Das Ende der Zukunft

Nachruf Es kommt nicht nur anders, als man denkt, sondern das, was kommen könnte, will man sich gar nicht mehr vorstellen
Das Ende der Zukunft
Dorfbewohner sammeln im russischen Altai-Gebirge Weltraumschrott
Foto: Jonas Bendiksen/ Magnum

Ihr sollt es einmal besser haben als wir!“ Wie oft gesagt, wie oft gehört. Im Tornister der Wünsche ist es das Goldstück aller aufsteigenden Klassen, die dafür leben, dass ihre Kinder einmal über sie hinauswachsen, besser leben, es besser machen mögen. Das mentale Geländer aufgeschobener Bedürfnisse. An ihm hangelten sich die Nachkriegsgenerationen in die höheren Schulen, zuerst die Jungen, später die Mädchen. Heutzutage gedeiht dieser Wunsch höchstens noch im Einwanderermilieu, und auch dort ist er skeptisch grundiert.

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In den übrigen Schichten grassiert die Angst, dass der Nachwuchs eher absteigen wird, dass die Zukunft unberechenbarer und schwieriger werden wird und nicht mehr pfeilgerade nach oben weist. „Ich möchte heutzutage nicht mehr jung sein“, sagen gelegentlich die ganz Alten, die so viel hinter sich gebracht haben. In einer Gesellschaft, die die Jugend ansonsten zum Gott erhebt, ist das bemerkenswert. Der verhaltene Pessimismus nährt sich weniger aus der Erfahrung vergleichsweise friedlich überstandener sechs Jahrzehnte als aus der Ahnung, an einem Epochenbruch zu stehen, wo vergegenwärtigte Erfahrung keine Brücke mehr in die Zukunft schlägt. Es kommt, wie man ja weiß, nicht nur anders, als man denkt, sondern das, was kommen könnte, will man sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen.

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Sind die fetten Jahre nun vorbei? Die Jahrzehnte, die mit Krisen schwanger gingen, aber sich erst jetzt zu einer globalen ausgewachsen haben? War die Zukunft, um ein Bonmot Karl Valentins auf Substanz abzuklopfen, früher auch schon mal besser? Und wie vertrüge sich ein solcher Befund mit der tief empfundenen Endzeitstimmung zum Beispiel der ausgehenden siebziger Jahre?

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April 1986. Die Tage nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Ich sehe mich an meinem Schreibtisch sitzen, in der Schlussphase des Studiums, und alles scheint sinnlos geworden. Wir zählen Becquerel und treiben wie torkelnde Vögel durch die Tage. Wer kann, packt Kind und Kegel und schließt sich dem Exodus in unbelastete Zonen an. Wir anderen hocken in Grüppchen zusammen und denken daran, das Studium, den Job zu schmeißen. Noch ein bisschen leben nach dem GAU. Die strahlende Zukunft, an die wir einmal so fest glaubten, hat eine völlig neue Bedeutung bekommen und misst sich in unfassbaren Halbwertszeiten. Stillstehende Zeit. Endzeit.

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Was damals passiert ist, hat all unsere düsteren Prophezeiungen übertroffen. Aufgewachsen in einer Zeit, in der wir wie Charon die toten Fische aus den kippenden Flüssen holten, die sterbenden Wälder betrauerten und jeden Tag die atomare Katastrophe erwarteten, wurden wir überholt von Tatsachen, die unseren Erfahrungsraum sprengten. Das Jahr 1986 war die Gefühlszäsur, die der politischen Zäsur von 1989 voranging. Der herbeigeredete Untergang, an dessen Nahtstelle eine neue Gesellschaft hätte stehen sollen, war plötzlich real geworden – zumindest in unseren Köpfen. Und dieser Keim des Neuen, von dem uns die linken Geschichtsphilosophen doch weismachen wollten, er stecke da irgendwo untergründig im Alten und müsse nur freigelegt werden, enthüllte sich als ziemlich aggressiver nuklearer Kern.

Zukunft, weiß die Geschichtswissenschaft, ist ein Produkt der Neuzeit. Sie durchstößt die zyklische Zeit der Natur und der Generationen. Mit der kopernikanischen Wende und der Kolonisierung neuer Erdteile reichte der Erfahrungsschatz der Vergangenheit nicht mehr aus, das Neue säte Unsicherheit, aber auch Hoffnung. Musste das Jenseitsversprechen nie einen Beweis antreten, wird die Zukunft im Diesseits nun auf die Folter gespannt. Sie kommt immer beschleunigter auf uns, ohne dass wir die Bruchstücke aus dem Gestern zu halbwegs brauchbaren Wegweisern zusammenklauben könnten.

