Jung wie früher

Porträt Nachwuchsschauspieler Jannis Niewöhner spielt zur Zeit in gleich zwei Kinofilmen, er kann Drama und Komödie, und erinnert uns irgendwie an den jungen Til Schweiger

Wer in diesen Tagen den Weg ins Kino findet, trifft dort gleich auf zwei deutsche Filme, in denen Jannis Niewöhner – ehemals Schwarm junger Mädchen und mittlerweile Schwarm junger Frauen – die Hauptrolle spielt. Der eine, Jugend ohne Gott von Alain Gsponer, startete am 31. August, High Society von Anika Decker eine Woche später.

So unterschiedlich die beiden Filme angelegt sind, der eine als düstere Zukunftsvision, der andere als überseichte Verwechslungskomödie, eint die beiden neben dem Hauptdarsteller noch etwas anderes. Beide Filme erzählen von Reich und Arm, von oben und unten, von Privilegien und Zwängen – und überall auf allen Plakaten: Jannis Niewöhner, den man derzeit auf der Sonnenseite des Lebens vermuten darf.

Der in Hüls bei Krefeld geborene Schauspieler ist einer der großen Stars des jungen und ganz jungen deutschen Films – mit seinen 25 Jahren blickt er bereits auf eine beachtliche Reihe an Kino- und Fernsehfilmen zurück, zum ersten Mal vor der Kamera stand er mit zehn Jahren. Meist spielte er den hochgewachsenen, sportlichen Draufgänger. In der Verfilmung einer Detektivgeschichte von TKKG gab er selbstverständlich den unerschrockenen Anführer Tim – so ein Typ ist Niewöhner. Grund genug, ihn einmal zu treffen.

Wir verabreden uns zum Mittagessen in einem französischen Restaurant am Savigny Platz in Berlin-Charlottenburg. Es ist ein heißer Tag und Niewöhner kommt athletisch, mit leicht zerrissenem T-Shirt und einwandfrei gelaunt. Er isst häufig hier, denn sein Presseagent und enger Vertrauter wohnt in der Nähe und ist hier Ehrengast mit personalisiertem Tisch und so weiter. Auch Geschäftliches besprechen die beiden meist hier, und da gerade so viel los ist bei Niewöhner, macht das Restaurant an ihnen derzeit sicher einen guten Umsatz.

Neben leichten Kassenschlagern wie der sogenannten Edelsteintrilogie, einem Zeitreise-Fantasy-Epos, spielte Niewöhner zuletzt ernstere Rollen. In Jonathan begleitete er seinen sterbenden Vater bei einem späten Coming-out, in 4 Könige spielte er einen psychisch gestörten Jugendlichen. Es ist derselbe Balanceakt, der nun mit Jugend ohne Gott und High Society im Kino läuft. Niewöhner erklärt, dass ihm das keine Probleme bereitet: „Ich will mir nichts verbieten. Es war mir wichtig, Jugend ohne Gott zu drehen, einen großen Film mit aktueller politischer Thematik. Und dann kam das Angebot von High Society, und ich wusste: Das ist genau das Richtige für mich.“

Anstrengend wird es ja meist, wenn Schauspieler gleichzeitig alles sein wollen: Regisseure, Intellektuelle, am besten gleich Weltpolitiker. Angelina Jolie oder Meryl Streep wären solche Beispiele – da ist es angenehm, einem jungen Schauspieler gegenüberzusitzen, der sich auf das konzentriert, was er gut kann, schauspielen. Nicht besonders belesen sei er, und klassisches Theater findet er bisweilen anstrengend. Heute, da Kunst fast so wichtig ist wie früher mal Arbeit und jeder Instagram-Schauspieler Thomas Bernhard zitiert, ist das doch mal eine erfrischende Aussage.

Zum Lunch hat sich Niewöhner Hühnchenfilet in Saté bestellt, und während wir sprechen, langt er beherzt zu. An einer Stelle im Gespräch bricht seine unprätentiöse Diktion, eine Mischung aus Ruhrgebiet, Niederrhein und Berlin, vollends aus ihm heraus – er schaut wie vom Blitz getroffen von seinem Teller auf und fragt unsicher: „Kumma, find’se das noch so rosa, oder is’ das okay beim Fleisch?“ Ich schaue mir das fein in der Mitte zerteilte, zart rosa schimmernde Stück Filet genau an und kann ihn beruhigen. „Es ist optimal gegart“, sage ich.

