Tom Strohschneider
09.12.2010 | 10:45 17

Die Vermessung des Glücks

Enquete Kritik am verhängnisvollen Wachstumszwang ist nicht neu. Dass ein steigendes Bruttoinlandsprodukt nicht alles sein kann, beschäftigt nun sogar eine Bundestagskommission

Natürlich glaubt die Physikerin Angela Merkel nicht an Wunder. Wenn aber die ganze Welt auf Deutschland schaut und davon spricht, von einem Wirtschaftswunder nämlich, dann, so denkt sich die Kanzlerin, kann das ja nicht ganz falsch sein.

Je schlechter die Umfragewerte der Regierungsparteien wurden, desto öfter verwiesen Union und FDP auf das Erstaunen des Auslands. „Die Wachstumsraten sind oben“, hat Merkel den Delegierten auf dem Karlsruher CDU-Parteitag zugerufen. Fraktionsvize Michael Fuchs geriet unlängst angesichts der „stärksten Wachstumsrate seit der Wiedervereinigung“ schier aus dem Häuschen. Und der zuständige FDP-Minister Rainer Brüderle formulierte siegestrunken: „Angesichts des stabilen XL-Aufschwungs sind wir alle Glückspilze.“

Sind wir das? Merkels auch per Regierungsanzeige umjubeltes Wunder meint ein „Wachstum“, das sich in einer Zahl niederschlägt, die über die Entwicklung eines Gemeinwesens nur sehr ungenau Auskunft gibt: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Seit langem warnen Experten vor den Schwachstellen, der gefährlichen Beschränkung einer zu eng am BIP orientierten Diskussion. Es wurden Kommissionen gebildet und alternative Indikatoren berechnet. Was vor 38 Jahren mit den Grenzen des Wachstums des Club of Rome zur populären Einsicht wurde, hat inzwischen auch die Regierungsapparate erreicht. Aus einer kritischen Idee wurde, wenn auch langsam, politisches Umsteuern.

Umso mehr wirkt der deutsche Tanz ums Bruttoinlandsprodukt wie aus der Zeit gefallen. Etwa, wenn die Kanzlerin erklärt, „Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung“. Wenn im Gefolge positiver BIP-Zahlen die SPD-Führung „die Früchte der Reformpolitik“ für sich reklamiert. Oder wenn ein Wirtschaftsminister stolz erklärt: „Alle Indikatoren sind so gestellt, dass wir weiteres Wachstum haben.“

Wollen wir das überhaupt? Solange das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen, die maßgebliche Kennziffer jeder wirtschaftspolitischen Auseinandersetzung bleibt, wird auch der Raum der alternativen Schlussfolgerungen eingeengt. Wenn es nur darum geht, dass die Kurve des BIP nach oben zeigt, bleiben andere Fragen unbeantwortet. Mehr noch: Sie werden nicht einmal gestellt. Und das, was gemessen wird, beeinflusst das Handeln der bestimmenden Akteure. Falsche Messungen führen zu falscher Politik.

Ich merke nichts davon

Diese einfache Einsicht könnte die bislang noch um das BIP kreisende volkswirtschaftliche Debatte gravierend verändern. Sie findet sich im Abschlussbericht einer Kommission, die für die französische Regierung ein differenziertes Messmodell vorlegen sollte. Economic Performance and Social Progress war das Motto. Lebensqualität und Nachhaltigkeit sollten nicht länger außen vor bleiben.

