Alle Autos stehen still

Zäsur Die Zeithistoriker treiben ihre Stollen in die Archivbestände der 70er Jahre - war die Dekade nur ein später Ausläufer der Nachkriegsgeschichte oder schon Vorgeschichte der Globalisierung?

Jede Zeit hat ihre Bilder, die ins kollektive Gedächtnis eingespeist werden und Mythen bildend wirken. In die Zeit nach 1968 gehören im Rahmen der deutsch-deutschen Geschichte der Kniefall Willy Brandts in Warschau, das Siegestor von Jürgen Sparwasser im legendären Fußballmatch 1974 oder das Bild des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer dazu. Gekoppelt an ein bestimmtes herausragendes Ereignis, füllen diese Bilder den symbolischen "Hohlraum" der Erinnerung und rufen die daran gebundenen Erfahrungsbestände auf.

Es gibt allerdings auch Bildzeugnisse, die weniger in das mentale Gedächtnisarsenal eingesenkt sind, weil das, woran sie erinnern, eine eher strukturgeschichtliche Bedeutung hat. Die Fotos der leergefegten Autobahnen anlässlich der vier autofreien Sonntage 1973/74 in der BRD sind ein solches Beispiel: Was bei jüngeren Betrachtern heute nur milde Verwunderung auslöst, weckt bei den Älteren noch die vage Erinnerung an kalte öffentliche Räume und Schulen und erstmals galoppierende Benzinpreise. Der in diesem Bild aufbewahrte Schock der ersten Ölkrise ist heute kaum mehr vermittelbar.

Das Ende der Zuversicht

Dennoch verbindet sich mit der leeren Autobahn ein Krisenaggregat, das erstmals weniger auf die Folgen des Kriegs und der Nachkriegsordnung verweist, sondern unmissverständlich auf die Zukunft. Durch das "Diktat der Ölmultis", so der zeitgenössische Jargon, wurden die betroffenen Industriegesellschaften nicht nur daran erinnert, dass sie einseitige Nutznießer einer international ungleichgewichtigen Arbeitsteilung waren, sondern es schien auch eine Ahnung auf, dass die lang anhaltende, künstliche Prosperitätsphase an ihr Ende gekommen und das Wachstum, wie es der Club of Rome damals auf die griffige Formel brachte, an seine Grenzen gestoßen war. Mit der ersten Ölkrise begann auf der Ereignisebene möglicherweise jenes Ende der Zuversicht, das bis heute nachzuwirken scheint.

Diese bewegte Zeit, von vielen noch bewusst erlebt und (im Westen) als "rotes Jahrzehnt" (Gerd Koenen) kolportiert, ist mittlerweile auch in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt, so kürzlich auch auf einer Tagung, die sich mit der "Strukturkrise der siebziger Jahre" befasste. Weil aber die Stollen in derart zeitnahen Forschungsbergwerken noch wenig abgesichert sind und politisch ungünstige Wetter drohen, scheint es nur naheliegend, dass sich das veranstaltende Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) um sachkundige gemeinsame Abstützung beim Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) bemüht hat, das beim historischen Häuen mit reichhaltigen Strukturdaten beispringen und bei Bedarf auch mit Modernisierungstheorien aushelfen konnte.

Eine solche Historisierung - das teilen die siebziger in höchst symptomatischer Weise übrigens mit den zwanziger Jahren - führt zunächst einmal aus dem Schwerefeld des Nationalsozialismus. So wie die Weimarer Republik lange Zeit immer nur als Vorgeschichte von NS, Krieg und Holocaust erzählt werden konnte, erschienen auch die siebziger Jahre, darauf machte der Kölner Historiker Ralph Jessen aufmerksam, nur als lange Folge der Kriegs- und Nachkriegsentwicklung. Die "große Erfolgserzählung", zumindest der Bundesrepublik, verdanke sich der frühen Tabuisierung der NS-Geschichte, der die 68er-Generation - mit allen damit verbundenen blinden Flecken - dann ihr dramatisch inszeniertes Konzept der "Entbürgerlichung" entgegensetzte. Inzwischen richtet sich das Augenmerk allerdings mehr darauf, das Jahrzehnt als Weichenstellung gegenwärtig virulenter Probleme zu lesen und die Endsechziger und Anfangsiebziger Jahre - nicht nur in Westdeutschland, sondern auch in der DDR - als "Zäsur" (Konrad Jarausch) zu begreifen, in der sich die heutigen Problemkonstellationen bereits ankündigen.