Das leicht Vulgäre an seiner Alltagssprache aber täuscht nicht über seine guten Manieren hinweg. Es ist warm in der Mittagssonne, und ohne zu fragen, schüttet Niewöhner mir und ihm immer wieder frisches Mineralwasser nach. Das ist zuvorkommend und praktisch.

Er spielt wütend, körperlich

Wir scherzen gemeinsam über gehobenes Kino, anspruchsvolle Filme und große Regisseure, und Niewöhner sagt: „Von allen Lars-von-Trier-Filmen war einer gut. Der Rest macht mich depressiv.“ Sympathisch, dass Niewöhner nicht krampfhaft mehr sein will als ein guter, leidenschaftlicher Schauspieler. Denn es heißt gerade nicht, dass auf die Weise nicht intelligente Filme entstehen könnten.

Ein intelligenter Film ist Jugend ohne Gott zu einem großen Teil. Der Film des Schweizer Regisseurs Alain Gsponer erzählt – in loser Adaption des gleichnamigen, 1937 erschienenen Antikriegsromans Ödön von Horváths – die Geschichte einer uns nahen Dystopie, in der Selbstdisziplin, Überwachung und Affektkontrolle total und selbstverständlich geworden sind. Es ist ein Ausblick auf das, was uns noch blühen könnte, binden wir uns freiwillig Fitnessarmbänder um, billigen wir schulterzuckend Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, oder lassen wir Apps unser Sozialleben kontrollieren. Der bewusst kühl und glatt gehaltene Film, in dem eine Gruppe privilegierter Jugendlicher in einer Art Bootcamp gegeneinander um einen Platz an einer Eliteuniversität kämpft, überzeugt vor allem im ersten Teil, wenn die Rahmenbedingungen der Handlung gezeichnet werden. In der zweiten Hälfte aber kippt das, was im ersten Teil so atmosphärisch kompakt und für sich allein bemerkenswert genug inszeniert war, in eine recht plumpe Kriminalgeschichte, in der Niewöhner zum Dissidenten wird; es gibt einen Mord, der aus mehreren Perspektiven erzählt wird, für den es das eigentlich hochinteressante Setting aber gar nicht gebraucht hätte.

Niewöhner selbst spielt durchgehend erwachsen, wütend, extrem körperlich und überzeugend; er ist die beste Besetzung in diesem Cast. Das würde gewiss auch sein Presseagent unterschreiben, der während des Treffens ebenfalls ins Restaurant einkehrt. Die beiden begrüßen sich überschwänglich und reden schnell und viel, man hört Fetzen: keine Zeit, Shooting, gleich weiter, heute noch, Waldorf Astoria. So stellt man sich das Filmgeschäft vor.

Apropos Cast und apropos deutsches Filmgeschäft: Wer die Filme Jugend ohne Gott und High Society hintereinander schaut, ohne sich auf Letzteren explizit vorbereitet zu haben, staunt nicht schlecht, denn die Schauspieler wechselten offenbar geschlossen das Set. Neben Niewöhner spielen hier wie dort Emilia Schüle (seine Ex-Freundin), Jannik Schümann sowie Iris Berben die zentralen Rollen.

Nicht ganz wie Ronja Räubertochter: Emilia Schüle

Viel wurde Alain Gsponer für seinen Mut gelobt, im Jahr 2015 noch eine Heidi-Adaption zu wagen. Jugend ohne Gott ist nun ein düsteres Zukunftsepos, das auf Ödön von Horváths antifaschistischem Klassiker aus dem Jahr 1937 basiert. In einer komplett durchdigitalisierten Gesellschaft zählt nur die messbare Performance des Einzelnen, Nonkonformisten haben keine Chance. Gegen Traurigkeit helfen Pillen.

Jannis Niewöhner spielt den Einzelgänger Zach, der gegen die Regeln rebelliert. Ungewollt komödiantisch muten in Jugend ohne Gott die Szenen mit Emilia Schüle an. In einer Welt, in der Menschen aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit per Gesetz streng voneinander getrennt leben, spielt sie die Illegale, in die sich Zach verliebt. Gemeinsam mit anderen Ausgestoßenen führt sie ein Leben im Wald, wofür sie von der Maske in Ronja, die Räubertochter, verwandelt wurde. Wo sie sich unter solchen Bedingungen aber jeden Morgen die Augenbrauen zupft und die Finger sorgfältig manikürt, bleibt dabei ihr undurchdringliches Geheimnis. In den erotischen Szenen des Films ahnt der Zuschauer: Unter ihren sorgsam zerlumpten Kleidern trägt sie Victoria’s Secret. Dafür aber, das muss man gestehen, spielt sie in High Society überzeugend und, sofern man alles andere einmal ausblendet, tatsächlich sehr komisch.

