USA sieht: ein moralisches und intellektuelles Awakening.“

Sein Schreiben möchte, dass wir uns davon verabschieden, den Menschen als rational handelndes Wesen zu betrachten. Dies erst würde den Blick freimachen. Sein Buch heißt im Untertitel Geschichte der Gegenwart, doch nur am Anfang und am Ende ist wirklich von der Jetztzeit die Rede, Mishra schaut in unsere Vorgeschichte und damit zurück in die Zukunft, er findet dabei das Herz der Finsternis. Sein Buch handelt eigentlich vom Kampf zweier Franzosen im späten 18. Jahrhundert. Voltaire und Rousseau. Voltaire steht für einen neuen Typus, der sich nach der Revolution erstmals in den bürgerlichen Salons ausbildete und nach dem Sturz des Ancien Régime seine Flügel weit ausbreitete, um sich die Welt auf neue Art untertan zu machen. Deren Motor: die Ideen der Aufklärung. Rousseaus Ideale waren denen Voltaires gar nicht so fern, er zog nur völlig andere Schlüsse. Voltaires ökonomisches Berater- und Unternehmertum widerte ihn genauso an wie die kosmopolitischen Eliten in der Metropole Paris, Rousseaus leidenschaftlicher Fortschrittsunglauben inspiriert Gegenbewegungen bis heute. Viel von dem französischen Skeptiker steckt auch in Mishra.

Eine große Frage will gestellt sein: Was könnte der Aufklärung folgen, die mehr denn je infrage zu stehen scheint? Was wäre eine so gute, starke Idee wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

„Es gibt viele Alternativen. Die Idee, dass der Mensch von seiner Vernunft geleitet ist, entsteht sehr spät in unserer Geschichte. Dass er nur von materiellem und nationalen Interessen für sich selbst angetrieben ist, scheint mir eine sehr simplifizierende Sicht zu sein. Ich kenne viele Leute, die anders leben. Die Idee entstand in einer bestimmten Phase, als sich die kommerzielle Gesellschaft entwickelte und das Konzept des Individualismus aus den zerbrochenen Monarchien erschuf. All das ist hochinteressant, aber mit dem echten Leben hat es wenig zu tun, befürchte ich.“

Die Zeit drängt. Wenn man den Weltbürger schon einmal am Telefon hat, kann man ja auch noch einmal und noch größer fragen: „Wer wird die USA beerben als große neue Supermacht?“

„Niemand“, antwortet Mishra schnell und deutlich. „Niemand wird in der Art nachfolgen, wie Großbritannien im 19. und die USA im 20. Jahrhundert dominiert haben. Es gibt heute zu viele Zentren der Macht. China in Ostasien, aber sie haben kein Interesse daran, eine solche Supermacht zu sein. Deutschland ist eine riesige Macht in Europa, hat aber ebenfalls kein Interesse. Indien ist weit davon entfernt, das auch nur zu können. Russland wird immer zu viele interne Probleme haben. Wir stehen vor einer neuen Welt, die sich sehr stark unterscheiden wird von der, in der wir gewohnt waren zu leben.“

„Ist es wirklich wahr, dass Ihr Vater ein Eisenbahner war?“

„Ja. Er war außerdem Gewerkschaftler. Ich bin in verschiedenen kleinen Dörfern und Ortschaften in Indien aufgewachsen – eine provinzielle Welt, deren Charaktere man auch bei Tschechow sehr gut beschrieben findet.“

„Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie aus der indischen Peripherie ins Zentrum der globalen Debattenkultur gerieten?“

„Das Wichtigste bleibt die Erfahrung, die ich in diesen Dörfern gemacht habe. Nachdem ich eine lange Zeit in Großbritannien, Europa und den USA verbracht habe, habe ich realisiert, wie wenig die meisten Leute, mit denen ich spreche, davon wissen, wie Menschen in Dörfern und Kleinstädten ihr Leben verbringen. Dort herrscht eine riesige Kluft und ich fühle mich privilegiert, diese Realität erlebt zu haben und in mein Schreiben und Tun zu integrieren. Die Trennung zwischen Stadt und Land ist heute politisch extrem einflussreich, bedenkt man allein die Wahl von Trump oder das Brexit-Referendum. Ich glaube, mehr Leute sollten mehr darüber lernen, wie die Leute dort leben und welche Kämpfe sie austragen.“

„Warum geht es in Ihrem Buch eigentlich ständig um Deutschland?“

„Deutschland ist politisch, philosophisch und wirtschaftlich das wichtigste Land der modernen Welt. Besonders für die Menschen außerhalb des Westens hat es einen sehr hohen Stellenwert, da es das erste Land war, das dem modernen Imperialismus ausgesetzt war und auch eine Antwort formulierte.“ In Zeitalter des Zorns heißt es: „Der erste Dschihad begann, wie wir gesehen haben, 1813 in Deutschland als Abwehr gegen einen militärischen und kulturellen Imperialismus, den Napoleon verkörperte, oder ,der Teufel', wie er von vielen Deutschen genannt wurde.“ Man beginnt die Welt mit anderen Augen zu sehen, wenn man Pankaj Mishra liest.

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06:00 14.07.2020

Ausgabe 33/2020

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