Tom Strohschneider
07.04.2011 | 12:00 12

„Wir malen uns nicht grün an“

Im Gespräch Die Linke spekuliert über Lafontaine. Klaus Ernst findet die Debatte wenig hilfreich. Ein Gespräch über Selbstkritik in der Politik und den ökologischen Paradigmenwechsel

Der Freitag: Die Linke hat bei den Landtagswahlen im Südwesten ihre Ziele klar verfehlt – und der Vorsitzende macht die Atomdebatte verantwortlich. Warum fällt Politikern eigentlich Selbstkritik so schwer?

Klaus Ernst:

Mir fällt das überhaupt nicht schwer. Das Wahlergebnis war schlecht, die Entwicklung der Linken hat eine Delle bekommen, bundespolitisch standen wir schon besser da, und nun müssen wir darüber nachdenken, wie es wieder aufwärtsgehen kann.

In der Linken selbst wird be­mängelt, es gebe an der Spitze zu wenig Bereitschaft, nach den Ursachen für die Lage zu suchen.

Wir müssen das Ergebnis als Partei aufarbeiten und Fakten zur Kenntnis nehmen. Die Atomkatastrophe hat das politische Koordinatensystem komplett verändert. Die Bilder aus Fukushima haben die Entscheidung der Wähler enorm beeinflusst. Profitiert haben die Grünen, die für Kritik an der Atomenergie stehen. Andere Themen sind in den Hintergrund getreten, darunter die vielen sozialen Probleme.

Die Linke war vor dem GAU in Japan schon im Abwärtstrend.

Nach der Krise schätzen viele Menschen ihre wirtschaftliche Lage wieder besser ein, es gibt einen – leider nur gefühlten – Aufschwung. Wenn die soziale Kluft von vielen nicht mehr als drängendes Problem wahrgenommen wird, verlieren wir Zustimmung. Zudem agieren SPD und Grüne in der Opposition anders und werden deshalb als Alternativen gesehen. Ich würde sagen: zu Unrecht – aber es ist so. Und drittens hinkt der Westaufbau der Linken unseren Wahlerfolgen hinterher. Wir müssen damit leben, dass es nicht immer weiter aufwärts geht.

Nicht wenige in der Partei machen Sie dafür verantwortlich, und zwar nicht erst seit den Wahlen im Südwesten.

Es gibt immer einige, die sich vor allem an Personalfragen abarbeiten. Das hat uns geschadet und hilft auch jetzt nicht. Wir müssen an den Inhalten diskutieren. Wofür steht die Linke? Und wozu wird sie gebraucht? Wenn wir unsere Antworten darauf voranstellen, werden wir auch wieder wachsen.

Und wofür steht die Linke gegenwärtig?

Unsere Kernthemen sind die soziale Gerechtigkeit, der Frieden und die demokratische Erneuerung. Aber die Atomkatastrophe in Japan beschleunigt einen ökologischen Paradigmenwechsel: Es wird in Zukunft noch stärker um umweltschonende Energieerzeugung und ein Wirtschaften unter den Bedingungen extrem knapper Ressourcen gehen. Das wird die Gesellschaft verändern – unsere Art zu produzieren, zu konsumieren, zu leben. Es sind Chancen damit ebenso verbunden wie Risiken.

Also wird Rot jetzt auch Grün?

Es geht nicht darum, sich grün anzumalen und den Themen der anderen hinterherzulaufen. Es geht auch nicht nur darum, den Kapitalismus ökologisch aufzuhübschen. Die Linke muss den entscheidenden Schritt weitergehen.

Das heißt?

Wir wollen die Partei sein, die dafür sorgt, dass der ökologische Umbau nicht die soziale Spaltung vertieft. In der Energiefrage geht es um Verteilung, um den Einfluss des Öffentlichen auf Strompreise und Produktionsweisen. Ich möchte nicht, dass sich nur die Besserverdiener saubere Elektrizität und neue Mobilität leisten können. Eine ökologische Wende ohne den Bruch mit den alten Machtstrukturen der Lobby und mit den Konzernmonopolen reicht uns nicht. Die Linke will nicht nur eine grüne Energieerzeugung, sondern ihre umfassende Demokratisierung.

Schon heute sind Kommunen ­Anteilseigner bei RWE und EnBW. Auf die Atompolitik hatte das ­offenbar keinen guten Einfluss.