Neben den Nobelpreisträgern Joseph E. Stiglitz und Amartya Sen arbeitete auch Jean-Paul Fitoussi in der Kommission mit. „Wenn das BIP der König der Indikatoren bleibt“, sagt der französische Ökonom, werde sich die Gesellschaft immer weniger darin erkennen. Weder die wachsenden Ungleichheiten noch die Umweltzerstörung finden Berücksichtigung, von der individuellen Lebensqualität ganz zu schweigen. „Alle reden vom Wachstum“, so Fitoussi, „aber ich merke davon nichts.“

Nikolas Sarkozy hat die Statistikbehörde Frankreichs gebeten, den Bericht der Stiglitz-Kommission anzuwenden. „Das ist ein Anfang“, meint Fitoussi. Andere sind gemacht. Auch in Deutschland arbeiten Ökonomen am Thronsturz des BIP-Indikators; In Umfragen gibt eine Mehrheit wachstumsskeptische Antworten.

Die anhaltende Begeisterung der Politik über das anziehende Bruttoinlandsprodukt steht quer zu solchen Einsichten. Man mag das als Nachwirkung des Krisenschocks der Vorjahre ansehen, als ein Zeichen der Erleichterung darüber, dass sich die Zahlen wieder in eine andere Richtung bewegen. Es steckt aber mehr dahinter. Mit dem BIP als Argument wird eine Politik gemacht, die sich als ideologiefrei und einem übergreifenden Interesse dienend darstellen kann, das aber keineswegs ist.

Zum Beispiel die so genannten Wirtschaftsweisen, die ihren Auftrag in der „Erleichterung der Urteilsbildung bei allen wirtschaftspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie in der Öffentlichkeit“ sehen. Vor ein paar Wochen haben sie der Politik die Freude gemacht, einen „unerwartet positiven Aufwärtstrend“ der Wirtschaft zu bilanzieren. Gestiegen war das BIP, sonst nichts. Damit das so bleibe, gaben die Ökonomen der Politik auch Hausaufgaben auf, Forderungen nach „konsequenten“ Reformen, Ratschläge zur Haushaltskonsolidierung und zu Eingriffen in die sozialen ­Sicherungssysteme. Nur so würden „die insgesamt günstigen Perspektiven der deutschen Wirtschaft“, so steht es im Herbstgutachten, „tatkräftig unterstützt“.

Und die Perspektiven der Menschen?

Es erstaunt ein wenig, dass das Selbstbewusstsein, mit dem die „fünf Weisen“ ihre Deutungshoheit über volkswirtschaftliche, also eminent politische Diskurse beanspruchen, in der Öffentlichkeit fast unwidersprochen blieb. Denn der Wunsch nach einer differenzierteren Sicht auf Wachstum ist in Wahrheit längst größer, als es die Jubelrufe über jeden BIP-Aufschwung erscheinen lassen. Die Suche nach einem neuen, einem anderen Ziel des Wirtschaftens hat inzwischen sogar schon den Bundestag erreicht.

Angefangen hatte es mit Thesen der Fraktionsspitzen der Grünen. Auf zehn Seiten hatten Renate Künast und Jürgen Trittin im Frühjahr eine „Diskussion über ökologisch und sozial verträgliches Wirtschaftswachstum“ gefordert. Die Grünen zielten dabei auf die Einsetzung einer Enquete-Kommission. Und die Sozialdemokraten erklärten sich bereit, das Anliegen im Bundestag zu unterstützen. Grünen-Fraktionsvize Fritz Kuhn wollte den rot-grünen Vorstoß als eine Einladung an die anderen Fraktionen verstanden wissen, sich an der „Entideologisierung der bisherigen Wachstumspolitik“ zu beteiligen.

Das Maß aller Dinge

Soweit, auch die Linke mit ins Boot zu holen, ging der rot-grüne Wunsch nach Entideologisierung jedoch nicht. Und auch die Union zeigte sich zunächst wenig begeistert. „Kaum legt das Wirtschaftswachstum hierzulande erfreulicherweise wieder zu, versuchen SPD und Grüne Wasser in den Wein zu gießen“, meckerte Fraktionsvize Fuchs. Zwar sei das BIP kein „allumfassender Wohlstandsindikator“, wohl aber „das Maß aller Dinge zur Ermittlung des Einkommensniveaus eines Landes“. Gänzlich der Opposition wollten CDU, CSU und FDP das durchaus populäre Feld freilich auch nicht überlassen.

