Kichern, Lachen, Erdbeben

Banker Regulierung ist voll doof! Beim „Deutschen Derivate Tag“ spürt man sie noch: die ungetrübte Lust aufs Finanzgeschäft

Ganz ausgezeichnet nimmt es sich aus in der Villa Kennedy, dem Fünfsternehotel an der Kennedyallee im Herzen von Frankfurt am Main. Eigentlich war das hier mal die Villa Speyer, 1901 im Gotik-Renaissance-Stilmix gebaut, Stadtsitz der jüdischen Unternehmerfamilie Speyer. Dann „arisierten“ die Nationalsozialisten das Anwesen, heute gehört es der britischen Edelmarke Rocco Forte Hotels.

Hier findet, wie jedes Jahr im beginnenden Herbst, der „Deutsche Derivate Tag“ statt, zu dem der Deutsche Derivate Verband (DDV) geladen hat. Das gusseiserne Tor zur Hotelzufahrt steht weit offen, die Sonne strahlt in die bei Ankunft noch kühle Morgenluft, vor dem Treppenaufgang zum Foyer parken mehrere Porsche Cayenne, in denen beifahrerseitig blonde Frauen mit streng nach hinten gezogenem Pferdezopf sitzen und ins Mobiltelefon starrend auf ihre Männer warten.

Beherzt eilt mir der Concierge zur Begrüßung entgegen, nimmt das schwere Gepäck und weist den Weg zur Tagung. Vor dem eigentlichen Konferenzraum, dem Saal „Konrad Adenauer I“, ist ein feines Buffet errichtet, die Löffelchen zum Kaffee und Tee sowie die Gäbelchen und Messerchen zu den Horsd’œuvres, den Obst- und Kuchenstücken sind aus Silber.

Bevor es losgeht, blättere ich noch einmal durch die ausliegende 220 Seiten starke DIN-A4-Broschüre des DDV mit dem knappen Titel „Kompass Strukturierte Produkte. Alles, was Sie über Anlage- und Hebelprodukte wissen sollten, um erfolgreich zu investieren“. Was wir aber zuerst wissen sollten: Der DDV ist die Branchenvertretung der größten Player im Derivate-Handel – Derivate sind Finanzprodukte, Finanzprodukte kann man am Finanzmarkt handeln. Man kann das staatlich regulieren oder man lässt dem Markt freien Lauf und schaut, was passiert. Letzterer Fall führte vor exakt zehn Jahren zum Finanzcrash, und genauso alt ist auch der DDV.

Volk von Investment-Muffeln

Nach dem Desaster von 2008 verstärkte man die Regulierung erheblich, seither kämpft der Verband mehr oder weniger resolut dagegen an; zuletzt wurden Stimmen lauter, die sagten, die Politik sei weit übers Ziel hinausgeschossen. In der Broschüre heißt es, „der DDV ist ein Verfechter der Selbstregulierung“, und zu diesem Zweck „pflegt er das intensive Gespräch mit den Regulierungsbehörden“. „Gespräch“ klingt gut, es ist normale Lobbyarbeit.

Über die Selbstbeschreibung hinaus fällt die Lektüre des Ratgebers schwer, die Rede ist von Nullkuponanleihen, Hebelprodukten und Outperformances, von Sprint-Zertifikaten, Reverse-Boni, bonitätsabhängiger Schuldverschreibung, von Long-Knock-outs und Discount-Calls. Doch dazwischen auch immer wieder Sätze von großer Eleganz, Sätze wie Silberbesteck: „Rohstoffe haben ihre eigenen Gesetze.“ Oder: „Man muss sich entscheiden, Cash- oder Spot-Market.“ Ja, man muss sich wohl entscheiden, auch zwischen den Hebelprodukten Long Turbo, X-Turbo, Turbo Long, Open End Turbo Long, Best Turbo oder Turbo Classic Bull.

