Mehr Prestige, mehr Statur

Steilvorlage Nach dem Georgien-Krieg wollen Russlands Militärreformer die Streitkräfte energischer als bisher modernisieren

Was in Deutschland als überzogener Waffengang im Kaukasus moniert wird, feiert Moskau unverdrossen als Sieg über die "georgische Aggression" und Präsident Saakaschwili. An Magistralen und Ausfallstraßen der Hauptstadt werben Riesen-Tafeln für die russisch-ossetische Freundschaft, während im Streitkräftemuseum Waffen US-amerikanischer Herkunft gezeigt werden, erbeutet aus den Beständen der Saakaschwili-Armee. Zweifellos hat das russische Heer in der Schlacht um Südossetien vor zwei Monaten an Prestige und Statur gewonnen. Nach einer Umfrage des Wziom-Instituts glauben heute 74 Prozent der Russen, die Armee sei wieder in der Lage, das Vaterland wirksam zu schützen - vor acht Jahren waren es knapp 60 Prozent.

"Vielen gefällt nicht, dass Russland in der heutigen Welt immer selbstbewusster auftritt", sagte Präsident Dmitri Medwedjew, kurz bevor er heimgekehrte Georgien-Kämpfer mit hohen Auszeichnungen bedachte. Einige Staaten wollten die Russische Föderation schwach sehen, gerade deshalb habe man nicht anders handeln können. "Wir hätten sonst den Kaukasus und danach ganz Russland verloren."

Panzer-Stau im Rokski-Tunnel

Im Georgien-Krieg standen sich Anfang August - erstmals bei einem bewaffneten Konflikt im postsowjetischen Raum - vor allem Vertragssoldaten ("Kontraktniki") gegenüber. Auf russischer Seite rekrutiert durch die mit Tschetschenien-Erfahrung ausgestattete 58. Armee, auf georgischer durch Elitesoldaten, die von US-Ausbildern trainiert sowie im Irak eingesetzt waren und sich mit einem für georgische Verhältnisse imposanten Monatssold von umgerechnet 350 Euro vorzüglich honoriert fühlten (russische "Kontraktniki" erhalten etwa 220 Euro).

Dabei ging der Georgien-Feldzug aus Sicht des Moskauer Oberkommandos längst nicht so reibungslos vonstatten, wie das eine Kreml nahe Presse gern suggeriert hat. Die von westlichen Gebern ausgerüstete georgische Armee fügte den russischen Truppen ernste Verluste zu, unter anderem gingen sieben Kampfflugzeuge verloren. Eine Reporterin der Zeitung Kommersant sparte in ihren Reportagen vom Kriegsschauplatz nicht mit der detaillierten Schilderung vom Panzer-Stau im Rokski-Tunnel Richtung Südossetien, wo defekte Fahrzeuge den Vormarsch blockierten. Nach den Kämpfen war vom Chef des russischen Heeres zu hören, es habe den eigenen Leuten an gebirgstauglicher Fernmeldetechnik gefehlt. Die Armee - so der General - brauche künftig statt einzelner effektiver Waffen sehr viel mehr ein komplexes computergesteuertes System, das von der Aufklärung bis zum Angriff alles durchdringe. Mahmut Garejew, Präsident der Moskauer Akademie für Militärwissenschaften, sekundiert: Im Krieg müsse man heute weniger die Waffen des Gegners treffen als dessen Informationsräume und Kommandozentrale zerstören.

Der Georgien-Krieg liefert daher Russlands Militärreformern eine Steilvorlage, um die Streitkräfte viel schneller und energischer zu modernisieren, als das bisher der Fall ist. Das Oberkommando will zielgenauere Waffen, mehr mobile Einheiten, neue U-Boote mit Marschflugkörpern, mehr soziale Fürsorge bei Offizieren und Soldaten und - als unerlässlichen Schritt - das strategische Zusammenspiel von Raketen-Abwehr und Weltraum-Aufklärung. Man kennt diesen Katalog aus der Ära Putin, inzwischen kann sich der russische Staat die damit verbundenen Ausgaben sogar auch leisten. Nicht zuletzt dank der hohen Öl-Einnahmen steigen die Verteidigungsausgaben für das Jahr 2009 um ein Viertel auf umgerechnet 66 Milliarden Dollar.

Wasserkopf sondergleichen

Im Februar 2007 hatte Wladimir Putin, damals noch Präsident, Verteidigungsminister Igor Iwanow durch Anatoli Serdjukow ersetzt. Serdjukow kam aus der Petersburger Entourage des Staatschefs und hatte sich beim Föderalen Steuerdienst bewährt. Putin hielt ihn offenbar für geeignet, einen aufgeblähten und bürokratisierten Apparat so zu verschlanken, dass daraus wieder eine schlagkräftige Armee werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich von 1.134.000 Angehörigen der Streitkräfte 330.000 im Offiziers- oder Generalsrang, ein Wasserkopf sondergleichen. Erwartungsgemäß wehrte sich der Generalstab verzweifelt gegen Serdjukows Plan, 40 Prozent des Personalbestandes zu kappen (s. unten). Aus Protest schmiss der 61-jährige General-stabschef Juri Balujewski im Juni 2008 seinen Posten hin und wurde durch den 58-jährigen Nikolai Makarow ersetzt, der nun den partiellen Übergang zum Berufsheer lenken soll.

Das vor vier Jahren eingeführte System der Vertragssoldaten soll bis 2015 die Hälfte aller Soldaten erfassen und das Rückgrat der Armee bilden. Von den "Kontraktniki" erhofft sich die Generalität Disziplin, Qualifikation und Kämpfertum. Im Moment (s. Tabelle) werden 80.000 vorwiegend dem Heer dienende Vertragssoldaten beschäftigt. Beim Südossetien-Einsatz freilich mussten die kämpfenden Einheiten teilweise durch Wehrpflichtige aufgefüllt werden.

Noch ist - bei einem relativ niedrigen Sold - der Dienst als "Kontraktniki" nicht übermäßig attraktiv, auch weil eine adäquate Ausbildung ebenso wie adäquater Wohnraum fehlt. Noch unterschreiben mit Vorliebe viele zwielichtige Typen, die in den sozialen Randzonen der russischen Gesellschaft unterwegs sind, einen Zehn-Jahres-Vertrag mit der Armee.

Dmitri Medwedjew will das unbedingt ändern, ab 1. Januar 2009 sollen Soldaten für besondere Leistungen mit Prämien zwischen umgerechnet 700 und 3.100 Euro honoriert werden, so dass ein wohl gelittener "Kontraktniki" bis zu 4.800 Euro im Monat verdienen könnte. Trotz derartiger Gratifikationen droht der russischen Armee noch immer die personelle Auszehrung. Zwischenzeitlich werden 70 Prozent der Wehrpflichtigen aus gesundheitlichen Gründen als nicht tauglich gemustert. Weil sich zudem die geburtenschwachen frühen neunziger Jahre bemerkbar machen, denkt der Verteidigungsminister darüber nach, die Wehrpflicht von einem auf drei Jahre zu strecken.

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