 

Ein kommunales Stadtwerk ist ­etwas anderes als ein Aktienpaket an einem Stromriesen. Es geht um Entflechtung. In den Kommunen gibt es einen Trend zurück zum Stadtwerk. Da passiert schon viel. Ich würde mir wünschen, dass die Linke mit den Bürgern darüber diskutiert, was es heißt, wenn wir mehr dezentrale Energieversorgung wollen, wie man zu wirklicher Mitsprache zum Beispiel in Energie-Genossenschaften kommt, wo wir das Geld für notwendige Investitionen herbekommen oder wie man die Zustimmung der Anwohner erreicht.

Und das wollen die Grünen nicht?

Indem wir die ökologische Frage auch als eine soziale, eine der Demokratie und als eine des Friedens begreifen, setzen wir den Hebel viel grundsätzlicher an.

Sie wollen nun in Ihrer Partei darüber eine Debatte führen – aber eigentlich findet die doch bereits statt: über das Programm.

Wir fangen nicht bei null an. Manches haben wir früher als andere gefordert, es hat nur niemand gemerkt. Nun verändern sich mit dem politischen Koordinatensystem für uns als Partei die Bedingungen.

Muss der Programmentwurf, der im Herbst beschlossen werden soll, neu akzentuiert werden?

Der sozial-ökologische Umbau ist eine der Leitideen des Entwurfs. Sicher werden neue Akzente dazukommen. Aber vor allem werden wir uns strategisch auf die geänderte Lage einstellen.

Heißt das, die SPD als Fixpunkt der Linken wird jetzt von den Grünen abgelöst?

Unser Profil schärft sich nicht, wenn wir immer nur auf die anderen schauen. Die Linke will mehr, als bloß eine Schippe drauflegen. Wir werden aber auch nicht unsere Forderungen zurückdrehen, weil das andere Parteien von uns verlangen. Klare eigene Inhalte, darum geht es – und damit stehen wir zu den Grünen genauso in Konkurrenz wie zur SPD.

In der Politik gibt es das Moment der „großen Erzählung“. Die Grünen haben mit dem Green New Deal ein Angebot, das offenbar viele anspricht. Hat die Linke auch eine „große Erzählung“?

Den demokratischen Sozialismus. Er ist allerdings nicht so einfach zu machen wie ein Öko-Kapitalismus, der auch im Bürgertum auf Beifall stößt.

Kann die Linke auf das Bündnis mit Teilen der bürgerlichen Mittelschichten verzichten, die in den Großstädten und zunehmend auch auf dem Land von den Grünen repräsentiert werden?

Nein. Aber man muss schon unterscheiden: Die Grünen sind keine linke Partei, sondern im Kern die Partei der umweltfreundlichen Besserverdiener. Es war kein Zufall, dass die Grünen in der Regierung Hartz IV, die Ausweitung der Leiharbeit und Rentenkürzungen verbrochen haben. Die Verarmung der breiten Massen bei gleichzeitig steigenden Energiepreisen ist grüne Klientelpolitik. Aber es gibt natürlich das sozial denkende, aufgeklärte Bürgertum und gut Verdienende, denen Gerechtigkeit wichtig ist. Die wollen wir selbstverständlich auch erreichen. Da müssen wir besser werden. Es gibt das falsche Bild von der Linken als einer Partei, die sich nur um die Erwerbslosen, die Abgehängten sorgt. Um diese Menschen geht es uns in besonderer Weise. Aber wir müssen deutlicher machen, dass wir in vielen Fragen die Interessen der Mehrheit vertreten.

Aber diese Mehrheit will sich offenbar nicht von Ihrer Partei vertreten lassen.

Ja, und deshalb müssen wir die Linke breit aufstellen. Es liegt an uns. Wir sind in 13 Landes­parlamenten, wir wachsen im Westen langsam in die Breite. Manches dauert ein wenig länger, als wir dachten.

Als Sie vor sieben Jahren die WASG mitgründeten, hieß es, man werde Politik nun wirklich anders machen. Die Linke erscheint in der Art, wie sie debattiert, wie sie entscheidet, wie sie auftritt, heute aber als Partei ganz wie die anderen auch.