Doch was war eigentlich das "Spezifische" der siebziger Jahre, das es erlaubt, von einer eigenständigen Dekade, vielleicht sogar von einer Epoche zu sprechen? War es das sich abzeichnende Ende des fordistischen Produktionsregimes und die sich am Horizont abzeichnende, nicht mehr nur konjunkturelle, sondern strukturelle Massenarbeitslosigkeit? War es - in Ost und West - die zunehmende Prekarität eines Sozialfriedens, der auf nationalstaatlichem Steuerungsvermögen und großzügigen staatlichen Transferleistungen beruhte? Oder war es eher der gesellschaftliche Wertewandel, der der Zeit den Stempel aufdrückte? Das Bewusstsein für die Rechte der Frauen zum Beispiel, das beide deutsche Staaten zu einer Reform des Abtreibungsrechts zwang; oder die zunehmende Einsicht, dass das bestehende Produktionssystem in Ost und West die Umwelt zugrunde richtet und den aufkommenden sozialen Bewegungen Inhalt und Richtung gab. Die leere Autobahn mag als Symbol für das, was sich den Zeitgenossen mitteilte, noch einmal aufgerufen werden: Wo Straßen sind, auf denen keine Autos mehr fahren, scheint eine auf Umtrieb und Dynamik ausgerichtete Gesellschaft blockiert. In diesem plötzlich erfahrenen Stillstand vermittelt sich das neu erwachte Krisenbewusstsein der Zeit.

Dritte industrielle Revolution verschlafen

Soweit es um Periodisierungen geht, mögen Wirtschaftshistoriker darüber streiten, ob das Ende von Bretton Woods (Aufhebung der festen Wechselkurse 1971) und die "Sperrung des Ölhahns" das Fanal für die Krise gab oder ob sich die Industriekrise bereits in den Endsechzigern abzeichnete. Unstrittig ist jedenfalls, dass in beiden deutschen Staaten - wenn auch unter wesentlich anderen politischen Voraussetzungen - der Sprung in die dritte industrielle Revolution zunächst verschlafen wurde. Ein typisches Beispiel ist die westdeutsche Textilindustrie, die dort, wo sie auf Massenproduktion setzte, durch billige Konkurrenz und zurückgehende Nachfrage ins Trudeln geriet.

Aber auch der Vergleich, den Reinhold Bauer für die Autoindustrien in beiden Ländern vorlegte, ist aufschlussreich. Die westdeutschen Autobauer wurden vom Ölpreisanstieg, der einsetzenden Umweltdebatte und nicht zuletzt von der japanischen Konkurrenz, die den neuen Konsumwünschen viel flexibler begegnete, "kalt erwischt", und sie reagierten auf die Nachfragekrise zunächst mit massivem Arbeitsplatzabbau. Auch wenn die DDR als RGW-Partner vom Ölpreisschock nicht so unmittelbar betroffen war, so geriet ihr 1974 angeschobenes PKW-Programm - ein gehobener Kleinwagen, der zunächst den Inlandsbedarf decken, später Devisen bringen sollte - schon in die Krise, bevor es richtig begonnen hatte. Zum einen verteuerten sich durch den gestiegenen Weltölpreis die Westimporte (auch für die notwendigen Produktionsanlagen), zum anderen erhöhte Mitte der siebziger Jahre auch die UdSSR ihren Ölpreis für die "Bruderstaaten" drastisch. Als das Programm schließlich abgebrochen wurde, war es zu spät, um die vorhandenen Modelle für die neuen Konsumbedürfnisse weiter zu entwickeln.

Die Unregierbarkeit der Republik

Mit den internationalen Währungsturbulenzen und der Ölkrise geriet auch der Staat unter Druck, der - wie der Salzburger Historiker Christoph Boyer in seinem fulminanten Überblick zeigte - immer weniger fähig schien, seine wirtschaftliche Steuerungsfunktion zu erfüllen. Die seit den sechziger Jahren eingeleiteten sozialen Reformprogramme, die auf der Basis von Vollbeschäftigung den sozialen Frieden sicherten, schienen plötzlich nicht mehr finanzierbar, worauf der Westen kurzsichtige Sparprogramme auflegte, der Osten sich dagegen in ein immer höheres Staatsdefizit hineinmanövrierte, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Mit dem Ende des "keynianistischen Traums" verlor die Sozialpolitik in der BRD zunehmend an Boden, der Staat wurde wirtschaftspolitisch erpressbar und die Rede von der "Unregierbarkeit der Republik" war geboren. Die Ära Honecker dagegen war geprägt von einem immer hektischer werdenden wirtschaftspolitischen Krisenmanagement.

