Spiel mit Leben

Judenfeindschaft Davidsterne, Ab-ins-Gas-Rufe, Hooligans mit Israel-Flaggen: In den Niederlanden bringt der Fußball den Antisemitismus in die Innenstädte zurück

Wenn die niederländischen Traditionsvereine Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam gegeneinander antreten, ist Militanz ein Ritual, Riots haben Tradition, und der Hass zwischen den Fans wird so sorgfältig gepflegt wie ein Vorgarten an der Gracht. Es bräuchte keine Juden, um das Eskalationspotenzial in der Nähe des Siedepunkts zu halten. Und doch bilden antisemitische Sprechchöre seit Jahrzehnten den akustischen Rahmen der Begegnungen zwischen Ajax und Feyenoord. "Adolf, hier laufen noch elf, wenn du sie nicht vergast, tun wir es selbst", schallt es aus dem Rotterdam-Block, wenn es gegen den vermeintlichen "Judenclub" aus der Hauptstadt geht. Und mit "Hamas, Hamas, Juden ins Gas" schlagen die Kurven gewohnheitsmäßig eine rhetorische Brücke zwischen dem Judenhass zeitgenössischer Islamisten und der nazionalsozialistischen Vernichtung.

In diesem Jahr jedoch hatte die Sache ein Nachspiel. Wenige Tage nach dem diesjährigen Winter-Match beschlossen die Bürgermeister beider Städte zusammen mit Vorstandsmitgliedern der Clubs und Vertretern des niederländischen Fußballverbands KNVB, dass die Begegnung in den kommenden fünf Jahren ohne Gästefans stattfinden wird. Dahinter steht zum einen, dass der KNVB, der in der Vergangenheit mit antisemitischen Ausfällen eher zögerlich umging, inzwischen durchzugreifen versucht.

Als entsprechende Parolen auch beim Ajax-Match in Utrecht im März auftauchten, gab der Verband eine Untersuchung in Auftrag. Noch wesentlich schwerer dürfte jedoch die Tatsache wiegen, dass sich die gleichen antisemitischen Parolen längst nicht mehr auf Fankurven beschränken. "Immer öfter", so Ronny Naftaniël, Direktor des Den Haager Israel-Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI), "werden verletzende Parolen auch in der Alltagssprache verwendet." Bei den Demonstrationen gegen den Kriegseinsatz Israels habe zum Beispiel "Hamas, Hamas, Juden ins Gas" inzwischen auch Einzug in die niederländische Innenstädte gehalten.

Unter Verweis auf die Folklore ihrer Feindschaft distanzieren sich Feyenoordfans seit jeher von "echtem" Antisemitismus. Man sei nur gegen Ajax, dessen Fans sich schließlich selbst "Juden" nannten, im Stadion Israelflaggen schwenkten und an den Wänden der Hauptstadt den Schriftzug "LAFC Ajax" gerne mit einem Davidstern versehen.

Ajax vermeidet den Gebrauch jüdischer Symbole, um antisemtische Entgleisungen zu vermeiden

Möglich, dass diese Identifikation mit dem Judentum darauf zurückgeht, dass das frühere Ajax-Stadion in der Nähe des Judenviertels im Osten Amsterdams lag, und dass sich die Bevölkerungsstruktur der Stadt eben auch auf den Tribünen, auf dem Feld und unter den Funktionären widerspiegelte. Ebenso möglich aber auch, dass sich der Ajaxer Philosemitismus erst als Reaktion auf Beschimpfungen gegnerischer Fans entwickelte.

Von offizieller Seite jedenfalls hält man sich bei Ajax zum Gebrauch jüdischer Symbole stets möglichst bedeckt. In den letzten Jahren appelliert die Vereinsleitung sogar verstärkt an die Anhänger, vom positiven Bezug auf das Judentum Abstand zu nehmen, um antisemitische Entgleisungen zu verhindern.

Und genau darin liegt einer der heikelsten Punkte in der aktuellen Diskussion. Nach den jüngsten Vorfällen forderte das CIDI nicht nur die Strafverfolgung der Schreihälse, sondern redete auch den Amsterdamer Fans ins Gewissen. "Indem sie sich selbst 'Juden' nennen und unter dieser Flagge den Gegner beleidigen, provozieren sie antisemitische Reaktionen", heißt es in einem offenen Brief von Elise Friedmann, Direktorin der Abteilung Antisemitismus-Forschung. Sie wolle damit nicht Ajax-Fans die Schuld an den Parolen zu geben. "Wir sind die Juden"- Rufe dürften keine Rechtfertigung für Antisemitismus sein. "Aber wenn Ajaxfans unter einer Israelfahne den Gegner als Kakerlaken beschimpfen, ist das etwas anderes". Die Ajax-Fanvereinigung reagierte prompt und warf Friedmann vor, die Tatsachen zu verdrehen. "Das ist so, als würde man den Fahrer, der nüchtern bleibt, für ein öffentliches Besäufnis verantwortlich machen, nur weil er auch in der Bar war."

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