Den Kongress eröffnet um 10 Uhr Dr. Hartmut Knüppel, DDV-Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender, gleich mit einer traurigen Botschaft: Der erste Vortragende des Tages, Dr. Jörg Kukies, Sozialdemokrat, langjähriger Goldman-Sachs-Investmentbanker und nun Staatssekretär im Finanzministerium, habe kurzfristig absagen müssen. Olaf Scholz habe Wichtigeres für ihn vorgesehen. Zum Trost verliest Knüppel eine ans Publikum gerichtete Entschuldigungs-E-Mail, die tatsächlich noch trockener klingt als die Broschüre. Das liegt sicher nicht an Knüppel, der mit seinen schlaksigen Extremitäten, der etwas schussligen, sich immer ein bisschen verhaspelnden, vollsympathischen Art tatsächlich ein komödiantisches Talent besitzt; ihm gelingen sogar SPD-Witze.

Er blickt dann zurück auf zehn Jahre DDV, die es zu feiern gäbe, und das sei ja nun wirklich ein lustiger Zufall, denn gleichzeitig zehn Jahre Crash-Jubiläum wären ja eigentlich nichts, was zum Feiern einlade – und dann lachen alle im Saal, und während sie lachen, blicken alle auf eine große Powerpoint-Grafik hinter Knüppel, auf der ein knallrotes Schnellboot mit einem einsamen Mann am Steuer mit Vollgas über den Ozean prescht.

Über allem an diesem Tag schwebt die Botschaft, die Deutschen seien Investment-Muffel, sie investierten zu wenig, und Hauptaufgabe müsse es sein, die „Wertpapierkultur“ zu fördern – dieser Begriff fällt fast so häufig wie „Zertifikat“. Und weil die Deutschen ihr Gespartes weiterhin auf Festgeld- oder Girokonten lagerten, anstatt es in Zertifikate zu investieren, vernichteten sie jährlich 43 Milliarden Euro – so etwas bringt Branchenvertreter um den Schlaf, denn mittelfristig entstünde so, das hat man auch noch nie gehört, ein „Vermögensproletariat“.

Knüppel schimpft dann noch über die EZB, die BaFin, die Basel-III-Verordnung, MiFID II und derlei mehr – und um zu erläutern, wie überreguliert der Finanzmarkt ist, erzählt er die Anekdote, wie er neulich im Selbsttest in eine Bankfiliale gegangen sei, um Zertifikate zu kaufen, und wie schwer ihm das der an die Kette gelegte Bankberater gemacht habe – der Saal schmeißt sich fast weg vor Lachen. Auch Bundesjustizministerin Katharina Barley wird noch zur Räson gerufen: Neulich hatte sie doch in einem Interview gesagt, sie habe keine Lust, sich mit Geldanlagen zu beschäftigen – Knüppel ist ratlos, verzweifelt, ein fatales Signal sei das, sagt er, schlimmer noch, das sei ein „Sargnagel für die deutsche Wertpapierkultur“.

So langsam beginne auch ich, mir Sorgen um die deutsche Wertpapierkultur zu machen, und kaum habe ich Hartmut Knüppel ins Herz geschlossen, erfahre ich, dass dies sein letzter Derivate-Tag sein wird – er geht in Rente. Seine vollschnittigen, gar nicht mehr lustigen Nachfolger betreten die Bühne und überreichen ihm eine Flasche Wein. Aus der Distanz meine ich einen Château Margaux Premier Grand Cru Classé, Jahrgang unbekannt, zu erkennen.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Als Überleitung zur nächsten Vortragenden, Bettina Stark-Watzinger, Generalsekretärin der Hessen-FDP und Vorsitzende des Bundesfinanzausschusses, wird eine Videobotschaft von Christian Lindner eingespielt. Lindner ist nicht nur ihr Chef, auch sind Knüppel und er seit bald 20 Jahren dicke Kumpel. Bei Lindners prominent gewordenen Start-ups, die er um die Jahrtausendwende stolz gegen die Wand fuhr – Stichwort: Kultur des Scheiterns! –, war Knüppel Lindners Geschäftspartner. Ihre erste Unternehmung hieß Knüppel Lindner Communications. Lindner freut sich, hier als Videobotschaft präsent sein zu dürfen.