Ganz noch nicht. (lacht) Nein, im Ernst, wir sind doch pluraler und lebendiger als die anderen. Wir streiten gern, und das ist gut so. Auch wenn ein Vorsitzender sich da manchmal zu Unrecht im Kreuzfeuer sieht.

Macht Ihnen der Job eigentlich noch Spaß?

Nicht immer gleich viel. Aber dass es heute bundesweit eine Partei gibt, die offen sagt, wenn die Rentner betrogen werden, wer dem Gaddafi in Libyen die Waffen ge­liefert hat, woran es liegt, dass die Leute trotz Arbeit nicht genug zum Leben und Kinder keine Chancen haben, und die auch Lösungen anbietet – das macht mir Spaß.

Kommentare (12)

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uweness 07.04.2011 | 15:41

Man kann ja zum Genossen Klaus Ernst stehen, wie man will – auch ich fand manchen Auftritt nicht wirklich vorteilhaft, aber was letzten Sommer von interessierten Medien an Schweinen durchs Dorf getrieben wurde, war völlig daneben – man muss ihm aber zu Gute halten, dass er Ruhe bewahrt, während andere, die nur auf schlechte Wahlergebnisse gewartet haben, jetzt anfangen, an den Stühlen der Vorsitzenden zu sägen. Es ist völlig durchsichtig, was die Revisionisten 2.0 (Vgl. a. „Missbrauchte Rosa – Die zweifelhafte Luxemburg-Rezeption in Teilen der LINKEN“ unter: bit.ly/fUTO9j ) gerade veranstalten und welches Personal sie mit Unterstützung interessierter Medienkreise in Stellung bringen, um die Vorsitzenden zu beschädigen. Das Erschreckende daran ist, dass dieses Demontagevorhaben bis in die eigene Strömung von Klaus Ernst hinein teilweise Beifall findet. Gregor Gysi wusste gegen die Anfeindung gegenüber der Parteispitze offenkundig kein besseres Mittel, als eine Rückkehr von Lafontaine zu beschwören und prompt war bei der Parteirechten teilweise Ruhe. Vorerst.

Eine Neuauflage der Debatte wird jedoch nicht lange auf sich warten lassen, ich habe genau die gleiche Vorgehensweise in den GRÜNEN von 1990 bis zur Regierungsbeteiligung erlebt. Nicht nur, dass der linke Bundesvorstand 1988 bereits durch eine Finanzintrige (die nicht gerichtsfest war) unter Beteiligung des "Realo"-Personals und interessierter Medienkreise (damals vor allem SPIEGEL; heute bei der LINKEN die FAZ etc..) gestürzt und in der Folge alles diffamiert wurde, was einer Regierungsbeteiligung im Wege stand. Genau diese Methode beschreibt Albrecht Müller für DIE LINKE in „Anpassungsgemurmel“ unter: http://bit.ly/gu9XwT
Ich glaube, die Widerstände in der LINKEN gegen dieses Weichspülen sind heute in signifikanter Weise geringer als damals in den GRÜNEN, weil viele Funktionsträger einfach jetzt schon viel zu etabliert sind und nach der Übernahme von Regierungsverantwortung nur so gieren. Die schlimmsten Zeugen gegen die eigene Partei sitzen bei der LINKEN in den Parlamenten, einige auch im Parteivorstand und haben übrigens bei ihrer Wahl erklärt, sie wollten ihr Strömungssüppchen nicht mehr kochen ...

ebertus 07.04.2011 | 22:06

Nur kurz hier, weil gerade anderweitig involviert.

Der Ernst ist für mich ein Vertreter der bodenständigen, des bundesrepublikanischen Systems incl. eben der Gewerkschaften; neben der SPD und nunmehr auch den Grünen, und alle zusammen Vertreter einer Philosophie der Mitbestimmung - bei Tapete bzw. Wandfarbe in der akzeptierten, selbstgewählten Zelle.

Insofern ist mir die Gesine Lötzsch einfach die bessere, die zukunftsweisendere Wahl, auch, weil ihr Nachdenken über die Zukunft sofort unter Generalverdacht gestellt wurde. Insofern kann man nur hoffen, dass sich die Linke nicht dem DDR-gemäßen 90 Prozent der sachbezwangten Alternativlosen anschließt. Das wäre ihr Ende und die Koalitionen in Berlin und Brandenburg beispielsweise leider genau der Weg dorthin.

