Am Ende der Geduld

Porträt Elisabeth Ngari hat Frauenfeindlichkeit in Flüchtlingsheimen erlebt und fordert deswegen die Abschaffung von Lagern
Ulrike Baureithel | Ausgabe 01/2016 27

Gemeinschaftsküchen, in denen sich manchmal 40 Menschen einen Herd teilen müssen. Überbelegte Zimmer. Unzureichende und verschmutzte Sanitäreinrichtungen, nicht nach Geschlechtern getrennt und häufig nicht einmal abschließbar. Für Kinder kein Platz zum Spielen. Das alles ist Alltag in brandenburgischen Flüchtlingsheimen. Alltag von Frauen, die vor Bürgerkrieg geflohen sind oder verfolgt werden. Traumatisiert kommen sie in ein Land der Hoffnung und finden sich wieder in menschenunwürdigen Verhältnissen. Sie sind Übergriffen ausgesetzt, kämpfen mit der Sprache und der deutschen Bürokratie. Und sie warten. Auf Papiere. Auf ihre Anerkennung. Auf eine Wohnung. Einen Arbeitsplatz. Auf ein bisschen Normalität.

Elisabeth Ngari wartet nicht mehr. Die Kenianerin lebt in der 13. Etage eines Berliner Plattenbaus, oben weiter Himmel, unten flutender Verkehr. Von den Wänden der winzigen Wohnung lächeln ihre beiden Töchter, das Enkelkind. Unter dem Wohnzimmertisch ein Karton mit Materialien des Vereins, den sie vor 14 Jahren als „Women in Exile“ gegründet hat, als sie erkannte, dass es zermürbt, immer nur zu warten. Und dass es Frauen in der Flüchtlingsbewegung schwer haben, mit ihren Problemen durchzudringen.

Mit Ende 20 kam sie 1996 nach Deutschland. Sie wusste kaum etwas über das Land. Für Kenia bestand damals noch keine Visumspflicht, dennoch verlangte der Schlepper von ihrer Flüchtlingsgruppe viel Geld. Am Frankfurter Flughafen überließ er die junge Frau und ihre beiden Kinder sich selbst. „Ich dachte, dass hier jeder Englisch versteht. Aber es dauerte eine Weile, bis ich jemanden fand, der mir erklärte, wohin ich gehen muss, um mich registrieren zu lassen. Eine Nacht verbrachte ich in einer Erstaufnahme-Einrichtung. Dann bekam ich eine Bahnfahrkarte nach Eisenhüttenstadt.“

Sechs Jahre Unsicherheit und Angst

Eisenhüttenstadt, Erstaufnahmelager, verbunden mit Abschiebegefängnis. „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich sah, wie ich da wohnen soll. Keinerlei Privatsphäre, Gemeinschaftstoiletten. Die erste Woche war furchtbar. Ich war davon ausgegangen, in ein demokratisches Land zu kommen, meine Kinder zur Schule zu schicken und zu arbeiten. Dass ich in ein Lager kommen würde, war für mich unvorstellbar.“ Doch Elisabeth Ngari ist eine kämpferische Frau, der es leichtfällt, Kontakte zu knüpfen. Das hatte sie schon in der kleinen Oppositionspartei in Kenia bewiesen, wo sie Frauen organisierte und Geld für Projekte sammelte. Die Erfahrungen in ihrer Heimat kamen ihr in ihrer neuen Umgebung zupass: Nachdem sie mit den beiden Kindern in eine Sammelunterkunft nach Prenzlau in Mecklenburg-Vorpommern verlegt worden war, setzte sie durch, im Erdgeschoss untergebracht zu werden, dort, wo die Heimleitung war. Ein bisschen mehr Ruhe für ihre Kinder, etwas mehr Sicherheit.

Sechs lange Jahre wartete Ngari auf ihre Anerkennung. Sechs Jahre Duldung, Unsicherheit und Angst. Dann lernte sie einen Mann kennen und heiratete. „Es waren die Umstände, die mich haben aktiv werden lassen“, erklärt sie rückblickend. Die Küche musste sie mit 20 Leuten teilen, im Nachbarzimmer hörten die ständig betrunkenen Männer bis spät in die Nacht laute Musik. Es kam zu Konflikten unter den Flüchtlingen, Stress wegen der Enge und des Drecks. Verständigungsprobleme und Missverständnisse sind oft der Ausgangspunkt für auch tätliche Auseinandersetzungen. Ngari erfuhr von Fällen häuslicher Gewalt und erlebte, dass sowohl das Sicherheitspersonal als auch die Polizei hinhaltend reagierten. In den gemischten Flüchtlingsgruppen in Brandenburg, in denen Ngari bald mitarbeitete, stießen Frauen auf Widerstand, wenn sie versuchten, diese Dinge zu thematisieren. „Deshalb beschlossen wir, eine spezifische Gruppe für Flüchtlingsfrauen zu gründen, die zwar mit anderen Gruppen kooperiert, sich aber auf die speziellen Probleme von Flüchtlingsfrauen konzentriert."

„Wir stellen keine Luxusforderungen"

Im Jahr 2011 erweiterte sie den Verein zu „Women in Exile & Friends“. Nun nimmt sie auch Aktivistinnen ohne Fluchthintergrund auf. Sie fordert die bedingungslose Abschaffung aller Lager für Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder – weil das Lagersystem Gewalt begünstige. Dass einige diese Tatsache nun zum Anlass nehmen, um gegen „immer mehr Flüchtlinge“ zu hetzen, beeindruckt Ngari nicht. „Gewalt gegen Frauen ist kein spezifisches Flüchtlingsproblem. Aber wir bestehen darauf, dass Flüchtlingsfrauen dieselben Rechte zugestanden werden wie den deutschen.“

Das bedeutet für Brandenburg, das Gewaltschutzgesetz mit seinen Regeln auch auf Flüchtlingsfrauen auszuweiten. Das ist jedoch nur möglich, wenn diese in Wohnungen untergebracht werden. „Wir sind dabei, uns mit Gruppen zusammenzuschließen, die für billigen Wohnraum kämpfen“, sagt die Netzwerkerin. Die explizit feministische Organisation, die vor einigen Wochen mit dem taz-Panter-Preis ausgezeichnet wurde, ermutigt betroffene Frauen, Gewalt nicht einfach hinzunehmen, inspiziert Flüchtlingsheime und dokumentiert die dortigen Verhältnisse. Mit einer aufsehenerregenden Floßtour 2014 gelang es, Flüchtlingsfrauen in der gesamten Bundesrepublik zu vernetzen.

Das größte Problem sieht Elisabeth Ngari derzeit in der politisch gewollten Spaltung der Flüchtlinge in solche, die erwünscht sind, und jene, die möglichst bald abgeschoben werden sollen. Die große Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist für sie aber kein Anlass, Abstriche bei ihren politischen Forderungen zu machen. „Wir stellen schließlich keine Luxusforderungen“, sagt die Kämpferin Elisabeth Ngari, und ihr Blick wandert zum Enkelkind an der Wand.

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06:00 12.01.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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