Sizilien auf dem Eis

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Eishockey führt ein Mauerblümchendasein. Verglichen mit König Fußball jedenfalls. Uneheliche Kaiserkinder oder der mutmaßliche Rauschmittelkonsum eines Nochnicht-Bundestrainers füllen tagelang die Titelseiten. Wie groß wären die Balken erst, wenn DFB-Präsident Egidius Braun oder WM-Organisationskomitee-Vorsitzender Franz Beckenbauer in Untersuchungshaft genommen würden? Nicht auszumalen. Dieses unglaubliche Szenario sucht derzeit aber das deutsche Eishockey heim. Rainer Gossmann, Präsident des Deutschen Eishockey-Bunds und Generalsekretär für die WM 2001, wurde vergangenes Wochenende auf einer Mitgliederversammlung des Verbandes in seinem Amt bestätigt, obwohl er nicht anwesend sein konnte - weil er wegen Verdunklungsgefahr in Untersuchungshaft saß. Gossmann werden in einem mindestens seit September laufenden Ermittlungsverfahren Steuerhinterziehung in einem nicht den Sport tangierenden Finanzgeschäft sowie die Praxis schwarzer Kassen aus seiner Zeit als Schatzmeister des mehrfachen deutschen Meister Düsseldorfer EG vorgeworfen. Den Zeitungen, die sich vor kurzer Zeit über den moralischen Verfall an der Spitze des deutschen Fußballs ausgelassen haben, ist dieser Vorfall gerade eine Meldung wert. Fein, könnte man sagen. Und aus den Fehlern gelernt. Keine mediale Vorverurteilung, keine Hetzjagd auf Verdächtigte. Aber der ungleiche Einsatz der meinungsbildenden Mittel erstaunt doch. Christoph Daum, dem lediglich Mutmaßungen, Verdächtigungen und Verleumdungen hinterhertrompetet wurden (noch immer ist die Substanz, die in Daums Haaren gefunden wurde, nicht bekannt gegeben; außerdem sind nur Handel und Besitz gewisser Rauschmittel, nicht aber der Konsum gesetzlich verboten), glaubte sich nur zur Wehr setzen zu können, wenn er in ein Land flüchtet, das keine ordentlichen Wahlen - und noch nicht einmal einen ordentlichen Wahlbetrug - durchführen kann. Rainer Gossmann hingegen wurden nicht einmal die Instrumente medialer Stimmungsmache gezeigt. Eishockey ist halt nicht Sportart Nr. 1. Nur eine Bronzemedaille bei Olympia oder WM holten die, die den Adler tragen. Deutschland muss schon Ausrichter sein, um überhaupt noch an einer A-WM teilnehmen zu dürfen. Auch finanziell ist der schnellste Mannschaftssport kein Konkurrent für König Fußball. Die Zuschauerzahlen liegen meist im vierstelligen Bereich. Die Etats der Klubs liegen zwischen fünf und zehn Millionen DM. Vergleichbare Fußball-Bundesligisten operieren mit dem Zehnfachen, obwohl eher weniger Lederkugeljongleure in einem Spielerkader sind als Puckartisten. Deswegen schafft es ein mutmaßlich krimineller Präsident im Eishockey eben nicht auf Seite 1. Vermutlich kann er sogar - als mögliche Resozialisierungsmaßnahme - von der Gefängniszelle aus die Weltmeisterschaft im April 2001 in Hannover, Köln und Nürnberg organisieren. Verhältnisse wie bei der ehrenwerten Gesellschaft.

An sizilianische Dorfgegebenheiten durfte sich in den vergangenen Wochen auch der hauptstädtische Eishockey-Interessierte erinnert fühlen. Michael Komma, erfolgreicher Trainer der Berlin Capitals, wurde wegen Animositäten mit dem für einen Teilbereich zuständigen Manager Rob Cimetta, der jedoch die Gunst des Präsidenten genießt, gefeuert.

Kommas Kollege bei den Eisbären, Glen Williamson, durfte auf Geheiß des Chefs aus Palermo, nein aus den USA, die Mannschaft von Niederlage zu Niederlage führen, obwohl der Klub in seltener Einmütigkeit für einen Trainerwechsel votierte. Letztlich musste Williamson aber doch gehen. Der doppelte Trainerwechsel in Berlin illustrierte prächtig, wie zuverlässig Heilverfahren dieser groben Art anschlagen. Unter Chris Valentine verlieren die Caps wieder häufiger, während bei den Eisbären tatsächlich ein Ende der polaren Finsternis in Sicht rückt. Uli Egen, der zum Cheftrainer aufgestiegene Coach des Farmteams Eisbären Juniors, sorgte gar für eine Kulturrevolution: die einst durch eine Vielzahl unnötiger Fouls auffallenden Bären sind so diszipliniert geworden, dass sie manch ein Drittel ohne Strafzeit durchspielen können. Aber solcherart Vernunft klingt nun wiederum zu atypisch für das nicht gerade bestens beleumundete Eishockey, als dass man hoffen dürfte, sie habe länger Bestand.

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