Wer an der Nadel hängt

Schweinegrippe Die Angst vor der Schweinegrippe liefert vielen eine willkommene Gelegenheit, sich schamlos zu bereichern. Jetzt wollen auch die Krankenkassen an den Massenimpfungen kräftig verdienen.

Entgegen anderslautenden Gerüchten sind Impfungen im Allgemeinen ein hochwirksames Instrument der Gesundheitsvorsorge. Krankheiten, die sonst Tausende von Toden verursachen würden, lassen sich so eindämmen, Seuchen, die wie ein Flächenbrand über die Länder ziehen würden, stoppen. Und tatsächlich sind Impfungen ein zutiefst natürliches Mittel: Sie unterstützen und stärken die natürliche Immunabwehr und richten sie aus auf einen noch nicht erkannten Krankheitserreger, der so den Überraschungseffekt bei einer Infektion verliert.

Aber wie überall, wo sich Genialität und Größe findet, werden davon auch die Motten angezogen, die Kamarilla von rückgradlosen Verwaltern und Bürokraten – und die schamlosen Schmarotzer und Profiteure. Jetzt kamen gerade die deutschen Krankenkassen auf die Idee, ob man sich nicht selbst eine kräftige Gebührenerhöhung genehmigen dürfe aufgrund ihres hohen moralischen Verdienstes, unser Land mit einer Massenimpfung vor der Schweinegrippe bewahren zu wollen. Natürlich nur aus Gründen des Gemeinwohls.

Die skurrilste Begründung kam gestern von der Sprecherin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen, Ann Marini: „Wir befürchten eine Bevorzugung von Privatpatienten in Arztpraxen, die davon ausgehen müssen, lukrative Patienten zu verlieren, wenn sie entsprechende Impfwünsche ablehnen“ – Soll heißen: wir müssen arme Kassenpatienten gesetzlich dazu zwingen, auf eigene Kosten die gleiche Luxusleistung von Privatpatienten in Anspruch zu nehmen, damit sie sich nicht diskriminiert fühlen.

Die latente Panikstimmung vor der anrollenden Grippewelle hat offenbar bei einigen zur Enthemmung ihres Egoismus geführt, wobei im zügellosen Eifer des Gefechts einige medizinische Tatsachen völlig in den Hintergrund getreten sind:

1) Der Impfstoff gegen die aktuelle Welle der Schweinegrippe kommt zu spät. Bis wahrscheinlich allerfrühestens Ende Oktober die Massenimpfungen beginnen könnten, wird sich die aktuelle Welle auf natürliche Weise ihrem Ende zuneigen. Oder aber, im schlimmsten Fall, wird es zu einer Mutation des Grippeerregers kommen und eine zweite, möglicherweise gefährlichere Welle anrollen. Nur wird gegen einen zukünftig mutierten Grippeerreger unser heute in Massen produzierter Impfstoff wirkungslos sein. – In beiden Fällen bliebe die Massenimpfung wirkungslos oder ist jedenfalls ihr Geld nicht wert.

2) Die aktuelle Welle der Schweinegrippe ist weitgehend harmlos. Noch nicht einmal gefährlicher als die normalen Wintergrippen. Impfung macht jedoch nur bei ernsten Krankheiten einen Sinn. Der Erfinder des Impfens, Edward Jenner (1749-1823), hat ja gegen die tödlichen Pocken gerade mit dem Erreger der relativ harmlosen Kuhpocken geimpft. Impfen heißt: Abhärten. Man nimmt einen kleinen Nachteil in Kauf, um einen großen Nachteil zu verhindern. Bei jeder Impfaktion gibt es eine kleine Anzahl von Geimpften, die gerade erst wegen der Impfung ernsthaft erkranken, die Impfopfer. Aber dieses Opfer ist – für sozial und solidarisch denkende Menschen – akzeptabel, wenn die Gegenleistung stimmt: Der Schutz eines großen Teils der Bevölkerung vor einer tödlichen Seuche, zum Beispiel.

3) Das heißt: Impfung dient primär dem Gemeinwohl, weniger dem Individuum. Aus diesem Grund ist die Erklärung des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen geradezu schrullig. Wenn alle Nachbarn um mich herum, von denen ich mich anstecken könnte, sich impfen lassen würden, bräuchte ich es nicht mehr, und könnte so den Impfrisiken entgehen. Nett, wenn alle Privatversicherten sich gegen Schweinegrippe impfen lassen wollen. Leider gibt es davon nicht genug. Im Interesse der Reichen wäre tatsächlich geradezu das Gegenteil: Dass alle armen Kassenpatienten auf Kosten der Privatversicherten geimpft werden, so dass sich die Privatversicherten gerade nicht mehr impfen müssen...


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13:00 07.08.2009
Geschrieben von

Ulrich Kühne

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Ausgabe 37/2021

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