Glückliche Trottel

K-u-J-Bücher Pascale Maret erzählt eine gar nicht so abwegige Science-Fiction-Geschichte

Geklonte Menschen als wandelnde Ersatzteillager - das ist eine von vielen Horrorvisionen, die die Entwicklung der Wissenschaften hervorgebracht hat. Im Zeitalter von Organmangel und Gentechnik ist sie noch nicht einmal abwegig. Doch wurde bis zum heutigen Tag noch kein Mensch geklont; von einer Standardisierung dieses Verfahrens ist man auch bei Tieren noch weit entfernt. Dennoch ist es theoretisch denkbar, dass Menschen sich eines Tages ihren eigenen Organspender schaffen könnten.

Pascale Maret hat dies zum Thema ihres Romans gemacht: Geklont! Der Tag, an dem ich die Wahrheit erfuhr ist ein Science-Fiction-Roman für Jugendliche ab zwölf. Die Geschichte spielt etwa um das Jahr 2050. Das Klonen von Menschen wurde möglich gemacht und gleich wieder verboten. Doch was einmal möglich ist in der Wissenschaft, das wird auch umgesetzt, solange Menschen dafür bezahlen. So sind Camps entstanden, in denen geklonte Embryonen in künstlichen Gebärmüttern reifen. Sie werden geboren, ohne Eltern zu haben. Sie wachsen unter ständiger medizinischer Betreuung auf, nach strengem Diätplan ernährt und mit täglichem Sport fit gehalten. Man tut alles für ihre Gesundheit - und hält sie dumm, denn den Grund ihrer Existenz sollen sie nicht wissen.

Auch der zwölfjährige Blau-Vier lebt in einem solchen Camp. Lange Jahre hat er sich am schönsten Ort der Welt gewähnt. Doch er bekommt einen Betreuer, der ihm die grausame Wahrheit beibringt: Blau-Vier ist ein Klon, der nur existiert, um seinem "Original" im Notfall seine Organe zu spenden. Da liegt die Flucht aus dem Camp nahe. Blau-Vier türmt, bevor er selbst zum Organspender wird. Draußen in der Welt, die er noch nie gesehen hat, muss er lernen, wie man ein richtiger Mensch wird.

Was ist ein geklontes Wesen wert? Darf man es benutzen, bloß weil man es geschaffen hat? Derlei ethische Fragen sind leider kaum Thema des Romans. Blau-Vier hat das Camp verlassen und ist von diesem Augenblick an ein Mensch - etwas unbeholfen in der fremden Umgebung, doch er denkt und fühlt wie jeder andere auch. Erstaunlich, wo er doch aus einem Camp kommt, in dem seine Mit-Klone wie "glückliche Trottel" leben. Obwohl er unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen ist, ist er anders; warum das so ist, erfährt der Leser nicht.

Statt dessen bietet Geklont! eine Menge Science Fiction: Turbo-Bahnen und Ultrarapid-Gleiter, 3D-Revelator-Brillen und Bio-Mikrochips. Was die Phantasie hergibt, hat Maret in ihren Roman einfließen lassen. Zusammen mit einer Prise Freundschaft, einigen Schwierigkeiten und einer spektakulären Rettung wird ein ziemlich gewöhnlicher Spannungs-Cocktail gebraut. Die Charaktere wirken ein wenig zu altklug; immerhin ist der Ich-Erzähler Blau-Vier erst zwölf Jahre alt. Diese Tatsache scheint Maret hin und wieder aus den Augen zu verlieren.

Geklont! ist vor allem ein kritischer Roman. Wie gefährlich leicht sich Wissenschaft kaufen lässt, ist schon jetzt deutlich zu spüren. Maret führt dem Leser vor Augen, wohin diese Entwicklung führen könnte. Leider ist ihr Umgang mit dem Thema nachlässig. Dass das Klonen nicht erst in den neunziger Jahren "erfunden" wurde, mag ein verzeihlicher Fehler sein. Die Behauptung, Klone seien ihrem Original ähnlicher als ein Zwilling, ist schlicht falsch: Zwillinge sind nichts anderes als (natürliche) Klone voneinander. Derartige Fehler sind ärgerlich - bei einem so brisantem Thema wäre eine differenzierte Darstellung der Tatsachen angebracht. Sonst wird die ethische Diskussion ums Klonen unter Nicht-Wissenschaftlern noch lange am Thema vorbeigehen!

Pascale Maret: Geklont! Der Tag, an dem ich die Wahrheit erfuhr. Arena-Verlag, Würzburg 2002, 130 S., 6,50 EUR

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