Die Skepsis der Soziologin

Fortschritt? Ein alternativer Superindikator als Ersatz für das BIP wird die Probleme der Wohlstandsmessung nicht beheben. Es kommt darauf an, anderen Zahlen mehr Diskursmacht zu verschaffen

Wenn in diesen Tagen Wirtschaftsforscher und Regierung ihre Herbstprognosen vorstellen, zeigt der Konjunkturpfeil meist nach unten. „Wir haben eine vorübergehende Schwächephase“, hieß es schon vor einer Woche beim Forschungsinstitut DIW. Das Wirtschaftsministerium rechnet ebenfalls mit Abkühlung. Und der Frühindikator-Index der OECD ging im August schon den fünften Monat in Folge zurück.

Aussagekraft und Bedeutung der Zahlen, die allesamt um das Bruttoinlandsprodukt kreisen, werden freilich schon länger kritisiert: Wenn sich politische Entscheidungen maßgeblich am Kurvenverlauf eines einzigen Indikators orientierten, geraten andere, oft wichtigere Merkmale aus dem Blick. Seit Dezember 2010 beschäftigt sich auch eine Bundestags-Enquete mit der Frage, wie sich Fortschritt anders darstellen lässt als im bloßen Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem bestimmten Zeitraum produziert wurden.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhält die Kommission bisher nicht. Und so steht auch die Suche nach einer neuen Messgröße eher im Schatten. Der Kommission ist unter anderem die „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators“ aufgetragen worden. Die Debatte darüber oszilliert zwischen zwei Polen: Auf dem einen gilt das BIP als unersetzbar, weil Wirtschaftswachstum als Schlüssel zur Bewältigung aller anderen Probleme angesehen wird. Auf dem anderen wird auf alternative Indizes verwiesen, etwa den Nationalen Wohlfahrtsindex von Hans Diefenbacher und Roland Zieschank oder den Genuine Progress Indicator, der auf Arbeiten von Herman E. Daly und John B. Cobb zurückgeht.

„Eigentlich nichts Neues“

Vor zwei Wochen war die Soziologin Jutta Allmendinger in der Kommission zu Gast. Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums WZB sprach über den Zusammenhang zwischen Wachstumszielen und Geschlechterverhältnis. Die Abgeordneten, hieß es bei der Enquete, erhofften sich „Erkenntnisse, die bei der Konstruktion eines neuen Modells für die Wohlstandsmessung berücksichtigt werden könnten“.

Dabei ist Allmendinger gar nicht Anhängerin der Idee, es könne den einen, alle Fragen beantwortenden neuen Indikator geben. Dass etwa BIP-Wachstum und Zufriedenheit, Wirtschaftserfolg und soziale Sicherheit nicht in einem automatischen Verhältnis zueinander stehen, das hat Allmendinger Anfang dieser Woche noch einmal wiederholt. Mit Blick auf das Vorhaben der Enquete, einen „ganzheitlichen Indikator“ zu entwickeln, verwies die 55-Jährige aber auf die Potenziale, die in den längst vorliegenden Datensammlungen schlummern. Wichtiger sei es, der detaillierten Berichterstattung etwa über Armutsgefährdung, Rollenverständnis und Bildungsungleichheit mehr Diskursmacht zu verschaffen, als alles zu einem neuen Indikator „zusammenzuwürfeln“.

Ganz ähnlich sieht das der Präsident des Statistischen Bundesamtes. Roderich Egeler hat am Dienstag mit Allmendinger den neuen Sozialbericht für Deutschland vorgestellt, eine Zusammenfassung ganz unterschiedlicher Studienprojekte, Dauerbeobachtungen und Großerhebungen. Der Fortschrittsindikator, den die Enquete entwickeln soll, sei „eigentlich nichts Neues“, meint Egeler mit Blick auf den Datenreport, den seine Behörde seit 1985 veröffentlicht und in dem über jene Themen berichtet wird, „die nun als Messgrößen für gesellschaftliche Wohlfahrt ins Blickfeld gerückt sind“. Das Zahlenwerk stehe gewissermaßen stellvertretend für den Beitrag, den „die amtliche Statistik in die Debatte um die Messung des gesellschaftlichen Fortschritts einbringen kann“.

Diskursmacht der Daten

Was man dem Datenreport über die soziale Mobilität, über die Veränderung von Familienstrukturen und die Vereinszugehörigkeit der Deutschen entnehmen kann, ist das eine. Welche Rolle diese Zahlen auf die politische Entscheidungsfindung haben und ob das an die Bedeutung des BIP-Indikators heranreicht, ist etwas anderes. Bildungsgrad, Einkommensverteilung, Gesundheitsstatus, subjektive Zufriedenheit, Zustand der Umwelt – all das müsste weit mehr Berücksichtigung finden, meinen viele. Meinhard Miegel, der als Sachverständiger für die Union in der Enquete sitzt, hat dagegen seine Zweifel in ein Bild gebracht: „Man stelle sich vor, der Nachrichtensprecher würde abends 22 Punkte vorlesen.“

Bis in die neunziger Jahre war es allerdings auch noch unüblich, der Börsenberichterstattung einen derart großen Raum in oder vor den Nachrichtensendungen einzuräumen. Das Negativbeispiel zeigt zumindest, dass es auch bisher durchaus möglich war, die öffentliche Debatte an neuen Zahlen aufzuhängen, weil man diesen nun größere Bedeutung beimessen wollte. Wenn heute der Dax zittert, fangen umgehend die Krisenticker an zu laufen.

Und das BIP? Zurzeit bemüht sich die Enquete-Kommission des Bundestags erst einmal darum, sich ein aktuelles Bild von der tatsächlichen Bedeutung einiger debattenmächtiger Zahlen zu verschaffen. Knapp 3.400 Mandatsträger vom EU-Parlament über die Landtage bis zu den Kommunen werden derzeit über ihre Wahrnehmung der verschiedenen Messgrößen befragt. Es gehe darum, herauszufinden, heißt es beim Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik, „ob die derzeit gängigen Indikatoren zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität überhaupt bekannt sind und welche Rolle sie in den Entscheidungsprozessen spielen“.

Ganz oben auf der Liste der Messgrößen steht im Fragebogen für die Abgeordneten übrigens: die BIP-Wachstumsrate.

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Ihre Freitag-Redaktion

08:00 16.10.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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Ausgabe 43/2021

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