Alles ist vergänglich

KEHRSEITE Dieses Jahr mach' ich keine Geranien auf dem Friedhof. Irgendwann muss mal Schluss sein mit Geranien. Fuchsien haben es auch gerne feucht. Voriges ...

Dieses Jahr mach' ich keine Geranien auf dem Friedhof. Irgendwann muss mal Schluss sein mit Geranien. Fuchsien haben es auch gerne feucht. Voriges Jahr hatte ich auch noch Begonien. Im Topf. Furchtbar, in Schalen kommt mir nichts mehr dahin, die muss man ständig gießen. Man geht schon mal hin, aber man geht ja nicht dauernd. Dem Nachbarn ist das Grab eingestürzt, bei meiner Mutter war es auch schon wackelig. Das kommt womöglich von dieser ewigen Gießerei. Wir haben schon einen Zettel liegen im Familienbuch, dass die das in Pflege geben. Alles ist vergänglich. Wenn dann überhaupt noch einer da ist. Meine Schwester hat ihren Mann ja anonym, sie weiß aber, wo das ist.

Ich nehme dieses Jahr was Flaches, Azaleen oder so, obwohl die auch wiederum so flach nicht sind. Diese Schalen, die man gießen muss, kann man von vorneherein vergessen. 1.800 wollten die für meine Mutter, wo es bei ihr wackelig wurde. Wir haben jetzt noch vier, die anderen haben wir in Pflege gegeben. So teuer ist das auch nicht und man hat dann kein Moos und so. Bäume reißt der Friedhofsgärtner umsonst raus, da habe ich mich erkundigt. Man kommt ja nicht nach mit dem Begießen und dann reihum Stiefmütterchen, Begonien, Erika - dreimal habe ich bepflanzt und sogar alles unter Folie im Frühjahr, wie bei Kartoffeln. Schön ist das auch nicht. An und für sich ist es ja Quatsch, aber irgendwie denkt man, so ganz ohne geht's auch nicht. Man kann jetzt sogar auf die Anonymen eine Platte legen. An und für sich bin ich nicht dafür, dass da immer einer gucken geht. Meine Mutter war auch ganz und gar nicht dafür. Aber gefallen würde es ihr schon, wenn ich mal was Flaches nehme, wenn die das gerichtet haben. Mancher hat ja sowieso niemanden. Und wenn noch welche da sind, fühlen die sich meistens doch verpflichtet. Aber da mach' ich mich nicht mit fertig. Manchmal muss man ja froh sein. Wenn du heute die Zeitung aufschlägst, sagst du, mein Gott, dass wir noch leben!

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