Das Potenzial der Alten

Senioren Es mangelt in Deutschland nicht an realitätsfernen Parlamentsdebatten über „das Altern“. Von echter Mitbestimmung der Senioren kann aber keine Rede sein

20 Jahre nach der deutschen Einheit fällt die Bilanz der Älteren ernüchternd aus. Gerade jene, die als 40- bis 60-Jährige die Erfahrung der von ihnen aktiv bewirkten friedlichen Revolution tragen und heute im Rentenalter sind, glauben kaum noch an eine Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West. Nur 14 Prozent der heute über 60-Jährigen gehen davon aus, dass beide Staaten inzwischen weitgehend zusammengewachsen sind, mehr als die Hälfte sehen noch große Unterschiede und für ein Viertel ist die Einheit in zunehmende Ferne gerückt.

1990 hat sich in der Bundesrepublik nicht einfach nur die Zahl der Senioren um fast drei Millionen erhöht. Es kamen Menschen hinzu mit andern Erwerbsbiografien und Sozialisationsverläufen, mit anderen Werte- und Bewertungsstrukturen, mit anderen Vorstellungen und Erfahrungen über die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und familiären Verpflichtungen, aus anderen Vermögensverhältnissen. Zu Recht hat man seinerzeit aufgrund der Gegensätzlichkeiten des deutsch-deutschen Lebens von den „zwei Alter“ in Deutschland gesprochen – die es noch für 15 bis 20 Jahre geben würde.

Immer noch geteiltes Rentenrecht

Die Zeithorizonte haben sich inzwischen weiter verschoben, die Unterschiede wurden teilweise gemindert, tatsächlich gleichwertige Lebensverhältnisse jedoch nicht erreicht. Erst vor einigen Tagen hat es eine Mehrheit im Bundestag nicht für nötig befunden, für die längst fällige Beseitigung der immer noch getrennten Rentenrechtsgebiete in Deutschland zu sorgen. 20 Jahre nach der deutschen Einheit!

Im Vergleich zur Zeit unmittelbar nach der Wende haben sich im Osten die materiellen Lebensbedingungen für die Älteren verbessert. Es gibt mehr Betätigungsmöglichkeiten, eine größere Vereinsvielfalt – und das wird auch von den Menschen anerkannt. Aber das zunächst rasche Tempo der Angleichung der Lebensverhältnisse begann zur Jahrtausendwende zu stagnieren. Es taten sich neue, wiederum für den Osten spezifische Probleme auf – und Rufe nach „Sonderwegen“ für den Osten wurden wieder laut. Wichtiger aber wäre es, gemeinsame Bemühungen in den Vordergrund zu stellen und schon jetzt republikweit an der Verhinderung kommender Schwierigkeiten zu arbeiten.

Altersarmut droht

Im Zentrum muss dabei die drohende Altersarmut in Ost wie West stehen. Der kürzlich veröffentlichte "Armutsatlas" des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes lässt bereits heute die Gebiete erkennen, in denen sich künftig die soziale Lage der Älteren dramatisch verschlechtern wird, wenn die Entwicklung des Leistungsabbaus der gesetzlichen Rentenversicherung anhält. Hier müssen wir gegensteuern.

Zu den Aufgaben der Zukunft muss aber auch eine wirksamere Teilhabe älterer Menschen an der Gestaltung ihrer eigenen Lebensverhältnisse gehören. Es mangelt in der Bundesrepublik nicht an realitätsfernen Parlamentsdebatten über "das Altern". Von einer echten Mitwirkung und Mitbestimmung der Senioren selber kann aber keine Rede sein. Hier lässt eine Gesellschaft ein enormes Potenzial brach liegen, denn heute haben viele Senioren eine hohe fachliche Qualifikation und sind noch viele Jahre nach Renteneintritt aktiv.

Verantwortung zu übernehmen ist keineswegs nur eine Frage des Willens der Älteren – dieser ist ausreichend vorhanden. Was fehlt, ist eine Festlegung der Bereiche, in denen wir Verantwortung übernehmen können, und die Bedingungen, die eine wirkliche Partizipation der Älteren erst möglich machen. Die parlamentarische – von Fraktionszwängen getragene – Parteiendemokratie hat in den letzten Jahren mehrheitlich zu einer zum Nachteil der Rentner gereichende Politik geführt. Noch ist Zeit, die Phase der Privatisierung des Sozialen umzukehren, im Interesse der heutigen und kommenden Rentnergenerationen. Man muss nur wollen – und man muss dem Wollen Nachdruck verleihen.


Am Montag beginnt in Leipzig der 9. Deutsche . Die Veranstaltung wird alle drei Jahre von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen mit ihren über 100 Mitgliedsverbänden organisiert. 2006 kamen rund 17.000 Besucher nach Köln.Seniorentag

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Geschrieben von

Gunnar Winkler | _

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