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Einerseits ist Skepsis gegenüber der unbedingten BIP-Hörigkeit längst auch in schwarz-gelben Kreisen anzutreffen. Die Beachtung, die ein Publizist wie Meinhard Miegel mit seinem Buch Wohlstand ohne Wachstum in der Union fand, ist nur ein Beispiel dafür. Der Arbeitskreis, der neuerdings in der CDU-Zentrale an einer alternativen Definition von Wohlstand arbeitet, ein weiteres. So etwas, heißt es aus dem Adenauer-Haus, sei für eine konservative Partei „geradezu ein Akt der Wurzelpflege“. Andererseits, und das mag schwerer gewogen haben, wollten die Regierungsparteien bei der Formulierung des Auftrags für die Enquete-Kommission mitbestimmen. Denn bei all der zur Schau gestellten fraktionsübergreifenden Einigkeit gibt es auch jede Menge gewichtiger Differenzen.

Inzwischen hat der Bundestag die Einsetzung des Gremiums beschlossen. Union und FDP haben dafür gesorgt, dass die „soziale Marktwirtschaft“ im Titel auftaucht, sie haben den wachstumskritischen Tenor entschärft und die Aufgaben zurückgeschraubt. Der gemeinsame Antrag ist zu einem Kompromisspapier geworden und als vergangene Woche der Bundestag die Enquete auf den Weg brachte, waren die Streitpunkte nicht zu übersehen.

Argumente für Apokalyptiker

Vor allem den Liberalen ist das BIP als Indikator wichtig, eine alternative Messgröße sei allenfalls als Ergänzung vorstellbar. Die Union wiederum ist besorgt, dass eine Diskussion über die Grenzen des Wachstums zugleich auch an jene des Kapitalismus stoßen könnte. Der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein meint im Parlament sogar, davor warnen zu müssen, „systemkritisch an der sozialen Marktwirtschaft zu kritteln“ – weder „Verzichtsumweltschutz“ noch „Argumente für Öko-Apokalyptiker“ würden hilfreich sein. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der selbst nicht unbedingt als besonders wirtschaftsfern gilt, war angesichts des Auftakts der Debatte nicht besonders amüsiert: „Wir müssen nicht damit anfangen“, keilte der Sozialdemokrat zurück, aufzuzählen, „was wir in einer Enquete-Kommission alles nicht prüfen, untersuchen und diskutieren werden.“

Man wird solche Töne in den kommenden knapp drei Jahren trotzdem immer wieder hören. Denn die Agenda des Gremiums, die bis zum Ende der Legislatur arbeiten wird, reißt viele Fragen an, zu denen gegensätzliche gesellschaftspolitische Antworten aufeinanderprallen. Wo SPD und Grüne mehr staatliche Steuerung anpeilen, wird die FDP „Dirigismus und die Einschränkung der Freiheit“ abzuwehren versuchen. Wo die CDU das „Auseinanderdriften“ einer Gesellschaft mit den Mitteln des Marktes verlangsamen will, sind Linke der Überzeugung, die von der blinden Wachstumslogik mitverursachte „soziale Spaltung“ lasse sich nur mit grundlegenden Eingriffen in die Eigentumsstruktur aufhalten. Erst Wachstum schafft Verteilungsspielräume, sagen die einen. Und die anderen nennen das ein Denken aus der längst vergangenen Ludwig-Erhard-Zeit.

Die Enquete-Kommission soll nun einen „ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator“ entwickeln, wird über die Entkoppelung von Naturverbrauch und Wachstum nachdenken und Lebensstile, Arbeitsweisen sowie Konsumkulturen hinterfragen. Ob und von wem die „konkreten politischen Handlungsempfehlungen für ein ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltiges Wirtschaften“, die der Kommissionsbericht am Ende enthalten soll, tatsächlich umgesetzt werden, wird nicht von 34 Abgeordneten und Sachverständigen entschieden. Das ist eine Frage der politischen Kräfteverhältnisse.