Man mag ihr in einzelnen Szenen minutenlang beim Schauspielen zusehen, ohne sich um den Inhalt zu scheren – und das ist unbedingt als Kompliment gemeint. Es wäre interessant, einmal zu sehen, wie ihr herausragendes Gespür für Timing, Sprache, Mimik und Gestik in einem gelungenen Drehbuch zu voller Entfaltung kommt.

Schnell erzählt ist die Geschichte von High Society: Die Wege zweier ungleicher Familien, die eine dekadent, dämlich und superreich, die andere arm, naiv und idealistisch, kreuzen sich unverhofft, als herauskommt, dass ihre Kinder bei der Geburt vertauscht wurden. In der Folge verraten mindestens die einen ihre Ideale, und am Ende des Films planschen alle vollends korrumpiert gemeinsam im Pool einer modernistischen Villa. Interessant: Nicht nur der Cast ist beinahe identisch, es ist sogar exakt dieselbe Villa, die schon in Jugend ohne Gott prominent zu sehen war. Wenn man halt schon mal da ist …

Jetzt die erste Komödie

In High Society spielt Niewöhner seine erste klassische Komödie, und man merkt ihm an, dass er auf diesem Gebiet etwas unbedarft agiert. In manchen Szenen erinnert er an den jungen Til Schweiger, von dem heute leicht vergessen wird, wie erfrischend viril und humorvoll er in seinen frühen Rollen gespielt hat. Als ich Niewöhner bei unserem Gespräch darauf anspreche, muss er lachen. Er hat den Vergleich offenbar schon einmal gehört.

Am besten plaudert man mit ihm über die Schauspielerei selbst, darüber, was ihn antreibt, und nicht darüber, wie er einen Film politisch deutet. Es ist die alte Erkenntnis, dass kein Autor so klug ist wie seine Bücher, oder um es mit Deutschlands virtuosem Trash-Filmemacher Uwe Boll zu sagen: „Kein Schauspieler ist so intelligent wie die Rolle, die er spielt.“

Eine klassische Schauspielausbildung hat er nie absolviert. Einmal versuchte er es an der Ernst Busch, doch das klappte nicht. Zwar ist er mittlerweile in einer komfortablen Situation, Rollen wie die in Jugend ohne Gott werden ihm direkt angeboten, er muss sich aber immer wieder durch überzeugende Darbietung in Castings behaupten. So ist das Geschäft, und so scheitern viele. Immer aber, erzählt er, wusste er, was er wollte: „Ich habe meine Abiturprüfung geschrieben, und habe mir danach, noch bevor ich wusste, ob ich bestanden habe, eine Wohnung in Berlin gemietet. Im Zweifel das Abitur zu wiederholen, das kam für mich nicht in Frage.“

Große Zweifel und Ängste kennt er nicht. Wenn überhaupt, habe es zuletzt in der Arbeit mit Detlev Buck so etwas wie Unsicherheit gegeben. Der Film, der 2018 in die Kinos kommt, heißt Gorillas, es ist die Adaption einer Geschichte von Ferdinand von Schirach: „Man selbst denkt, ich weiß jetzt, wie das alles funktioniert und wofür ich besetzt werde, und dann sagt Buck einem ins Gesicht: ,Das ist scheiße, das habe ich schon tausendmal gesehen, das interessiert mich alles nicht, das ist langweilig.‘ Dann kommst du an deine Grenzen, dann wirst du unsicher, dann stotterst du, und dann wird es gut.“

Wie es um das deutsche Kino steht, wenn gleichzeitig zwei Filme mit identischem Cast die Zuschauer ins Kino locken sollen: schwer zu sagen. Doch Jannis Niewöhner eignet sich nicht als Zielscheibe für Kritik.

Als wir die Rechnung bekommen, besteht er darauf, seinen Teil selbst zu bezahlen. Er kramt einen zerknüllten Geldschein tief unten aus den Taschen seiner Jeans heraus und legt ihn auf den Tisch – dann muss er weiter, vielleicht ins Waldorf Astoria. Es warten noch viele Plakate auf ihn.

06:00 14.09.2017
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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