Daher und aus dieser Sicht also schade, dass die Linke in BW nun nicht für NRW-Verhältnisse sorgen; oder als Schuldige dienen kann. Nicht wegen der dann erwartungsgemäß medial gehypten Chaostheorie, einfach um die doch so Staatstragenden bei SPD und Grünen ein wenig zu zwingen ihre wirkliche Farbe und Intention zu bekennen.

claudia 08.04.2011 | 08:06

Zitat Ernst:
>>Manches haben wir früher als andere gefordert, es hat nur niemand gemerkt.
Da ist eine Menge dran. Wer sich selber mit der Linken befasst und nicht den Müllmedien folgt, merkt das schnell.

Eine linke Partei kann sich aber strukturell nicht genau so wie die herkömmlichen Lobbyparteien organisieren. Währrend diese eine strikte Hierarchie brauchen, deren Spitze jenseits aller Wahlreklame Lobbyaufträge bedient, muss eine linke Partei Basisaufträge bearbeiten können. Wenn gilt: "Wir sind das Volk", dann sind Namen von Volksbeauftragten nicht so wichtig: Was zählt, sind Inhalte.

Allerdings ist das gelernte Hierarchiesystem sehr fest in den Köpfen verankert und man fällt immer wieder auf das herein, was man eigentlich überwinden will...
Die Systemüberwindung und der gesellschaftliche Fortschritt fängt in den Köpfen der Menschen an. Deswegen ist linke Politik mühsamer als irgendein wahltaktisches, leicht nachzuplapperndes Wischiwaschi ins Volk zu drücken.

Ravenbird 08.04.2011 | 11:21

Die Linke zu der ich mich als Mitglied auch zähle muss sich für mein dafürhalten klar linksökologisch ausrichten. Linksökologisch da wir zum einen Soziale und Gesellschaftliche Gerechtigkeit benötigen, zum zweiten die Macht der Konzerne und des Kapitals beschneiden und einschränken müssen und zudem die Erde und ihre natürlichen Ressourcen schützen und erhalten müssen um auch für unsere Kinder und Kindeskinder die Welt lebenswert zu erhalten. Dazu gehört dann btw. auch das Thema des Wirtschaftens mit extrem knappen Ressourcen, das Nein zur Atomenergie, das Nein zur Kohleverstrohmung und das Ja zum Ausbau alternativer Energien und der entsprechenden Energienetze. Im Parteiprogramm über das momentan noch diskutiert wird sind viele Punkte die grüner sind als im Parteiprogramm der Grünen, nur haben wir uns dahingehend in meinen Augen bisher nicht richtig positioniert.

Ich kann jedes Mitglied der Linken nur auffordern sich innerhalb der Linken auf der Ökologischen Plattform zu engagieren:

www.oekologische-plattform.de

Darüber hinaus dürfen wir freilich nicht die Ziele der Gesellschaftlichen und Sozialen Gerechtigkeit sowie die Beschneidung des Einflusses der Wirtschaft vergessen. Den im Mittelpunkt unseres Handelns muss immer der Mensch uns seine Bedürfnisse stehen.

