Seelenfriede

IM KINO Claude Chabrols "Süßes Gift"

Im Garten einer Gründerzeitvilla am Genfer See sammelt ein junger Mann Schnecken. "Um sie zu essen!" sagt er unwirsch zu seiner argwöhnischen Stiefmutter. Zur Unzeit, entgegnet die Erbin der Schokoladendynastie, die selbst an einem braunem Spinnennetz klöppelt. Doch die Zeit ist reif. Nur die ihrige geht zu Ende. Ihrer Machtfäden beraubt, krümmt sie sich zuletzt neben ihrem Netz, wie eine vom Gift zerfressene Schnecke.

Chabrol gilt als der Schöpfer einer Geschichte der bösen Seele. In der weit gespannten Psychologie des bourgeoisen Unwesens scheint er nun ein letztes Kapitel aufzuschlagen. Ging es in seinen ersten Filmen wie Der Riss und Blutige Hochzeit um alltägliche Brutalität und den Zerstörungswahn als Sekundärtugenden der Starken, zeigte er später die untergründigen Triebe hinter den Fassaden der Wohlanständigkeit wie z. B. in Die Phantome des Hutmachers, so gesellt sich jetzt zu Lakonik und bohrender Süffisanz noch ein Schuss altersweise Milde hinzu.

In Süßes Gift ist der Plot verworren und unsinnig wie in einer Verwechslungskomödie. Das verzwackte Verwirrspiel um zwei vertauschte Babies im Kreissaal dient aber nur als Nadelöhr. Sind die Kamele durch, kann die Geschichte beginnen. Drei der vier Protagonisten sind ruhig gestellte Marionetten. Der Sohn wusste nie etwas mit sich anzufangen. Sein Vater ist ein tablettenabhängiger Klaviervirtuose. Betäubt werden sie durch Rohhypnol. Die Schokoladenerbin verabreicht es ihnen. Sie lähmt die beiden, und sie lähmt sich selbst. Nur wenn er eines seiner bejubelten Konzerte abspult oder wenn sie in der Firma auftritt, nur dann sind sie noch die tauglichen Rädchen eines bürgerlichen Alltagsbetriebs.

Chabrol erzählt seine Geschichte auf den erloschenen Gesichtern dieser Spätgeborenen. Nie sonst sind sie bei den Schauspielern, mit denen er arbeitet, so ausdrucksstark wie bei ihm. Das galt für Stephane Audran, die geniale Hauptdarstellerin seiner ersten Filme, die in die Augen über den hohen Wangenknochen so unnachahmlich den Wahnsinn zu zeichnen vermochte. Das war bei der großartigen, aber erst bei Chabrol einzigartigen Emanuelle Béart so. Und das gilt für Isabelle Huppert, die Chabrol seinerzeit als Violette Nozière zum ersten Mal für zwielichte Aufgaben entdeckte und die für ihn danach in fünf weiteren Filmen spielte. Als Schokoladenchefin muss sie die Fassade ihres Antlitzes in unverbindlicher Strenge weiter funktionieren lassen. Im großbürgerlichen Heim ist das Gesicht auch in freundlichen Augenblicken stumpf und starr. Zuletzt, als sie allen Grund zur Angst hat, drückt ihr die Minimalistik ihres Spiels schattengleiche Spuren auf, und wundersam wie aus dem Nichts quillen aus dem rechten Auge Tränen. Das Gesicht füllt die ganze Leinwand. Die Grenzen des Fernsehbildschirms brachten mit sich, dass der Spielfilm um der TV-Verwertung willen fast zwangsläufig zu einer Ästhetik der Großeinstellungen drängte. Wenn sie irgendwo gerechtfertigt ist, dann hier.

Auch im gleichmütig müden Gesicht des Pianisten André Polonski (Jacques Dutronc) regt sich seit langem nichts als Resignation. Dann tritt die Lichtgestalt auf, die junge Pianistin Jeanne. Mit ihr bricht etwas ins Gefüge ein, dass das Tote darin aus dem Takt bringt. Es ist nun geradezu atemberaubend, wie Chabrol die Klavierschülerin und den Meister gemeinsam Liszts Trauermarsch einstudieren lässt. Wo hat man schon einmal gesehen, dass die Spannung in den Körpern, die Anmut der Armbewegungen und die musikalische Gestaltung eines Stücks sich in einer Spielfilminszenierung so organisch weiterentwickeln? Bei der Schülerin anfangs hölzern, beim Lehrer eingefroren, schwingen sich die Töne nach und nach zum Interpretationsziel auf: Der Trauermarsch von Liszt müsse in Wahrheit die Trauer schon wieder transzendieren, meint der alternde Virtuose. Das Ergebnis impft ihn mit jenem Hauch von Hoffnung, der ihn gegenüber den mord- und todessüchtigen Intrigen seiner Schokoladengattin - zum Telefonhörer greifen lässt. Zur Umkehr reicht es nicht. Aber die Enkel fechten's besser aus.

Von dem notorischen Zyniker Faßbinder musste Chabrol sich vorwerfen lassen, er sei "menschenverachtend". Nun scheint es, als schlösse er Frieden mit seinen schwarzen Gestalten. In der bürgerlichen Dekadenz hat er ein Moment der Selbstreinigung entdeckt. Daneben unterhält auch dieser Film wieder gewohnt meisterlich, quält durch Suspense in den winzigsten Bewegungen und bleibt hochspannend bis zum Schluss.

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