Auftritt Hans-Ulrich Jörges

Aber zurück zu Stark-Watzinger. Gerade hat sie sich in der Börsen-Zeitung zu Wort gemeldet und einen Text mit dem Titel „Finanzmarktregulierung muss Mehrwert schaffen“ veröffentlicht, in dem all das zu lesen war, was auch Knüppel schon erklärt hat, also: Private Rentenversicherung: alternativlos; Finanztransaktionssteuer: sehr, sehr schlecht; deutsche Wertpapierkultur: in Not; Regulierung: Jetzt reicht es auch mal! Sowieso ist die private Altersvorsorge die eigentliche Erzählung des Tages, sie ist das gewichtigste Argument. Wie ein Damoklesschwert aus purem Gold hängt es da, und alle hoffen, dass es endlich fällt.

Stark-Watzinger erzählt dann Rührendes von ihrer Tochter, die sei ja gerade in Singapur und in Hongkong und so weiter, und da wäre ja alles schon so modern mit dem digitalen Bezahlen, und so könne sie der Tochter jederzeit jede Währung der Welt überweisen und darum (als Mutter!) endlich wieder ruhig schlafen – Deutschland hingegen sei digitales Steinzeitalter. Auch da müsse man ran, und sie erzählt dann tatsächlich noch was von Iris-Scannern, von Flüchtlingscamps in Idlib und warum das alles so wichtig ist, auch für die armen Menschen, und wie und warum alles mit allem zusammenhängt.

Bevor es aber eine warme Mahlzeit gibt, betritt noch der eigentliche Stargast die Bühne, Stern-Mann Hans-Ulrich Jörges. Über Derivate verliert er kein Wort, dafür aber orakelt er dem Publikum, was in den kommenden Monaten in Bund und Ländern passieren wird. Endlich kann er mal eine Stunde lang Polit-Propädeutik betreiben, ohne dass er dabei andauernd von Katrin Göring-Eckardt, Sahra Wagenknecht oder Norbert Röttgen unterbrochen würde.

Der Herbst werde in Deutschland „politisches Erdbebengebiet“. Er prophezeit das Ende der Ära Merkel, der Ära Seehofer, der Ära Söder, die Grünen würden zweitstärkste Partei, die SPD nur noch eine „Partei des öffentlichen Dienstes“, und die CDU werde demnächst mit der Linken paktieren (müssen), und sowieso: In Deutschland wären keine Politiker, sondern nur Amateure am Werk – am härtesten trifft es wieder einmal Andrea Nahles. Neben mir kommt eine junge Finanzmarktakteurin bei all dem Politiker-Bashing gar nicht mehr aus dem Kichern, Schnaufen und Lachen heraus – Jörges spricht ihr aus der Seele, ständig knufft sie ihren Kollegen in die Seite, um sicherzustellen, dass auch er das gerade gehört hat. Ist ja allerhand, wie schlimm es um Deutschland steht, denke ich. „Das ist Deutschland, liebe Leute“, sagt Jörges immer wieder. „Das ist Deutschland!“, und alle schütteln wissend ihre Köpfe.

Seinen größten Coup hat er sich für den Schluss aufgehoben. Jörges prophezeit, Merkel werde 2019 abtreten, EU-Kommissionspräsidentin werden und gemeinsam mit Macron Europa durchregieren. Er schließt dann halb im Spaß: „Dafür lasst uns gemeinsam beten.“ Kein Halten mehr im „Konrad Adenauer I“.

Beim Buffet im Anschluss lasse ich mir von der Kellnerin gedünstetes Gemüse, 150 Gramm zarte Dorade und zwei, drei Vichy-Karotten auf den Teller geben. Auf der durch Wasserläufe gekühlten, beschatteten Terrasse setze ich mich zu Tisch, esse und lasse alles durch meinen Kopf laufen: Mutter aller Probleme ist in Wahrheit die deutsche Investment-Lethargie, weiß ich nun.

„Für jeden Menschen gibt es das richtige Zertifikat“, versprach Dr. Hartmut Knüppel zu Beginn, und man möchte ihm glauben. Jeder findet irgendwann das zu ihm passende Zertifikat. Die Romantik ist einfach nicht totzukriegen.

06:00 28.09.2018
Geschrieben von

Timon Karl Kaleyta

Timon Karl Kaleyta, 1980 in Lagos geborener Autor, Musiker und Geschäftsmann, gründete 2011 in Düsseldorf das Institut für Zeitgenossenschaft IFZ.
Timon Karl Kaleyta

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