Ein Wunder im Sinne Merkels wird man also nicht erwarten dürfen. Jean-Paul Fitoussi würde sagen: Es ist ein Anfang.

Kommentare (17)

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belle-hopes 09.12.2010 | 12:18

Sie schreiben davon die Linke mit ins Boot zu holen wäre Entideologisierung? Ist nicht Ihr Ernst? Die Linke vertritt keine Ideologie? Sondern? Mal abgesehen davon, dass dieser Beitrag dann doch stark politisiert (es versucht), sollte man an das Thema Wachstum und Glück mal mit Logik ran gehen, wenn man es denn ernst meint mit der Behandlung des Themas, stetes Wachstum ist nicht möglich, weil Ressourcen nicht unendlich sind, die Erde ist kein perpetuum mobile. Und die altbackene Vorstellung Glück bedeutet Wohlstand und Reichtum haben reflektierte, Sie sprechen von differenzierten, Wahrnehmern schon längst abgelegt. Vorschlag: Richard David Precht schreibt gutes dazu und wer sich dem Glücksstreben mal nähern will sollte Watzlawicks "Anleitung zum Ünglücklichsein" gelesen haben, wenn man Wahrheiten schwarz auf weiß braucht. Darin finde ich mehr neues als bei diesem Artikel, um nicht zu sagen weniger Ideologie und mehr Realität.

Tom Strohschneider 09.12.2010 | 12:32

@Belle Hopes: Wer ist denn hier von wem als Ideologe bezeichnet worden? Da wird ein Satz zitiert und sich darüber lustig gemacht, dass die "Entidologisierung", mit der der Grüne Kuhn etwas anderes meint als die Befreiung vom notwendig falschen Bewusstsein (sondern bloß eine Art der "Überparteilichkeit") nicht so weit geht, auch die Linke, die m.E. durchaus sinnvolles zur Wachstumsdebatte beizutragen hätte, ins Boot eines gemeinsamen Antrags zu nehmen. Dass Glück Wohlstand und Reichtum bedeutet bzw. umgekehrt, ist auch nicht meine Haltung, eher neige ich dazu, die gegenwärtigen Bedingungen, unter denen letzterer produziert bzw. angeeignet wird, als das Gegenteil von Glück zu betrachten. Was ihre Wachstumsskepsis angeht: die teile ich, aber nicht in dem absoluten Maße, weil man sich ja vielleicht ein qualitatives Wachstum vorstellen könnte, dass zur Ressourcenschoung beiträgt (indem etwa effizientere Maschinen oder nachhaltigere Energieformen hergestellt werden).

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belle-hopes 09.12.2010 | 12:45

Das ist der Grundtenor hier, der mich auch an diesem Artikel stört, die Parteien- Positionierung, wenn man von dem Glauben der marktorientierten Parteien spricht wie CDU und FDP und dem grünen Glauben der Grünen und der SPD irgendwie dazwischen, auf der anderen Seite (ausgerechnet) die Linke als das weiße Schäfchen, mehr oder weniger subtil, bezeichnet, dann distanziere ich mich als intellektueller und differenzierender Leser vom Freitag. Ich halte nichts von Ideologien (die haben nichts mit Denken und Wirklichkeit zu tun), auf keinen Seiten, erst recht nicht als Ossi. Und als Leser frage ich mich eh schon länger in welche Richtung die Zeitung steuert. Ich halte was von ernster Annäherung an solche existentiellen Fragen wie Wachstum und Glück. "befreiung vom notwendig falschen bewusstsein", ja, da kehre man vor jeder Parteienhaustür.

