Perspektivwechsel

Berliner Abende Geht man die Soldiner Straße entlang, kommt man an einer Apotheke mit herabgelassenen Rollläden vorbei. "Schade, dass sie dicht gemacht hat", sagen ...

Geht man die Soldiner Straße entlang, kommt man an einer Apotheke mit herabgelassenen Rollläden vorbei. "Schade, dass sie dicht gemacht hat", sagen die Trinker, die am Stromkasten stehen. Es war die einzige Apotheke hier und die Apothekerin hatte immer eine Aspirin für sie parat.

Zum ersten Mal nehme ich die Apotheke wahr, als eines Nachmittags die Kunststoffrollläden heraufgezogen sind und zwei junge Frauen vor der Schaufensterscheibe hin und her tänzeln. Eine trägt einen roten Faltenrock und eine Frisur, die aussieht wie aus einem Science Fiction Film. Die andere hat Schlaghosen und Männerschuhe an, hält eine Schale mit bunten Papierbuchstaben und reicht diese einzeln dem Science Fiction Mädchen hin. Das Science Fiction Mädchen klebt sie sorgsam an die Scheibe. Am Ende ist dort zu lesen: Beratungen, Maßnahmen, Perspektivenwechsel. Öffnungszeiten Mo bis Fr 14 bis 16 Uhr.

"Hi", sagt das Science Fiction Mädchen. Sie seien gerade dabei, die alte Apotheke in eine Forschungsstation zu verwandeln. Sie sind beide Künstlerinnen, haben ein Stipendium zum Thema "Arbeitsgesellschaft im Wandel" - und ihre Forschungsstation empfange im Arbeitslosenviertel nun Signale aus der Wirklichkeit. Die Tür steht immer offen. Alles, was die Passanten über ihr Leben ohne Arbeit erzählen, halten sie in ihrem Notizbuch fest. In der Finanzkrise sei es Zeit für einen Persektivenwechsel - Muße statt Hast, Bescheidenheit statt Konsum.

Die Frauen erzählen, sie fänden die Menschen in der Soldiner Straße "spannend" und auch "sonderbar". Viele schlenderten wirklich von morgens bis abends die Straße auf und ab. Und ein Mann komme regelmäßig mit dem Fahrrad vorbei, der immer einen anderen Gegenstand auf dem Gepäckträger habe, den er gefunden hat. Einen alten Staubsauger, einen Stuhl oder einen Ghettoblaster. Ich nicke, denn auch ich kenne den Mann mit dem Fahrrad und verabschiede mich.

Als ich am folgenden Tag wieder an der Apotheke vorbei komme, ist die Ladentür verschlossen, nur der Mann mit dem Fahrrad steht davor. Er beklagt sich - es ist schon später Nachmittag, und niemand ist da. Er zeigt auf seinen Gepäckträger - ein neues Fundstück, ein Teppich, der nur ein einziges Brandloch hat. Er zieht mich ins Vertrauen: Er nutze die neue Kunstapotheke, um sich mit den eigenartigen Frauen zu unterhalten. Er fände sie nett, das habe er ihnen gleich gesagt - aber auch sonderbar. Man muss ja ehrlich sein. Am merkwürdigsten findet er, dass sie den lieben langen Tag in der alten Apotheke sitzen und nichts anderes tun, als zu zusehen, wie die Sonne auf und wieder unter geht. Er will wissen, wie man so ein "Stipendium" bekommt, das eine solche Lebensweise ermöglicht. Und ob er "mit einsteigen" und auch Kunst machen könne. Manchmal schnitten die jungen Frauen bunte Buchstaben aus Klebefolie aus. Dann wieder stünden sie in der Tür und grüßten jeden. Und alles, was man ihnen erzählte, schrieben sie in ein Notizbuch auf.

Die Trinker am Stromkasten sind ganz unserer Meinung. Sonderbar - aber alles eine Frage der Perspektive. Wenn es keine Arbeit und kein Aspirin mehr gibt, kommt die Kunst. Und wenn es in Zeiten der Krise kein Hartzgeld mehr geben sollte, vielleicht versucht man es dann mal mit so einem "Stipendium".

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Geschrieben von

Tina Veihelmann

Redakteur Alltag
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