Kategorie Zweitwohnsitz

Zeitgeschichte 1981 startete die letzte Volkszählung in der DDR. Der Zensus brachte neue Daten für die SED-Wirtschaftsplaner – und sorgte für Nervosität bei der Staatssicherheit

Anfang Mai werden 80.000 Interviewer ausschwärmen und fast acht Millionen Bundesbürger für den „Zensus 2011“ befragen. Wie schon bei der letzten Volkszählung, als Hunderttausende zum Boykott aufriefen, stößt das Unterfangen keineswegs auf ungeteilte Begeisterung: In einer Umfrage erklärten jetzt 17 Prozent, sich widersetzen zu wollen. Erinnerungen werden wach: Schon gegen die bundesdeutsche Volkszählung 1987 waren Menschen auf die Straße gegangen, die zunächst für 1983 geplante Datenerhebung galt als Schritt in den „Überwachungsstaat“.

In der DDR hatten viele mit Überwachung schon Erfahrungen gemacht. Als 1981 eine Volkszählung startete, stieß das trotzdem kaum auf Kritik. Die ohnehin kleine Opposition hatte andere Themen als den Datenschutz, und von den Protesten im Westen konnte man zwischen Kap Arkona und Fichtelberg noch nichts wissen. „Ohne besondere Vorkommnisse“, bilanzierte die Staatssicherheit, sei die Zählung abgelaufen.

Eines ihrer Ergebnisse: Die Zahl der DDR-Bürger war seit 1971 um 336.000 zurückgegangen, eine Schrumpfung um immerhin fast zwei Prozent – und die hatte auch politische Gründe. Der Strom derer, die in die Bundesrepublik gingen, war auch in der Ära Erich Honecker nicht kleiner geworden.

Nur wenig Protest

Die da blieben, hatten für die Volkszählung „Verständnis“, meldete später das MfS, „der Anteil der Verweigerungen war sehr gering“. Und wo das Mielke-Ministerium doch einmal „Schmierereien auf den Zählunter­lagen“ entdeckte, waren die Kritiker „den örtlichen Organen in negativer Hinsicht bekannt“. Notfalls, heißt es in einem Bericht der für die „Sicherung“ der Volkswirtschaft zuständigen Hauptabteilung XVIII, wurden die Auskünfte einfach beim Nachbarn eingeholt.

Dass sich das MfS für Volkszählung interessierte, hatte mehrere Gründe. Zwar war ursprünglich „eine personenbezogene Auswertung“ nicht vorgesehen, wie es in einer Vertraulichen Verschlusssache“ der Staatssicherheit heißt. Später wurden dann freilich doch die „Originalunterlagen bei Bedarf den jeweiligen Genossen unseres Organs zur Verfügung“ gestellt. Mielkes Apparat fühlte sich zudem für den reibungslosen Ablauf der Befragung und Auswertung zuständig. Auf Anweisung des Ministers sollten die Dienststellen „Pläne, Absichten und Maßnahmen sowie Mittel und Methoden des Gegners zur Störung“ und „zur Erlangung von für ihn bedeutsamen Zählergebnissen“ verhindern. Das galt nicht zuletzt einem geheimdienstlichen Interesse von außerhalb. Immerhin wurden bei der Volkszählung auch Angaben erhoben, die keinesfalls bekannt werden sollten. Das Ministerium war offenbar erfolgreich: Bemühungen „zur Verhinderung des Bekanntwerdens der absoluten Anzahl der Angehörigen der bewaffneten Organe“ hätten „ihre Zielstellung erreicht“, heißt es in den Akten.

Vor allem aber brauchte das Politbüro die Inventur für die zentrale Wirtschaftsplanung. Hinter der Diktion, die von der Bedeutung für die „Fortführung der Politik der Hauptaufgabe gemäß den Beschlüssen des X. Parteitages der SED“ (1981) kündete, verbarg sich eine Notwendigkeit: Die Administration war bei der Erstellung der Jahresvolkswirtschaftspläne auf aktuelle Zahlen angewiesen. Zuständig dafür war die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik – und die ließ sich die Erhebung von 1981 rund 45 Millionen Mark kosten.

400.000 Helfer, 24 Millionen Listen

Die Dimension war gewaltig: Über 400.000 ehrenamtliche Helfer waren als „Zähler und Zählinstrukteure“ im Einsatz, die Auswertung wurde zur logistischen Riesenaufgabe. „Mit Hilfe von Markierungslesegeräten“ mussten ab Februar 1982 rund 6,5 Millionen Wohnungslisten und 17,4 Millionen Personenzähllisten erfasst werden. In einem Fürstenwalder Betriebsteil des VEB Datenverarbeitungszentrum ließen 75 Mitarbeiter täglich mehr als 400.000 Listen durch die Maschinen rattern – und das zur Sicherheit nicht nur einmal.

