Kinderarmes Deutschland

Statistik Vor allem im Osten geht die Zahl der Minderjährigen drastisch zurück. Neue offizielle Zahlen zeigen zudem: Die sozialen Nöte des Nachwuchses bleiben

„Kinder sind das Wertvollste einer Gesellschaft“, so begann am Mittwoch der Präsident des Statistischen Bundesamtes seine Präsentation neuer Zahlen zur Lage des Nachwuchses in Deutschland. Und wenn man sich die offiziellen Befunde aus Wiesbaden anschaut, wird schnell klar, warum Rogerich Egeler die Bundesrepublik kurz darauf als „kinderärmstes Land“ in Europa bezeichnete.

Die Formel passt in doppelter Hinsicht: Es gibt in Deutschland immer weniger Kinder. Und: Vor allem in Risikogruppen sind die sozialen Nöte des Nachwuchses weiterhin alarmierend. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Minderjährigen in der Bundesrepublik um zwei Millionen geschrumpft, nur noch 13,1 Millionen Kinder leben zwischen Ostsee und Alpen. Im Westen lag der Rückgang bei zehn Prozent, „noch gravierender“, so Egeler, läuft die Entwicklung im Osten ab. Dort lebten 2010 knapp 29 Prozent weniger Kinder als noch zur Jahrtausendwende.

Der oberste Bundesstatistiker hat am Mittwoch – wenig überraschend – auf einen „engen Zusammenhang mit den rückläufigen Geburtenzahlen“ hingewiesen, ein anderer Grund könne in den Wanderungsbewegungen von Ost nach West liegen. Doch der Nachwuchs fehlt nicht nur in den neuen Ländern. Nirgendwo anders in Europa wachsen so wenig Kinder und Jugendliche auf wie in Deutschland – nur 16,5 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Frankreich sind es 22 Prozent und in der Türkei fast ein Drittel. Nach den Prognosen Egelers setzt sich die Entwicklung allen familienpolitischen Steuerungsversuchen zum Trotz weiter fort. 2030 rechnet der Präsident des Statistikamtes mit nur noch 15 Prozent unter 18-Jährigen, 2060 wird ihr Anteil auf 14 Prozent gesunken sein – falls die Geburtenhäufigkeit annähernd konstant bleibt


Hier stellt sich einmal mehr die Frage nach dem Sinn und der Konstruktion familienpolitischer Leistungen – denn die staatlichen Ausgaben sind im europäischen Vergleich eher hoch, kommen aber, so eine häufige Kritik, bei den falschen Familien an. Das Elterngeld kommt eher Gutverdienern zu Gute, ärmeren Familien wurde das Erziehungsgeld gekürzt, es gab eine Kindergelderhöhung, aber Hartz-Beziehern wird der Zuschuss vom Regelsatz abgezogen. Und so weiter.

Kein Wunder, wenn sich die soziale Lage in den besonders betroffenen Gruppen nicht verbessert, sondern eher verschlechtert hat. Knapp zwei Millionen Minderjährige lebten Ende 2010 in Hartz-Familien. Ein Drittel der Alleinerziehenden mit Kindern muss seinen Lebensunterhalt fast vollständig aus Transferzahlungen bestreiten – vor zehn Jahren lag der Anteil noch unter 30 Prozent. Die Armutsgefährdung ist in dieser Gruppe fast dreimal so hoch wie im Durchschnit. Insgesamt sind 15 Prozent aller Kinder armutsgefährdet, der Anteil ist etwa so groß wie der in der Gesamtbevölkerung. Als armutsgefährdet gelten Kinder, in deren Elternhaus das Einkommen unter 929 Euro im Monat liegt.

„Die Versorgung der Kinder mit Grundbedürfnissen wie Kleidung, Mahlzeiten und Spielsachen ist gut“, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Was aber nichts daran ändert, dass für einen – keineswegs kleinen – Teil von ihnen die soziale Lage schlecht geblieben ist. Fast 22 Prozent aller Haushalte können es sich nicht leisten, mindestens eine Woche im Jahr in den Urlaub zu fahren. Über fünf Prozent geben an, dass das Geld für wenigstens einmal täglich eine vollwertige Mahlzeit fehlt. Regelmäßige Freizeitbeschäftigungen wie Musikunterricht oder Sportverein ist für die Kinder von sieben Prozent aller Familien nicht drin – das sind immerhin rund eine halbe Millionen Haushalte.

Kein Kino, kein Internet, kein Urlaub

Bereits im März hatten die Forscher der Bundesagentur für Arbeit bei einer Umfrage unter Hartz-Beziehern ein trauriges Bild der sozialen Lage armer Familien gezeichnet: Zwei Prozent der Hartz-Kinder bekommen danach gar keine warme Mahlzeit, sechs Prozent leben in feuchten Wohnungen, jede zweite Familie mit Kind konnte es sich nicht leisten, wenigstens einmal im Monat ins Kino zu gehen. An jedem fünften armen Kind zieht die Online-Welt mangels Internet und PC vorbei. Ein Drittel der Familien gab an, dass die Einkommenslage es nicht einmal zulässt, „ab und zu neue Kleidung“ zu kaufen.

Vor einem Monat zeigte sich ein UN-Bericht „tief besorgt“ über soziale Missstände in Deutschland. Ein Vorwurf: Jeder vierte Schüler gehe ohne Frühstück aus dem Haus. Das Sozialministerium wies die Anschuldigungen zurück, der UN-Bericht sei „in weiten Teilen nicht nachvollziehbar“ und ebenso wenig „durch wissenschaftliche Fakten belegt“. Ein Magazin zeichnete nach: "Wie Deutschland zum Buhmann der Uno wurde".

Zweifel über die sozialen Nöte von Kinder vor allem in Familien mit geringen Einkommen konnten angesichts vieler anderer Befunde gleichwohl nur dem aufkommen, der das Armutsproblem nicht sehen will. Die nun von den Bundesstatistikern zusammengetragenen Zahlen führen es einmal mehr vor Auge.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:55 03.08.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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Ausgabe 38/2020

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