Die sieben fetten und die sieben dürren Jahre

Russland Die Oligarchen verlieren Milliarden, der Staat lässt sie nicht im Stich

Jeder, der so aussieht, als ob er mehr über die Finanzkrise wissen könnte, wird augenblicklich in Moskau ungeniert ausgefragt. "Was meinen Sie? Was kommt auf uns zu?" - will die Garderobenfrau im Baltschug-Hotel wissen. Die Dame mittleren Alters mit den rosa geschminkten Wangen, die in diesem Fünf-Sterne-Hotel 10.000 Rubel (280 Euro) im Monat verdient, wie sie später erzählt, hat ein kokettes Lächeln aufgesetzt. Der Gast soll sich wohl fühlen und reden. "Zunächst einmal werden wohl die Löhne eingefroren und dann gibt es möglicherweise Entlassungen. Das hört man zumindest von Experten", antwortet ich. "Das haben wir uns schon gedacht", gibt sie zurück und denkt sich vermutlich, dass Journalisten auch nicht klüger sind.

Der Kreml soll angedeutet haben, dass gewisse Sprachregelungen bei Kommentaren zur Krise willkommen seien, vermerkt Wladimir Warfolomejow, Sprecher beim Kreml-kritischen Radio Echo Moskwy in seinem Blog. Journalisten werde geraten, Begriffe wie "Finanzkrise", "Kollaps" oder "Schock" zu meiden - "Fall" oder "Absturz" sollten durch "Rückgang" ersetzt werden.

Auch Unternehmer bitten um Zurückhaltung. Sergej Polonski, Eigentümer einer der großen Moskauer Baufirmen, ersucht die Medien in einem Brief, sie sollten nicht unnötig dramatisieren. Immerhin hingen vom Bausektor Hunderttausende von Arbeitsplätzen ab. Polonski, der gerade den 360 Meter hohen Föderations-Turm hochziehen lässt, war einer der ersten, der keinen Zweifel ließ, dass der Ausverkauf bei den Banken auch die Wirtschaft nicht ungeschoren lassen werde.

Seit Mai fielen die Aktienkurse an der Moskauer Börse um 61 Prozent. Inzwischen ziehen ausländische Fondsmanager panikartig Kapital aus Russland ab, auch wenn Finanzminister Kudrin viel Zuversicht auf Lager hat. Die Aktien seien unterbewertet, der Markt reagiere nicht mehr logisch, sondern psychotisch. Das Epizentrum der Krise liege in den USA - Russland betreibe eine solide Finanzpolitik.

Betroffen vom Kurssturz sind alle Flaggschiffe des russischen Staatskapitalismus von den Energiekonzernen Gasprom und Rosneft bis hin zu den Oligarchen, die mehr als andere bluten müssen, aber die Krise gewiss überleben. Die 25 reichsten Russen haben seit Mai 230 Milliarden Dollar ihres Vermögens verloren, schreibt die Wirtschaftsagentur Bloomberg in ihrer jüngsten Analyse. Es gibt Oligarchen, die plötzlich ihre im Westen mühsam ergatterten Firmenanteile verkaufen wie der 40-jährige Oleg Deripaska, bisher reichster Mann Moskaus, der sich beim deutschen Baukonzern Hochtief wie beim kanadischen Autozulieferer Magna über Nacht verabschiedet hat. Noch eindrucksvoller scheinen die Verluste von Roman Abramowitsch zu sein, dem der Stahlkonzern Evraz und der englische Fußballclub Chelsey gehören. Der 41-Jährige könnte 20 Milliarden Dollar eingebüßt haben, wenn man Zeitungsberichten glaubt.

Natürlich kennt die Krise auch glückliche Gewinner wie den Magnaten Michail Prochorow. Rechzeitig vor dem Absturz der Nickel-Preise verkaufte er seine Norilsk-Nickel-Aktien und erwarb für lächerliche 500 Millionen Dollar die Hälfte der Anteile an der Moskauer Investmentbank Renaissance Capital, ein Institut, das es vor einem Jahr noch auf den stolzen Marktwert von zehn Milliarden Dollar brachte. Ein Indiz mehr dafür, dass für die russische Bankenwelt das große Auf- und Abräumen begonnen hat. 15 Finanzhäuser können ihren Zahlungsverpflichten nicht mehr nachkommen und stehen vor dem Konkurs oder dem Aufkauf durch große Staatsunternehmen. Die Investmentbank Kit Finance ging zum symbolischen Preis von umgerechnet 2,70 Euro an den Diamanten-Förderer Alrosa und die russische Eisenbahn (RZD). Kein Wjunder, dass sich die Arbeitsgesuche von Bank-Angestellten auf der Website SuperJob.ru seit zwei Wochen gewaltig vermehrt haben.