Sicherheit war überhaupt ein großes Thema der Volkszählung, vorrangig für Mielkes Ministerium. Das überall Feinde witternde MfS hielt „die ­Gefahr des Eindringens von operativ bearbeiteten Personen oder anderen negativen Elementen“ für „sehr groß“. Beim Datenverarbeitungszentrum hatte man derweil andere Sorgen: Tests zeigten zunächst Fehler beim Einlesen der Zähllisten. Für die notwendige Korrektur wurde in Fürstenwalde eine eigene Arbeitsgruppe gegründet. Der Anspruch der Statistiker, keine Verfälschungen zu produzieren, konkurrierte allerdings mit dem politischen Ziel, bestimmte Ergebnisse zu unterdrücken. Dabei ging es weniger um die in der DDR verbreitete Kultur der „angepassten Planerfüllung“, bei der sich Wirklichkeit Wunschdenken unterordnen musste. Sondern um die ganz speziellen Sorgen eines Geheimdienstes.

Ein Schwerpunkt der Volkszählung lag auf der Erfassung des Wohnraums in der DDR, an dem es einerseits mangelte, auf dessen Ausbau sich andererseits die Sozialpolitik der SED konzentrierte. 1973 war ein groß angelegtes Wohnungsbauprogramm beschlossen worden. Dessen in Betonplatten gegossene Ergebnisse mögen weder der ästhetischen Konkurrenz standgehalten noch ökologischen Gesichtspunkten genügt haben. Die Volkszählung zeigte aber auch, was man bei aller Kritik nicht wird bestreiten können: Es entstanden in den Neubauvierteln „bessere Wohnbedingungen“ als in den wegen fehlender ökonomischer Ressourcen und Desinteresse dem Verfall preisgegebenen Altbauten. Allein zwischen 1971 und 1981 registrierten die DDR-Statistiker 1,1 Millionen neu gebaute Wohnungen. Nur genügte selbst das noch nicht – wie dann die Volkszählung zeigen sollte. Je 100 Haushalten standen Anfang der achtziger Jahre 97 Wohnungen zur Verfügung: immer noch zu wenig. Ein Grund dafür war ironischer Weise die Staatssicherheit selbst, gab es doch entfremdete Räume für konspirative Zwecke. Und mit der Volkszählung drohte nun Bloßstellung.

Auffällige Unterbelegungen

Ein Anweisung Mielkes vom Oktober 1981 forderte deshalb die Leiter der Diensteinheiten auf, alles zu unternehmen, um die „Enttarnung operativer Kräfte und Mittel des MfS“ im Zuge der Volkszählung zu verhindern. Wo es nötig war, sollten Inoffizielle Mitarbeiter (IM) als Zähler losgeschickt werden. Und „legendierte“ Personen, die sich unter ihren Tarnnamen in die Listen einzutragen hatten, waren gewarnt, Doppelungen und „widersprüchliche Angaben“ zu vermeiden, wenn auch in ihrem „echten Leben“ die Zähler klingelten. Der Minister drängte, es sei „zu beachten, dass besonders auffällige Unterbelegungen mit Haupt- bzw. Nebenbewohnern (...) zu Aktivitäten der örtlichen Organe zur Freilenkung unterbelegten Wohnraumes und damit auch zu Dekonspirationen führen können“.

Was der Staatssicherheit Sorgen machte: Vom MfS benutzte konspirative Treffs hätten bei der Zählung auffallen können. Um das zu verhindern, sollte sogar „die Möglichkeit des vorübergehenden oder längerfristigen Zuzugs operativer Kräfte als Nebenbewohner“ in Betracht gezogen werden – IM sollten also Mieter spielen. Geradezu Angst hatte das MfS, dass die Statistiker eine eigene Auswertung der „Kategorie Zweitwohnsitz“ vornehmen würden. Darunter waren, wie es in den Akten heißt, zu einem „beträchtlichen Anteil“ Wohnungen, die von „Inoffiziellen Mitarbeitern zur Sicherung der Konspiration“ angemietet und dann der Staatssicherheit zur Verfügung gestellt wurden – für Treffs oder als Deckadressen.

Informanten und geheime Quartiere flogen bis zum Ende der Auswertung der Volkszählung nicht auf. Ende 1982 stellte die Staatssicherheit erleichtert fest, „politisch-operative Probleme, wie z. B. die Abdeckung von Wohnungen und Objekten“ erfolgreich gemeistert zu haben. Die Originalunterlagen des Zensus von 1981 wurden „bis zur nächsten Zählung“ in den Bezirken aufbewahrt. Zu der sollte es in der DDR jedoch nicht mehr kommen.

10:00 01.05.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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