Doch auch in einem weiteren staatlichen Kernbereich standen die Regierungen unter Legitimationsdruck. Mit den Geiselnahmen der israelischen Sportler 1972 in München kündigte sich eine neue Form des irregulären terroristischen Krieges an und erschütterte den Grundkonsens der damaligen Gesellschaft, die glaubte, weiterhin unbehelligt friedlich und in Wohlstand leben zu können. Erstmals - so Annette Vowinckel (ZZF) - nutzten Terroristen gezielt die Medienöffentlichkeit, um auf ihre politischen Anliegen aufmerksam zu machen. Ein paar Jahre später wird die RAF dem westdeutschen Staat - davon allerdings war auf der Tagung überhaupt nichts zu hören - das Gewaltmonopol streitig machen und ihn unter sicherheitspolitischen Beweiszwang bringen.

Woran misst sich Wertewandel?

Dabei war die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus nur die Spitze. Die Grenzen der staatlichen Steuerung erwiesen sich in West und Ost auch im Umgang mit den sozialen und demokratischen Bewegungen, denen die Zeithistoriker leider ebenso so wenig Aufmerksamkeit schenkten wie der sozialen Bindungskraft, die von der damaligen Linken jedweder Couleur ausging. Den "Aufbruch im Alltag" konzeptionell auf die Abtreibungsauseinandersetzung und die zeitgenössische Diskussionswut zu reduzieren, scheint den mit Umwelt-, Frauen- und aufkommender Friedensbewegung verbundenen Wertewandel dann doch zu verfehlen. Zumal Nina Verheyen (WZB) das "symbolische Kapital" des Debattierens nur der westdeutschen Gesellschaft zugesteht, als ob in DDR damals nicht diskutiert worden wäre.

Es blieb der Bielefelder Historikerin Martina Kessel vorbehalten, den Blick der in wirtschaftspolitische Daten und soziale Strukturen eingesponnenen Fachkollegen zu schärfen für die Ein- und Ausschlussprozesse der sechziger bis achtziger Jahre. Sie wagte die These, zumindest die westdeutsche Gesellschaft habe sich darauf verlassen können, dass an den grundlegenden geschlechtsspezifischen und ethnischen Ordnungsmustern nicht gerüttelt wurde. So bezweifelte sie, ob die zunehmende Frauenerwerbstätigkeit schon Indiz für den Wandel in der Arbeitswelt und die Auflösung hergebrachter Arbeitsteilungen sei oder eine veränderte Migrationspolitik auf größere multikulturelle Akzeptanz verweise. Skeptisch beurteilte sie auch das subkulturelle Milieu, das Zugehörigkeitsmuster eher "alternativ" zementierte und, wie gehabt, die debattierfreudigen männlichen Protagonisten begünstigte.

Von einer "Epoche" mochte am Ende jedenfalls niemand mehr sprechen und einig war man sich in der Einschätzung, dass die Perspektive europäisch auszuweiten sei. Vielleicht lassen sich die siebziger Jahre, wie der Ökonom Gert G. Wagner in seiner Eröffnungsrede meinte, ja auch als Ende des keynesianistischen "Experiments" begreifen, als Ära einer gescheiterten "Neuen Ökonomischen Politik" - so wie die DDR heute auch nur noch vom Ende her, von ihrem Scheitern gelesen wird. Für die Konservativen, so Frank Bösch von der Universität Gießen, wurde die viel beschworene Krise sogar zu einer Chance, wie die lange Ära Kohl beweist.

Die Folgen des "Experiments" schienen - in beiden deutschen Fällen - in ihrer gesamten Dimension erst ein Jahrzehnt später auf, von der verweigerten oder verspäteten Umwelt- über die halsbrecherische Einheits- bis hin zur fehlgesteuerten Familienpolitik. Inwieweit die in den siebziger Jahren ausgebildeten prekären Lebensentwürfe mit neuen Freiheitsgraden korrespondieren, wird allerdings ein Experiment für die "Aufbruchsgeneration" der siebziger Jahre werden, die in den nächsten beiden Jahrzehnten das Rentenalter erreicht.


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00:00 29.06.2007

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