Warten auf Flug SU1161

Nicht in Berlin Ulrich Heyden lernt im Flughafen Rostow am Don das Geheimnis russischer Solidarität kennen
Ulrich Heyden | Ausgabe 07/2016 2

Draußen war es stockdunkel. Der Himmel hatte sich zugezogen. Es schneite in dicken Flocken. Der Winter schaut im südrussischen Rostow am Don immer nur kurz vorbei. Die Stadt liegt auf demselben Breitengrad wie das französische Tours. Mehrere Tage war ich durch die schneefreie Stadt gelaufen, der Wetterwechsel war eine Überraschung.

Durch die große Scheibe im Wartesaal des Flughafens Rostow am Don waren nur die gelben, im schnellen Takt blinkenden Lampen der Schneeräumfahrzeuge auf der Landebahn zu sehen. Es war acht Uhr abends, und ich stand mit etwa 100 Passagieren am Gate 2. Doch das Abfertigungspersonal für den Aeroflot-Flug nach Moskau, Nummer SU1161, kam und kam nicht. Ich träumte von meinem großen Bett in Moskau und Ruhe nach einer anstrengenden Reportagereise in Südrussland. Doch mein Bett sollte ich erst in 15 Stunden wiedersehen.

Niemand wusste, was eigentlich los war. Aber die wartenden Passagiere, fast alles Russinnen und Russen, blieben ruhig. Es gab keine Schreie und Verwünschungen, nicht einmal leise Flüche. Die Leute warteten einfach nur geduldig. Diese Ruhe war ansteckend. Kein Funken zivilgesellschaftlichen Aufbegehrens kam in mir auf. Die Umstehenden meinten zu wissen, was los war. Der Schnee habe uns einen Streich gespielt. Und gegen diese Art von Streichen ist dann auch ein Putin machtlos.

Verwünschungen

Während auf dem Flugfeld die Räumfahrzeuge arbeiteten, kreiste über dem Flughafen – wie wir erst später gerüchteweise erfuhren – unsere aus Moskau kommende Aeroflot-Maschine am Himmel und wartete auf eine Landeerlaubnis. Sie kreiste angeblich zwei Stunden lang, flog dann ins benachbarte Krasnodar, wo sie noch einmal zwei Stunden am Himmel kreiste und dann endlich landete, denn, so wurde unter den Wartenden erzählt, die Piloten wollten ihre höchstzulässige Arbeitszeit nicht überschreiten.

Im Wartesaal passierten derweil merkwürdige Dinge. Auf den Anzeigetafeln verschwand unsere Fluglinie wie in einem Bermudadreieck. Über drei Stunden wurden keine Ansagen gemacht, wie wir nun nach Moskau kommen. Gleichzeitig arbeitete die Flüsterpropaganda auf Hochtouren. Die Passagiere bekamen von ihren Verwandten in Moskau die Nachricht, die SU1161 stünde noch auf dem Online-Tableau. Das gab Hoffnung.

Im Wartesaal des Flughafens Rostow am Don wurde es familiär. Die ersten Bekanntschaften mit den Sitznachbarn wurden geschlossen und Bänke zum Schlafen zusammengeschoben. Einige ruhten mit eingeknicktem Rücken, ein Pärchen lag eng zusammengekuschelt und war schon im Reich der Träume. Ich als Alleinreisender mit teurer Ausrüstung in der Tasche versuchte, wach zu bleiben.

Mein Sitznachbar, ein junger, verschlossen wirkender Mann, taute allmählich auf. Wie sich herausstellte, war er Wissenschaftler in St. Petersburg und zur Abnahme einer Dissertation an die Universität im südrussischen Taganrog beordert worden. Am nächsten Tag wollte er eigentlich bei seiner Familie zu einer Fotosession in St. Petersburg sein. Daraus sollte nichts werden.

Wir erzählten uns über unsere Berufe und streiften auch umstrittene Bereiche wie Gorbatschow und Chodorkowski, ohne diese Themen auszudiskutieren. Wozu unnötig einen Streit anfangen, da doch eine harte Nacht vor uns lag? Irgendwann um Mitternacht informierte mich dann mein Wissenschaftler, dass es im Aeroflot-Büro für die wartenden Passagiere Wasserflaschen geben soll. Als ich in dem Büro vorsprach, waren die Flaschen schon alle, aber es gab einen Pappbecher mit Wasser aus dem Cooler. Auf dem Rückweg in den Wartesaal musste ich wieder durch die Sicherheitsschleuse. Das Sicherheitspersonal war schon schläfrig, arbeitete aber noch.

Nach einer weiteren Stunde erfuhr ich von meinem Wissenschaftler, dass das Aeroflot-Büro an die Wartenden des SU1161-Flugs Gutscheine für einen Imbiss in einem der Flughafencafés ausgibt. Wie er an all diese Infos gekommen war, blieb mir ein Rätsel. Ich war ständig in Bewegung. Doch Unsicherheit, das Hin- und Herlaufen und Nachrichten-Austauschen hatte auch sein Gutes. Wir waren alle irgendwie beschäftigt, kamen miteinander in Kontakt und auf andere Gedanken.

Nicht gegen den Staat

Morgens um drei kam dann plötzlich Bewegung in die Wartenden. Auf der Anzeigetafel war aus dem russischen Bermudadreieck unsere Fluglinie SU1161 wieder aufgetaucht. Die Anzeigetafel meldete allerdings im Stundenrhythmus neue Abflugzeiten, was wenig ermutigend war. Um fünf Uhr informierte mich mein Wissenschaftler dann, im Aeroflot-Büro würden Ersatzplätze einer anderen russischen Fluglinie ausgegeben. Ich kam gerade rechtzeitig, als ein flinker Mitarbeiter der Fluglinie fünf freie Plätze bei der Gesellschaft S7 (Siberian Airlines) vergab. Ich ergatterte einen Platz, und der nette Mann ging sogar mit mir in die Gepäckhalle, um meine Reisetasche zu suchen. Wir hatten Erfolg. Ich fand meine Reisetasche wieder. Um acht Uhr morgens flog ich nach Moskau. Als die Maschine startete, war ich schon eingeschlummert. Moskau lag unter einer dicken Schneedecke. Ich wunderte mich, wie ruhig alles war. Auto- und Flugzeuglärm wurden von der weißen Pracht verschluckt.

Ein Gedanke kreiste weiter in meinem Kopf. Wie konnte es geschehen, dass die Russen, die ich oft als mürrisch und vereinzelt erlebe, plötzlich so zusammenstanden, so freundlich wurden, sich gegenseitig aufmunterten und mit Informationen versorgten? „So sind wir Russen“, meinte eine Bekannte später. „Wir können uns schnell gegen jemanden zusammenschließen.“ Sie ahnte wohl schon meine nächste Frage und fügte schnell hinzu: „Nein, gegen den Staat geht das nicht. Nur gegen Ärgernisse im Alltag.“

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