Merkels Wunder

Einheit Zwischen Bratwurstmeile und Gottesdienst werden 21 Jahre „Wiedervereinigung“ gefeiert. Die Begeisterung hält sich in Grenzen und die Kanzlerin sieht noch „einige Unterschiede“

Angela Merkel muss es wissen, schließlich ist die Frau Regierungschefin und Ostdeutsche in einer Person: 21 Jahre nach Inkrafttreten des „Vertrags zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands“ gebe es noch „einige gravierende Unterschiede“ zwischen den beiden Landesteilen. Wirklich?

Man hat das anlässlich der staatsoffiziellen Feierlichkeiten immer wieder gehört, es ist die andere Seite der Medaille von den blühenden Landschaften, ein folgenloses Eingeständnis der Politik, das große Werk - Merkel spricht von einem „Wunder“ - noch nicht ganz vervollständigt zu haben. Wie lange es noch dauern soll, bis in einem Land, in dessen Verfassung gleich zu Beginn behauptet wird, seine Menschen hätten bereits „die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet“, auch irgendwann einmal die gleichen Renten beansprucht werden können, wird freilich auch im Jahr 2011 niemand sagen wollen. Höchstens wird die Opposition die Regierungsparteien daran erinnern, dass diese in ihrem Koalitionsvertrag die Einführung eines einheitlichen Rentensystems angekündigt habe - es wird diese Kritik dabei aus dem Munde jener kommen, die dereinst in ihren Koalitionsverträgen schon Ähnliches versprochen hatten.

Immer diese Mäkelei. Dabei hat Angela Merkel doch in ihrer Videobotschaft genau erklärt, wie man sich eine angemessene Reaktion am „Tag der deutschen Einheit“ vorstellt: mit großem Stolz und Dankbarkeit sollten die Deutschen auf die Wiedervereinigung zurückblicken, die - mehr noch als ein „Wunder“ also - der Kanzlerin als „eine wirkliche Befreiung im umfassenden Sinne“ gilt. Fühlen sich die Menschen befreit? Und wovon? Gerät hier nicht in einen Topf, was dorthinein nicht gehört? Lässt sich das Gedächtnis an den Aufbruch im Herbst 1989 so bruchlos mit der Erinnerung an die „Herstellung der Einheit“ verbinden? Oder war nicht der „Vertrag“, der dann alles kommende regelte, das Gegenteil eines politischen Frühlings voller Träume und Naivität, sozusagen sein Abschluss, das Ende der anderen Möglichkeiten?

Erhards Angebot

Im Rückblick sind die schmalen Pfade, auf denen ein anderer Weg eingeschlagen hätte werden können, kaum noch zu sehen. Die Urteile werden nicht gefällt mit Blick auf das, was möglich gewesen wäre, sondern auf das, was geschah. Und da sehen heute mehr Ostdeutsche die Einheit als Gewinn an als Westdeutsche. Ein gutes Drittel der Westdeutschen bringt die Wiedervereinigung mit Verlusten in Verbindung - in den nicht mehr ganz so neuen Ländern sind es nur rund ein Fünftel. Für die Studie, aus der diese aktuellen Zahlen stammen, hat man Menschen im Osten und in Nordrhein-Westfalen befragt. Und damit gleichsam jene Dimension der Veränderung zum Gegenstand gemacht, der das Nachdenken über Osten und Westen immer weiter an den Rand drängen wird. Merkel hat in ihrer Botschaft die registrierte Arbeitslosigkeit angesprochen, die im Osten im Schnitt immer noch knapp doppelt so hoch ist wie im Westen. Doch die einst so scharfen Grenzen auf den Karten mit den Quoten, auf denen die „Strukturbrüche“, wie man gern sagt, noch lange die DDR hervorstechen ließen, als wäre sie gar nicht weg, diese Grenzen verschwimmen.

Mag sein, dass die skeptischere Bewertung der „Einheit“ im Westen auch mit der Annahme zu tun hat, im Osten seien seit 1990 mit Transfermilliarden die Bürgersteige vergoldet worden, während sich im Westen der Strukturwandel kaum materiell abgefedert in die Städte und Gemeinden fressen durfte. Daran ist einiges wahr und vieles nicht, über die Frage, welche Summen in welche Richtung flossen und was unter dem Strich wo liegen blieb, lässt sich vortrefflich streiten. Vor dem Hintergrund einer Krise, in der ein Begriff wie „teuer“ mit jedem milliardenschweren Rettungsschirm seine Bedeutung verändert, spricht es sich anders über die „Kosten der Einheit“. Die reinen Aufbauhilfen zumindest, also jene paar Hundert Milliarden, die in Infrastruktur und zur Unternehmensförderung in den Osten geflossen sind, erscheinen nicht mehr so gewaltig.

Apropos Milliarden. Pünktlich zur Wiederkehr des Merkelschen „Wunder“ wird ein Vorschlag aus den sechziger Jahren in Erinnerung gebracht: Der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard habe die DDR der Sowjetunion gewissermaßen abkaufen wollen - für etwa 100 Milliarden Mark. Nicht nur die US-Seite sah in den Überlegungen einen Fall von „erheblicher politischer Naivität“, sondern auch der spätere Kanzler Willy Brandt. Ihn habe Erhard gefragt, „wie viele Milliarden es wohl meiner Meinung nach kosten würde, dass uns die Russen die DDR überlassen“. Es ist dann am Ende doch ein bisschen teurer geworden, als der Erfinder der „sozialen Marktwirtschaft“ damals glaubte.

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Ihre Freitag-Redaktion

10:27 03.10.2011
Geschrieben von

Tom Strohschneider

vom "Blauen" zum "Roten" geworden
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Ausgabe 42/2021

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