Wegen derartiger Einbrüche rechnet Finanzminister Kudrin für 2009 mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums um knapp einen Punkt auf 5,7 Prozent, eine mehr als zweckoptimistische Prophezeiung. Was geschieht, wenn der Ölpreis weiter sinkt und China nicht mehr jenen unerschöpflichen Absatzmarkt bietet wie bisher? Kostete ein Barrel Öl am 1. Juli noch 147 Dollar, lag der Preis am 17. Oktober nur noch bei 76 Dollar Für den russischen Haushalt, der sich ganz wesentlich aus dem Export von Energieträgern speist, eine Katastrophe. So hat Finanzminister Kudrin bereits das biblische Bild von den sieben fetten und den sieben dürren Jahren bemüht und ansonsten nüchtern resümiert: "Falls die Krise zwei Jahre dauert, haben wir genug Ressourcen. Wenn sie fünf Jahre anhält, müssen wir sparen." Die Russische Föderation liegt mit ihren Devisenreserven von derzeit 546 Milliarden Dollar im globalen Rankung noch immer ganz vorn. Die Reserven würden reichen, eine Durststrecke von zwei Krisenjahren zu überbrücken, meinen Experten.

Nichtsdestotrotz stimmt Wladimir Putin die Bevölkerung bereits auf Sparmaßnahmen ein. Bei einem Treffen mit der Duma-Fraktion der Kommunistischen Partei gab der Premier vor einer Woche zu verstehen, man könne nicht ständig die sozialen Leistungen erhöhen, "ohne über Konsequenzen für den Haushalt nachzudenken". Als sich KP-Chef Gennadi Sjuganow über den "Monetaristen Kudrin" erregte, verweigerte Putin jeden Kommentar. Sicherlich gäbe es da Beklagenswertes, aber es gäbe auch Erfolge.

Einen Tag später verkündete die Regierung, der Staat übernehme eine Garantie für Spareinlagen bis zu 20.000 Euro. Freilich dürfen "systemrelevante Großbanken", wie es auch in Russland heißt, auf mehr Konzilianz rechnen, sollte ihr Eigenkapital eine kritische Marke unterschreiten. Die Regierung hat der Finanzbranche bereits mit 190 Milliarden Dollar zu helfen versucht, allerdings ohne den gewünschten Effekt. Die Aktienkurse fallen vorerst weiter, von einigen Glückstagen abgesehen.

Bei all den Lasten, die der russische Staat ergeben trägt, um das heimische Finanzsystem über die Zeit zu bringen, schien der angekündigte Kredit von vier Milliarden Euro für das in Not geratene Island nicht so recht ins Bild zu passen. In Moskau wurde daher heftig spekuliert, was hinter dem Angebot stecken könnte. Russische Unternehmen sind bei keiner Firma im hohen Norden über Gebühr engagiert, doch schrieb die Zeitung Kommersant, die beiden Oligarchen Roman Abramowitsch und Oleg Deripaska hätten sich bereits mehrmals inoffiziell nach Investitionsmöglichkeiten auf der Insel erkundigt. Und der Investor Alexander Lebedjew, der auch die kremlkritische Nowaja Gaseta finanziert, will nicht ausschließen, dass hohe Staatsbeamte Gelder auf Island geparkt haben.

Russland lasse eben nichts unversucht, um sich für die Einflusszonen am Nordpol mit ihren Öl- und Gas-Ressourcen zu empfehlen, meint hingegen die Nesawissimaja Gaseta. Der Leiter des Instituts für Probleme der Globalisierung, Michail Deljagin, empfindet den erwogenen Island-Kredit, über den derzeit nicht mehr verhandelt wird, als unnötige Machtdemonstration. "Unsere Regierung versteht offenbar nicht die Tiefe der Krise. Mit dem Geld sollte man besser der russischen Wirtschaft helfen."

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