Studienräte und ihre blöden blenden

KEHRSEITE Ein gewisses Niveau muss schon sein. Im Bus ist das in dem Maße nicht immer gewährleistet, da ist dann schon mal Duisburg oder Wanne-Eickel dabei. ...

Ein gewisses Niveau muss schon sein. Im Bus ist das in dem Maße nicht immer gewährleistet, da ist dann schon mal Duisburg oder Wanne-Eickel dabei. Die wollen natürlich auch mal raus, aber sie reisen eher in Gruppen, die sich ewig kennen und werden immer lauter.

Ich persönlich ziehe Studienreisen vor, da hat man doch ein gewisses Publikum, obwohl die manchmal auch im Bus sind. Aber man kann ein gewisses Interesse voraussetzen. Meistens sind es Ältere, nur die Studienräte sind eher jünger. Die haben immer alles dabei und parat, und ich frage mich oft, warum die das überhaupt mitmachen, denn meistens lesen sie alles vorher und währenddessen sowieso. Obwohl doch die Reiseleiter immer ganz toll sind, wirklich interessant und glänzend vorbereitet.

Ich finde, das gehört sich nicht, dass man schon alles vorher weiß. Aber die Studienräte, die oft eine eher zurückhaltendere Frau dabei haben, stellen gerne dann noch Spezialfragen, mit Absicht. Die haben die sich vorher im Bus schon überlegt. So was wie: "Stimmt es, dass hier noch vor wenigen Jahren die Latrinen im Hof waren?" Das finde ich peinlich. Was geht uns das an, wo wir doch dort zu Gast sind? Außerdem muss man wirklich sagen, mit den Toiletten haben die im Süden ganz gewaltig aufgeholt. Vor Jahren, ich reise ja schon ewig, da konnte man ja nicht hingucken und beeilte sich lieber, aber heutzutage: Picobello. Die sind schließlich auch viel gereist und wissen, was man erwarten darf. Mir sind diese Fragen der Studienräte unangenehm und man geht dann besser drüber weg.

Es gibt auch häufig Studienrätinnen, die sind aber immer schon pensioniert und ruhiger. Sehr belesen, das muss man sagen, die haben Niveau und geben sich nicht so schnell zu erkennen wie die Männer, die noch arbeiten. Aber man merkt, dass sie sich auch auskennen. Sie sind eigentlich fast nie verwitwet, früher war das eben nicht so einfach, viele Männer sind im Krieg geblieben und dann war's irgendwann vorbei. Man fragt dann auch nicht nach. Verwitwete Frauen in diesen Reisegruppen sind meistens keine Studienrätinnen gewesen, dafür haben sie vielfach eine Tochter, die gerade promoviert, und die Männer waren Arzt. Da spürt man dann sehr schnell, dass da was abgefallen ist. Die Witwen sind natürlich nicht so belesen wie die pensionierten Studienrätinnen, aber sehr interessiert und reiseerfahren und pflegeleicht. Wenn man reiseerfahren ist, hat man nicht so viele Erwartungen und nimmt auch schon mal was hin, was die Studienräte nicht hinnehmen. Die haben immer was anzumerken, was ich von Akademikern mit einer gewissen Toleranz eigentlich nicht erwarte und und für das Wetter können die Reiseleiter ja nun nicht. Aber diese Studienräte regen sich immer stundenlang über ihre Blenden auf, wenn es bewölkt ist und halten alles auf.

Da sind mir die Witwen lieber, die haben genau wie ich solche Apparate, wo man bloß drückt und trotzdem alles drauf hat. Meiner macht alles selber, was viel praktischer ist und nicht alles aufhält. Ich lasse mich von den Studienräten grundsätzlich nicht mehr aufnehmen. Da steht man stundenlang und lächelt und es tut sich nichts mit ihrer blöden Blende, und sie schicken auch nie Fotos. Nie! Während die Witwen und pensionierten Studienrätinnen immer schicken, da kann man sich drauf verlassen. Außerdem knipsen die Studienräte fast nur Sachen, die es auf Postkarte gibt, aber sie wissen ja alles besser. Als ob die Einheimischen nicht am besten beurteilen können, wann ihre Denkmäler so rauskommen, das sie wunderbar aussehen und man sie gleich mitnehmen kann. Ich finde das irgendwie überheblich, als ob die Postkarten nicht gut genug sind.

Aber trotzdem sind mir die Studienreisen lieber, weil insgesamt das Niveau doch höher ist und zwei bis drei Studienräte kann man schon mal in Kauf nehmen.

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