Der Arbeiterkampf geht weiter, Kollegen!

Gegenöffentlichkeit 40 Jahre und kein Ende: Zum Geburtstag der Zeitung "analyse & kritik", die immer so gut und so schlecht war wie die Linke, die sich in dem Blatt noch finden wollte

„Twittern reicht nicht!“, prangt in großen Lettern auf gelben Grund unter dem roten Kürzel ak. Ein Versuch, in den 140 Zeichen des Kurznachrichtendienstes zu begründen, warum es eine auf Papier gedruckte „Zeitung für linke Debatte und Praxis“ in Zeiten der beschleunigten Zirkulation jederzeit frei verfügbarer oppositioneller Meinungen im Netz trotzdem geben sollte, kann mit dem Schweizer Schriftsteller Kurt Marti gewagt werden: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: ‚Wo kämen wir hin?‘ und niemand ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.“

Wohin gehen? Woher kommen? Als der Arbeiterkampf vor 40 Jahren gegründet wurde, war die „Arbeiterzeitung des Kommunistischen Bundes“ im Land der K-Gruppen ein Zentralorgan unter vielen – und doch schon damals anders. Weil der KB das „linke Trüffelschwein“ (Georg Fülberth) war, konnte er auch eine besondere Zeitung hervorbringen – weniger formelhaft, weniger sektiererisch, durchlässig gegenüber den neuen sozialen Bewegungen, dem Kampf gegen AKWs und Neonazis, dann gegenüber den Grünen und noch später der PDS.

Die Offenheit hatte einen Preis, jedenfalls für den KB, der sich nach Spaltungen 1991 auflöste, für den Arbeiterkampf allerdings war sie die Überlebensgarantie. Die Zeitung war inzwischen so wichtig für eine Linke auch jenseits des KB, dass man auf sie nicht einfach verzichten konnte – es gründet sich ja ein linkes Blatt nicht einfach nebenbei. Das Kürzel ak stand einer Mischung aus Zeitgeist und politischer Neubestimmung folgend nun zwar für analyse kritik. Doch hat das Blatt es geschafft, seine Geschichte „aufzuheben“, ohne zum Revolutionsmuseum zu erstarren.


Das haben die radikaleren Linken der Redaktion (und diese sich selbst) nicht leicht gemacht. Was immer an teils quälenden Konflikten zutage trat, schlug sich im ak nieder: von der Nahost-Debatte über die Frage nach dem Subjekt der Veränderung bis zur Bewertung „linker“ Parteien. Der ak war so gesehen immer so gut und so schlecht wie die Linke, die sich, ob in Abgrenzung oder Affirmation, in dem Blatt noch finden wollte.

Die Redaktion hat die Geburtstagsausgabe für eine ästhetische Runderneuerung genutzt, warnt aber sogleich davor, sich vom neuen Layout nicht blenden zu lassen. Schließlich können die Fragen, die mit der Herausgabe einer politischen Zeitung verbunden sind, nicht schon durch Kosmetik beantwortet werden.

„Viele linke Zeitungen“, schreibt die Redaktion, funktionierten „wie ein Vereinsblatt begrenzter Milieus, für die sie berichten“. Oder aber als Anbieter von „Distinktionsgewinn, indem sie vorzugsweise negativ-abgrenzende Positionen einnehmen: Sie erklären, wie blöd alle anderen sind – und schaffen auf diese Weise Identität.“ Man kann noch eine dritte Variante nennen: Linke Zeitungen, die in erster Linie als Produkt funktionieren wollen, für die das Kriterium des Verkaufserfolgs vor das politische Moment tritt.

Dass der ak in seinem Alter noch einmal den Versuch unternimmt, das jeweils bessere Andere zu tun, also nicht sektiererisch, nicht besserwisserisch, und bei allen ökonomischen Zwängen weiterhin eine in erster Linie politische Zeitung zu sein, ist ein großes Vorhaben. Vor allem, wenn man bedenkt, wie klein die Mittel sind, die der Redaktion zur Verfügung stehen. Man sollte es als Angebot in einem anderen Sinne verstehen, als es der marktförmige Aberglaube vom Produkt tut, das seine Käufer finden muss: „ak kann nur so gut sein“, schreibt die Redaktion, „wie die politischen und sozialen Kräfte, die sich die Zeitung zu eigen machen.“ Irgendjemand muss ja schauen. Wo kämen wir denn sonst hin?


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Ihre Freitag-Redaktion

12:30 23.11.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
Schreiber 0 Leser 6
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Ausgabe 38/2020

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