miauxx 09.04.2011 | 01:12

"Es geht auch nicht nur darum, den Kapitalismus ökologisch aufzuhübschen." und
"Er ist allerdings nicht so einfach zu machen wie ein Öko-Kapitalismus, der auch im Bürgertum auf Beifall stößt." sowie die Rede von einem "sozial-ökologischen Umbau" empfinde ich, freilich neben der Kriegsablehnung, als zentrale Punkte für eine zukunftsweisende linke Politik.
Auch wenn es hier vielleicht zunächst nach bloßer Abgrenzung zu den Grünen klingt, bergen diese Aussagen doch, wie eine tatsächlich ökologische Wende zu machen wäre. Diese geht m.E. untrennbar einher mit der Frage nach sozialer Gerechtigkeit. Zuallererst die wichtigtsten infrastrukturellen und versorgungstechnischen Aufgaben, so eben der Energiesektor und auch die Lebensmittelerzeugung, müssen eine Entkopplung von reiner Profitorientierung und dem Finanzmarkt erfahren. Ferner kann eben auch keine bloße Ökologie nach Marktlage oder dem wirtschaftlichem Vermögen einer bestimmten Schicht gut Verdienender wirklich Probleme lösen. Schließlich lösen Biomärkte auch nicht die Discounter und Massentierhaltung ab. Und für eine solche 'gute' Politik im falschen System, ergo mangelhafte Konsequenz, stehen eben die Grünen. Insofern sind sie eben tatsächlich keine linke Partei (mehr).
Als im Bundestag die ersten Bärtigen mit Strickpullover aufgetaucht sind, mag das in der damaligen BRD aufgrund des verhältnismäßig hohen Dissidenz- und Protestfaktors contra den etablierten Betrieb noch als 'links' gegolten haben. Diesen Eindruck von 'links' haben Die Grünen aber selbst, spätestens seit der Regierungsbeteiligung ab 1998, eingeebnet. (s.a. die Einlassung U.J. Ness' hier im ersten Kommentar)
Für Die Linke wird das nicht so einfach oder glatt gehen - allein schon ihres Namens wegen. Die Frage ist nur, wie oder ob es Die Linke schaffen wird, konsequent zu sein. Blickt man z.B. nach Berlin, dann sieht man, wie relativ die hohen Ziele Der Linken werden, wenn sie unter gegebenen Bedingungen mitregiert.
Vermutlich ist so eine recht langsam und behutsam vor sich gehende breitere Aufstellung Der Linken im gesamten Bundesgebiet die beste Lösung um zunächst von der kommunalen über die Landesebene auch die Bundespolitik nachhaltiger beeinflussen zu können.

rolf netzmann 09.04.2011 | 20:08

2002 wurde die PDS bei der Bundestagswahl zwischen den beiden Blöcken Schwarz-Gelb und Rot-Grün zerrieben und zog nur dank zweier Direktmandate in den Bundestag ein. In BW passierte ihr das gleiche. Die Zuspitzung der Wahlkämpfe auf Blöcke, oder. wie in Hamburg, auf Personen, wird es der Linken in Zukunft schwerer machen, die von Ernst angestrebte Akzeptanz auch bei dem interessierten Bürgertum zu erreichen.
Was die Linke jetzt braucht, ist, sich auf mehr als nur soziale Gerechtigkeit und Ablehnung von Kriegen zu konzentrieren .Ihre Akzeptanz bei Gewerkschaften erhöhen, die Einbindung junger Intellektueller und Künstler in offene Diskussionen, Antworten darauf, wie wir die drängenden Fragen der Gegenwart und Zukunft lösen wollen und, ganz wichtig, Offenheit, die Fähigkeit, zuzuhören, das muss ausgebaut werden. Die Beschäftigung mit sich selber, die eigene Nabelschau, wirkt abstoßend auf potentiell Interessierte.
Warum Gysi jetzt Lafontaine wieder ins Gespräch bringt, anstatt die von ihm mit installierte Doppelspitze zu stärken, das wird wohl sein Geheimnis bleiben. So jedenfalls wirkt die Linke nicht attraktiv.
Die personelle Konstanz der Grünen, deren Fähigkeit, unterschiedliche Wählerschichten zu erreichen, all dies macht deren Erfolg aus. Wen erreicht die Linke, wie wirkt sie in der Öffentlichkeit?
Warum sank sie in Sachsen-Anhalt von etwa 30% zu Beginn der ersten Umfragen auf 23% am Wahltag?
Darüber sollte deren Spitzenpersonal mal nachdenken, anstatt sich gegenseitig an persönlicher Eitelkeit zu überbieten.
In ihrem gegenwärtigen Zustand jedenfalls wirkt die Linke wenig anziehend und wird es schwer haben, in einem politischen Kampf der Blöcke politisch zu punkten. Erfolge wird sie nur erreichen, wenn sie es schafft, Originalität so auszustrahlen, dass sie bei Wählern als eine ernsthafte Alternative zu den beiden dominierenden Blöcken wahrgenommen und angenommen wird.

claudia 11.04.2011 | 10:04

>>Darüber sollte deren Spitzenpersonal mal nachdenken, anstatt sich gegenseitig an persönlicher Eitelkeit zu überbieten.
So wird das nichts.
Die grosse Chance, die sich mit der Linken anbietet, liegt nicht darin, dass das "Spitzenpersonal" oder eine von ihm beauftragte Werbeagentur etwas Konsumierbares anbietet.