Tom Strohschneider 09.12.2010 | 13:06

weil sie das differenzieren ja hier selbst (und zu recht) hochhalten: wer sagt, dass die linke sinnvolles zu einer wachstumsdebatte beizutragen hat, behauptet nicht, sie sei das "weiße schäfchen". aber es gibt eben in den beiden vom grunde her sozialdemokratischen parteien mehr als nur keynesianer, die wachstum um jeden preis wollen, weil das die basis ihrer verteilungspolitik ist. sondern eben auch: null-wachstums-freunde, anhänger eines qualitativen wachstums, leute, die in der nähe des green new deal zu verorten sind und und und. das steht in dem text da oben nicht drin, weil es in ihm darum geht, wie mühselig man sich hier in D auf parlamentarischer ebene überhaupt mit der frage befasst. dass man anderswo weiter ist, stellt niemand in frage.

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belle-hopes 09.12.2010 | 21:03

Ja, das sagen Sie es ja selber, ich berufe mich auf Ihren Text, in dem diese Punkte nicht stehen, diese Pro- Linke- Punkte (diese Alternativen?), es ist wohl etwas viel Hellseherei von mir verlangt oder zu viel guter Wille dies selbst in Gedanken zuzufügen in einem Artikel, der als Titelthema steht. So ernst nehme ich nämlich dieses Medium hier. Das ändert nichts an meiner Einstellung zu dieser Partei, das soll hier aber nicht ins Epische ausgebreitet werden. Ich finde jedoch, dass dieses Thema viel zu wichtig ist als es in einer "die bösen Parteien- die gute Partei" abzuarbeiten/ zu streifen, auch wenn eine Wochenzeitung natürlich kein Buch ist, dennoch. Belassen wir es dabei.

RAJmue 09.12.2010 | 21:22

Sehr geehrter Herr Strohschneider,

vielen Dank für diesen Artikel, in dem Sie eine kompakte, aufschlussreiche Übersicht über die gegenwärtige Diskussion und die Art geben, wie sie von den Parteien aufgegriffen wird, und sei es auch nur, um sie ins Hergebrachte zurückzubiegen, damit sich ja nichts ändert.

Es scheint mir letztlich nur teilweise eine Frage der Maßzahlen, mehr noch eine der Ziele, die man als lebenswert ansieht und deren Verwirklichung eine Gesellschaftsordnung begünstigen sollte. Es war für mich immer verwunderlich, dass eine so oberflächliche, summarische Kennzahl wie das BIP als Orientierungspunkt in einer Gesellschaft gilt, deren zunehmende Heterogenität sich seit etlichen Jahren zum Hauptproblem entwickelt.

Aus dem Feld der medizinischen Forschung und Praxis ist beispielsweise gut belegbar, dass Maßzahlen einer Erkrankung, seien sie nun Messwerte oder Lebensqualitäts-Scores o. ä., in der Regel nur grob miteinander korrelieren. Wenn sich überhaupt ein brauchbares Bild ergibt, dann nur aus der multivariaten Zusammenschau, nicht aus einzelnen Kenngrößen. Für die Definition von Wohlstand dürfte Ähnliches gelten. BIP-Steigerung per se ist ungefähr so, wie wenn das mittlere Überleben bei einer Erkrankung zwar geringfügig zunimmt, aber nur aufgrund eines großen Zuwachses bei einer sehr kleinen Zahl von Patienten (und zwar denen, die ohnedies eine hohe Chance hatten) und einer gleichzeitig deutlichen Abnahme bei der ganz großen Mehrheit der Patienten; das kann man vielleicht wollen, man sollte es dann aber auch sagen; die Agitprop ist aber nach wie vor eine andere.

Mit freundlichen Grüßen

j-ap 09.12.2010 | 22:10

Ganz grob gesagt: Ja, das ist so.

