Europendler

Linksbündig Die Entfernungspauschale sollte den wahren Pendlern gehören

Schade, dass es amtlich nicht "Pendlerpauschale", heißt, wie man es im Volksmund nennt, sondern "Entfernungspauschale". Pendler ist ein so schönes Wort. Ein Pendel schwingt. Je größer die Uhr, desto weiter schwingt es beharrlich zwischen zwei Fixpunkten. Dem Pendel ist nicht anzusehen, dass es Teil eines Uhrwerks ist. Es sieht aus, als käme seine Beharrlichkeit aus sich selbst.

Ein Pendler ist ein Mensch, der zwischen zwei Punkten pendelt. Auf immer derselben Bahn, und ein Marsmensch, der ihn von oben sieht, wüsste nicht, dass eine "Arbeit" ihn treibt. Je weiter und je regelmäßiger er von einem Ort zum anderen schwingt, desto besser passt das Wort "Pendler".

Dass das Pendeln zwischen den seinerzeit fixen Größen "Heim" und "Werk" Teil des Systems "Arbeit" ist, wurde in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts erkannt und deshalb wurden Bus- und Bahnfahrten zur Arbeitsstelle steuerlich vergünstigt. In den fünfziger Jahren integrierte man den privaten Verkehr. Seither ist die Pendlerpauschale Teil eines fordistisch geprägten Kosmos geworden, man hat sie lieb gewonnen wie Weihnachtsgeld und festgelegte Raucherpausen. Die man bewahren will, wohl wissend, dass der nächste Windstoß sie wie Herbstlaub von den Bäumen weht. Weil der Vertrag nicht mehr gilt, dessen Teil sie waren, der Kosmos um neue Zentren kreist. Dabei ist das Pendeln in Zeiten von Post-Präfixen und Deregulierung, von Globalisierung und neuer Unübersichtlichkeit eine immer bedeutendere Größe geworden. Mobilität ist der neue Gott schlechthin. Dennoch - hat "Pendlerpauschale" einen Klang nach Reihenhaus und 13. Monatsgehalt.

Das ist kein Wunder: Als im Januar das Gesetz geändert und nur noch diejenigen in den Genuss der Vergünstigung kamen, die regelmäßig mehr als 20 Kilometer hinter sich bringen, wurde offenbar, dass bis dato nicht die neuen Nomaden der Arbeit den größten Nutzen aus der Pendlerpauschale zogen. Es waren Reihenhausbesitzer, womöglich mit 13. Monatsgehalt. Nicht weites Pendelschwingen wurde en gros begünstigt, sondern die Mikrobewegung eines Stoffwechsels an der städtischen Außenmembran. So unerheblich der tägliche Weg der Speckgürtelbewohner ist, so gewaltig ist ihre Masse. Dass ihr Aufschrei so starkes Gehör fand - dass die Parteien aller politischer Lager bald erwägten, wie die Wählergunst der zahllosen Mikropendler zurückzuerobern sei - zeigt nur, wie richtig die Novelle gewesen war. Die Kulturkritik am Speckgürtelbewohner, Reihenhausbesitzer, Mittelklassewagenfahrer, Kleinfamiliengründer sei dahingestellt. Darum soll es nicht gehen. Es geht um das Pendeln selbst. Die Pendlerpauschale den Pendlern. Denen, die Bundesländer, Länder, Kontinente durchqueren, unermüdlich, immer hin und zurück. Wer an Freitagabenden auf Autobahnen von Thüringen Richtung Bayern fährt, sieht ihre Lichter auf der Gegenspur. Ein Marsmensch würde es nicht verstehen, erst recht nicht, wenn man ihm erklärte, dass hier die Bewohner aus einem Bundesland in ein anderes fahren, um dort Dächer zu decken, während zu Hause Dächer abgerissen werden. Wegen der Globalisierung, würde man im sagen. Jeder 12. Thüringer Erwerbstätige "pendelt aus". Der Marsmensch sähe den Lichtern zu, die auf der Fahrbahn aus der Luft betrachtet ein Band wie eine Perlenkette bilden. In Kleinbussen fahren manche bis Amsterdam, von Polen nach Dublin, von Rumänen nach Berlin. Sie schwingen am weitesten, zwischen Hin- und Zurückschwingen können Wochen liegen. Zum System Arbeit gehört mittlerweile, dass eine Belegschaft eines Krankenhauses in Bukarest für einige Monate die Klinik schließt, um in Spanien bei der Tomatenernte zu helfen. Nicht weil sie es wollen, sondern weil es kaum anders geht.

Als Ausgleich müsste, in Zeiten der Globalisierung, eine Europendlerpauschale eingeführt werde. Oder besser noch, ein globales Modell.

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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