Das Drama des begabten Kindes

Bildungshemmer Internationale Vergleichsstudien belegen, dass nicht nur deutsche Schüler, sondern auch die Bildungspolitiker förderbedürftig sind

Es gab einmal eine Zeit, da war die Bundesrepublik berühmt dafür, möglichst Vielen möglichst große Bildungschancen einzuräumen. Die Mobilisierung der "Bildungsreserven", wie das damals hieß, erfasste nicht nur Kinder aus weniger privilegierten Schichten; sie ermöglichte auch Mädchen in einem bis dahin kaum gekannten Maß den Einzug in die Höheren Schulen und die Universitäten. Selbst Kinder aus damals sogenannten Gastarbeiterfamilien konnten, zeigten sie sich anpassungsbereit und bildungswillig, den Aufstieg schaffen. Bekanntlich ging diese Bildungsexpansion einher mit einer unersättlichen Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften; vom Facharbeiter bis zum akademischen Lehrpersonal mangelte es an allem, weil die Bildungspolitik der fünfziger und frühen sechziger Jahren den absehbaren Bedarf einfach verpennt hatte.

Eigentlich sollte das eine Lehre sein, und Bildungsexperten scheuen sich auch nicht, die Politik daran zu erinnern. Doch was sich derzeit im deutschen Bildungssystem abspielt, ist geeignet, das Trauerspiel zu wiederholen. Zwar schien es, dass die Pisa-Studie, in der sich die Republik der Dichter und Denker im internationalen Vergleich weit abgeschlagen präsentierte, einen heilsamen Schock ausgelöst hätte. Doch zwei Jahre später offenbart sich, dass auch vollmundige Erklärungen zum Ausbau von Ganztagsschulen, die Förderung des Spracherwerbs für Migrantenkinder oder die jüngsten "schulformübergreifenden" Kriterien der Kultusministerkonferenz nichts an der traurigen Wahrheit geändert haben. In der kürzlich in London vorgelegten Auswertung der neuen Pisa-Untersuchung, die dieses Mal in 15 weiteren Staaten durchgeführt wurde und auch Entwicklungsländer miteinbezogen hatte, rückt Deutschland sogar noch einen Platz weiter nach hinten, wogegen sich das als zweisprachig geltende Hongkong knapp hinter der Spitzengruppe Finnland, Kanada, Neuseeland, Australien und Irland platzieren konnte.

Parallel vorgelegte internationale Vergleichsstudien belegen das "Drama des begabten Kindes", wenn es das Pech hat, aus einer bildungsfernen Familie oder gar einer Migrantenfamilie zu stammen. Dann nämlich sind seine Chancen, das Abitur zu machen, bis zu sieben Mal schlechter als für ein Kind aus einer Akademikerfamilie - trotz gleicher Begabung. Dass in der Bundesrepublik Herkunft noch (oder wieder?) zu den herausstechendsten Faktoren im Bildungswettbewerb gehört, hat schon bei Pisa 2000 die Gemüter aufgewühlt. Die Folgestudien haben diesen Befund verstärkt, ebenso wie die Tatsache, dass die Bildungschancen für diese Kinder um so mehr abnehmen, je länger sie am Schulbetrieb teilnehmen. In Hongkong ist es gerade umgekehrt, die in der Grundschule noch vorhandenen Unterschiede zwischen Migranten und Nicht-Migranten werden im Laufe der Zeit ausgeglichen. Im Klartext: Die deutsche Schule ist keine Bildungsstätte, sondern sorgt eher für ihre Verhinderung - zumindest für Kinder aus sozial weniger privilegierten Schichten.

Dass dies mit der in Deutschland üblichen frühzeitigen Differenzierung und Selektion zusammen hängt, belegen nun auch weitere Studien, denn die Spitzenländer schicken ihre Kinder vorwiegend auf integrierte Schulen, in denen Schüler mit sehr heterogenem Bildungshintergrund zusammen lernen, und die frühestens nach der Sekundarstufe I, häufig auch erst nach neun oder zehn Schuljahren diffferenzieren. Aber auch an das Lehrpersonal werden höhere Ansprüche gestellt als in Deutschland, vor allem hinsichtlich verbindlicher Fortbildung, sozialer Kompetenz und der Bereitschaft, sich auch über den Unterricht hinaus mit den Schülern zu beschäftigen.

Das alles sind keine sonderlich neuen Erkenntnisse, doch in ihrer Zusammenschau erschreckend. Wenn derzeit in Niedersachsen integrierte Schulsysteme aufgelöst oder zurückgefahren werden, dann stimmt die ganze Richtung nicht. Dass SPD-Ministerin Bulmahn ihr Heil nun in einer "wissenschaftlichen Agentur", die gemeinsame Standards ausarbeiten und die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems überprüfen soll, sucht, erinnert an ihre Kollegin im Gesunheitsministerium, die sich von einem Zentrum für die Qualität in der Medizin ähnliche Gesundung verspricht. Dabei hat Bildung etwas mit Erwartungen und Zukunftsplanung zu tun; und wenn deutsche Schüler davon ausgehen müssen, ohnehin keine Ausbildungsstelle zu ergattern oder keine Berufsperspektive zu haben, wenn ihnen signalisiert wird, überflüssig zu sein, wen wunderts, dass ihnen dann die Lust am Lernen vergeht?

Die Studien können abgerufen werden unter: www.bmbf.de/pub/pisa-vergleichsstudie, www.dipf.de

00:00 11.07.2003
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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