Wobei man hier unterscheiden muß: Die Garantien für die Banken haben keinen unmittelbar wachstumsstimulierenden Effekt, denn die sollen ja nur verhindern, daß die inflationierten Vermögenspreise auf 'reale' Levels herunterrauschen. Und Reflationierung erhöht das nominelle (nur an Zahlen gemessene) BIP unmittelbar (weil die Zahlen größer werden) und mittelbar das reale BIP (weil inflationierte Vermögenspreise zeitverzögert realen Investitionsbedarf auslösen).

Wachstumspakete sind eine andere Nummer, denn die zielen unmittelbar auf reale Nachfrage, allerdings um den Preis, daß die (aufgezinsten) Kosten nachher aus eben dieser realen Wirtschaftsleistung erbrachen werden müssen (das ist der berühmte Multiplikatoreffekt). Und darüber, ob das mittelfristig klappt, gehen die Meinungen ziemlich weit auseinander.

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Ehemaliger Nutzer 10.12.2010 | 23:13

humm humm, auch auf die gefahr hin saures zu bekommen belle hopes. vermutlich liegt es daran, dass man aus deinen kritiken nicht so recht schlau wird. ich hatte deine debatte mit merde schon in seinem pharmaconcerning-blog verfolgt. deine position, intention wird einfach nicht klar. du schreibst irgendwie ambivalent.

meiner ansicht nach steht nirgendwo (und kommt auch nicht zwischen den zeilen durch) in diesem text, dass die linke keine ideologie hätte.

du liest ein drama raus wo keines ist, bauscht einzelne sätze zu stilistischen ungetümen auf und am ende lässt du den geneigten leser im regen stehen ;-)

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belle-hopes 10.12.2010 | 23:26

klarer fall von kommentar nicht verstanden, ist hier wohl generalsymptom; meine kritik (unter anderem) ist die, dass es unehrlich ist alle anderen parteien hier unter die lupe zu nehmen und abzuwatschen, das bei der linken aber mal wieder auszulassen, ich meine wenn schon denn schon. wenn ich parteienpromotion will dann brauche ich keine zeitung, auch wenn die sich schon irgendwie positionieren (müssen), sondern dann kann ich mir gleich ein wahlprogramm übers bett hängen. dasmag die mehrheit hier ja gerade toll finden, ich nicht.

Ernst 11.12.2010 | 08:35

Es dürfte nicht leicht sein, lieber Herr Strohschneider, zu klären weshalb so viele Leute wie hypnotisiert auf das BIP starren. Die Thematik steckt voller Irrtümer und falscher Hoffnungen bezüglich dieser Maßzahl.

Das geht bereits los mit einer unsauberen Differenzierung zwischen Wachstum und Konjunktur. Es setzt sich fort mit der unzulässigen Annahme, Wachstum generiere automatisch mehr Beschäftigung. Auch erhoffen sich viele fälschlich darüber eine Lösung der Verteilungsprobleme. Auch die Ökologie bekommt man mit Wachstum nicht einfach so in den Griff.

Rein logisch wird nicht getrennt zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen. Insbesondere die Politik möchte gern einfache Indikatoren, an denen sie den Stand der Dinge kurzerhand ablesen kann und die ihr dann auch noch eine simple Richtschnur für weitere Maßnahmen liefern. Aber so einfach ist die Ökonomie nicht gestrickt. Und erst recht nicht die Welt der menschlichen Glücksgefühle.

Das Gremium, welches nun einen "ganzheitlichen Indikator" entwickeln soll, dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit an diesem Problem scheitern. Den Stein der Weisen oder auch die eierlegende Wollmilchsau wird es nicht einmal für eine rein materiell befriedigende Darstellung und Handlungsempfehlung geben.

Das BIP ist nun nicht eine völlig belanglose Größe. Es bleibt eine wichtige Kennziffer,aber eben eine unter vielen anderen. So sehen das auch die sogenannten Wirtschaftsweisen. Sonst würden Sie wohl kaum 400 Seiten benötigen, um die Situation zu beschreiben und Maßnahmen zu empfehlen.