Die Chance liegt darin, dass die Linke nicht von einer finanzstarken Lobby gesteuert wird. Dass sie dadurch für Diskussionen offener ist als Parteien, deren "Mangement" konsumierbare "Botschaften" anbietet, von denen alle wissen, dass sie nach der Wahl bedeutungslos sind.

Die Lobbyunabhängigkeit kann zum konstruktiven Mitmachen benutzt werden oder eben nicht.
Linke Politik ist kein Konsumartikel. Es gibt sie als Volksbewegung oder gar nicht.

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uweness 11.04.2011 | 15:15

@claudia ad 11.04.2011 um 08:04

Du schreibst: "Linke Politik ist kein Konsumartikel. Es gibt sie als Volksbewegung oder gar nicht."

Stimmt, genau das ist auch das Problem von vielen in der Partei, die viel zu sehr auf die Parlamente fixiert sind und nichts dafür tun, soziale Bewegungen zu unterstützen, bei deren Entstehung zu helfen und deren Sprachrohr darzustellen. Dürfte ich es bestimmen, würde ich jedem Mandatieren sofort zur Lektüre vorschreiben - Luxemburg: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften .... Mit linkem Etatismus vermag man vielleicht Staat zu machen, auch Pöstchen zu erringen, aber keine wirklich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung und Druck zu erzeugen.

Rüdiger Kalupner 12.04.2011 | 13:08

@ Ness
Irrtum! Jedenfalls der aktuellen gesellschaftlichen Systemkrise, in der das fast absolutistisch herrschenden 2%Wachstumszwang-Regime der KAPITALSTOCK-Maximierer sich befindet.

Wenn eine neue Fortschrittsordnung ante portas steht, dann kommt es auf eine kleine revolutionäre Gruppe an, die durchblickt, d.h. eine Evolutionsprozess-Theorie formuliert hat, die die Entwicklungslage der Industriestaaten abbildet, den Exoduspunkt kennt, von dem der Sturz des Tyrannen angestoßen werden kann, und die Steuerungsinstrumente der folgenden Gesellschaftsordnung kennt.

Das alles hat DIE LINKE nicht drauf. Sie hat Marx-Engels evolutionsprozess-theoretisch n i c h t zu Ende gedacht.

Die LINKE hat nur als Epochenwechsel-Partei eine Zukunft. Der Epochenwechsel (= öko-soziale Umsteuerungsansatz evolutionsprozess-logisch zu Ende gedacht) läuft aber über einen sog. Geniepunktänderung. Diese muß nur in die Diskussion geraten - und schon nehmen die Finanzmärkte spekulativ den Sturz der KAPITALSTOCK-Maximierungstyrannei vorweg ... Der von mir als KREATIV-Lohn-für-Jedermann benannte Ersatz der Flächentariflohnerhöhungen i s t die Geniepunkt-Änderung. GOOGELN!

Also: eine Geniepunkt-Strategie muß die revolutionäre Epochenwechsel-Gruppe entwickeln und k e i n e Massenbasis-Strategie.

Rüdiger Kalupner 12.04.2011 | 14:05

@ miauxx
Sie liegen mit Ihrem Schwerpunkt genau auf (r) evolutionsprozess-logischem Kurs.

Und da alles wirklich Geschichtlich-Große von der Genialität-im-Evolutionsprozess e i n f a c h zu erreichen ist, wäre es für die LINKE ein politisches Kinderspiel, das Ancien Régime der KAPITALSTOCK-Maximierer zu stürzen. Sie müßte nur am erkannten Geniepunkt ansetzen, dem KREATIV-Lohn-für-Jedermann, der energie- und sachkapital-steuerfinanziert ist, und die Flächentariflohnerhöhungen ersetzt, in dem die KREATIV-Lohnsteigerung den jährlichen Produktivitätsfortschritt verteilt.

Sie mein Beitrag weiter unten.

Rosa Sconto 13.04.2011 | 01:23

Ein recht interessantes Interview. Auch die Kommentare. Ernst scheint eher pragmatisch zu sein was wirklich notwendig ist denn was zählt ist was am Ende wirklich erreicht wird. Natürlich habe ich viel Sympathie und wäre ja froh wenn wenigsten 10 % von dem was er sagt konkrete Formen annehmen würde. In einem anderen Artikel hier wurde über Linken und Rechten Extremismus berichtet, der doch nur ein Anzeigen für soziale Spannungen ist die in Zukunft wohl noch verstärkt auftreten.