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1945. Ein anderer Ausgangspunkt war der sogenannte Nullpunkt. Ein Mythos natürlich, aber er erlaubte unseren Eltern, überhaupt wieder anzufangen, in der einen oder der anderen deutschen Republik. Beide einte das Beschweigen der Vergangenheit, denn der vorangegangene Untergang war so unerträglich, dass kein Steg sonst in die Zukunft geführt hätte. Der eingebrannte Erfahrungsraum, den Reinhart Koselleck als historische Membran gegen den Erwartungshorizont des Zukünftigen absetzt, musste so weit mattiert werden, dass sich Schmerz und Schuld annullieren ließen. Nur so war es möglich, in der einen Republik das ökonomisch Erreichbare, in der anderen das politisch Erwünschte aufscheinen zu lassen. Aus der daraus entstehenden Spannung entsprang die Hoffnung der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die die Jüngeren beflügeln sollte. Der Bewegungsvektor wies ins All: Auf dem Mond gibt es keine Vergangenheit und keine geisterhaften Untoten.

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In den sechziger Jahren, behauptet der Historiker Lucian Hölscher, schwang sich der vielleicht letzte stabile Zukunftszyklus auf. Die damalige technische Dynamik und die breit gefächerten sozialen Entwicklungschancen in Europa ermöglichten noch einmal eine optimistische Orientierung nach vorne. Selbst als die aufkommende Studentenbewegung begann, den verdunkelten Hintergrund zu erhellen und nach der Verantwortung für Krieg und Holocaust fragte, war das eine Art Übersprungshandlung. Das weit aufgerissene Fenster in die Zukunft war nur zu haben um den Preis der eigenen Schuldabwehr. Denn das, was dem Schweigen der Eltern entrissen wurde, war zu ungeheuerlich, um einfach in die Textur des Künftigen eingewoben zu werden. Es war nicht nur der ökologische Preis des Fortschritts – die siechende Natur, die dahin schmelzenden Ressourcen –, der uns ein Jahrzehnt später in die apokalyptische Agonie trieb, sondern vielleicht auch die Ahnung, dass kein „ganzheitlicher“ Zukunftsfuror diesen Zivilisationsbruch je mehr würde heilen könnten.

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Als 1989 die Geschichte dann die letzte gesellschaftliche Utopie kassierte, waren die Erwartungen schon sehr gedämpft, weil von den Erfahrungen blamiert. Zwar hatte niemand den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers auf diese Weise prognostiziert, aber es gab Hinweise darauf, dass die auf die Ewigkeit gedachte Systemkonkurrenz enden würde und an ihre Stelle nicht unbedingt das treten würde, was Zukunft seit der Neuzeit immer verspricht: Verbesserung, Vervollkommnung.

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Die alten Zukunftsentwürfe haben ihre teleologischen Weihen verloren. Wer noch an eine utopisch aufgeladene Zukunft glaubt, erscheint naiv oder ignorant. Wir sind ernüchtert durch Erfahrung und haben unsere Hoffnungen heruntergeschraubt in einer informationell zusammengeschrumpften und gleichzeitig unendlich beschleunigten Welt. Die einzige Sicherheit ist die Unsicherheit und dass alles mit allem so fragil verknotet ist, dass schon der berühmte Schmetterlingsschlag alles zum Einsturz bringen kann. Die Zukunftserwartungen haben sich verkürzt auf das Börsenbarometer des heutigen Abends und den Zins auf dem Tagesgeldkonto.

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Es ist schon ein Paradox: Während die Modelle der Klimaexperten weit in die Zukunft weisen und wenig Gutes prognostizieren, Wissenschaftler die Endlichkeit natürlicher Ressourcen voraussagen und selbst optimistische Ökonomen dem Kapitalismus nur noch wenig Selbstheilungskräfte bescheinigen, kurz: Während unser Wissen um die Zukunft sich immer weiter ausdehnt, ist unser Verhältnis zu ihr kleinmütig geworden. Mit uns zieht keine „neue Zeit“ mehr, sondern wir ziehen der schnelllebigen Zeit hinterher. Je globaler die Welt, desto partikularer die Erwartungen und desto „gesprungener“ das Bewusstsein vom Gesamtzusammenhang.

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1992 läutete der Politologe Francis Fukuyama mit seinem gleichnamigen Buch das Ende der Geschichte ein. Er glaubte, durch die Suspendierung konkurrierender Gesellschaftsmodelle hätten sich alle Widersprüche erledigt und die Geschichte habe ihr höchstes und letztes Niveau erreicht. Aus dieser Perspektive könnte die Zukunft also nur noch besser werden. Wir werden sehen. Morgen. Und vielleicht sagen: Gestern war die Zukunft auch nicht besser.

11:09 31.12.2012
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