Die erste ihrer Art

Porträt Karin Hausen schaffte es in den 70ern als feministische Historikerin auf einen Lehrstuhl. Gerade wird sie neu entdeckt. Weil Geschlechter-Stereotype uns nicht loslassen
Die erste ihrer Art
Karin Hausen in ihrem Garten in Berlin-Dahlem
Foto: Iris Janke für Der Freitag

Eine gediegene Villengegend in Berlin-Dahlem. Überall viel gepflegt-englischer Rasen, da sticht der wilde Bauerngarten hervor. „Unser Vorgarten ist zu einem Ort der Kommunikation geworden. Oft bleibt jemand stehen, bewundert die Blumen oder will sogar Samen haben“, sagt Karin Hausen. „Mittlerweile“, setzt die kleine, schmale Frau mit der zu großen Brille etwas sarkastisch hinzu, „haben die Leute sogar begriffen, dass ich hier nicht nur die Gärtnerin bin“.

Karin Hausen fällt auf den ersten Blick kaum auf, wirkt zurückgenommen und spricht sehr leise. So hat sie es in den 25 Jahren an der Technischen Universität gehalten, wenn sie dort als Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte nachdrücklich intervenierte, sei es in den Uni-Gremien oder während studentischer Referate. Aber wenn sie anhob, war es still.

In den siebziger Jahren galt sie als Ikone der feministischen Geschichtswissenschaft, nicht nur in Berlin, sondern auch für uns Studentinnen in der Provinz, die wir ihr Brevier Frauen suchen ihre Geschichte verschlangen und mit den „Fragen einer lesenden Arbeiterin“ an der Uni für Unruhe sorgten: Wer stopfte Bismarck die Socken? In den Büchern stehen die Namen von Männern ...

Als wir sie in den achtziger Jahren erstmals zu Gesicht bekamen, die leise Ernüchterung: Sie wirkte zwischen all den lila Latzhosen und flammenden Hennamähnen doch sehr wie eine Studienrätin. „Das wollte ich ursprünglich auch werden“, sagt sie. Für ein Mädchen, das kurz nach dem Krieg erst eine Dorfschule und dann ein Mädchengymnasium besucht hatte, war das nicht selbstverständlich: „Aber unsere Eltern, die nicht studieren konnten, wollten, dass auch die beiden Töchter zumindest Abitur machten.“ So landete sie auf dem Mädchengymnasium in Detmold.

Dreißig Jahre später überrascht sie mich wieder: Keine hohen Bücherwände, die man nach einer jahrzehntelangen geisteswissenschaftlichen Karriere in ihrer Wohnung hätte vermuten können. Über die Zimmer dezent verstreute Regale, in denen die Romane streng alphabetisch defilieren. Keine Papierstapel, ein einzelner Wirtschaftsartikel aus der FAZ auf dem Schreibtisch. Und überall viel Holz. „Keine Designerwohnung“, sagt sie lächelnd und weist auf die abgenutzten Sessel, die das Ein und Aus vieler Gäste verraten.

Karin Hausen wurde zu einer Zeit an die Universität berufen, als Frauen auf Lehrstühlen noch mit der Lupe gesucht werden mussten, zumal im erzkonservativen Fach Geschichte. Als sie während ihres Studiums in Marburg feststellte, dass sie „fürs Labor nicht taugte“, sattelte sie von der Biologie auf Geistes- und Sozialwissenschaften um. Geschichte fand sie in der Schule zwar immer „doof“, doch dann entdeckte sie die Wissenschaftsbücher, versank in einer Studie über den Bergbau und versöhnte sich mit dem Fach.

Dass sie zu einer Galionsfigur einer ganzen Generation von Studentinnen wurde, verdankt sie einem 1976 eher zufällig entstandenen Aufsatz mit dem akademisch-umständlichen Namen Die Polarisierung der Geschlechtscharaktere – Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In den folgenden Jahrzehnten war er einer der meistzitierten deutschsprachigen feministischen Texte – und derzeit erlebt er gerade „eine neue Renaissance“, sagt Hausen überrascht. „Ich höre von Dozentinnen, dass er unter Studentinnen wieder Debatten auslöst, weil sie den Inhalt offenbar stark auf ihre eigene Situation beziehen.“

Was Karin Hausen damals entdeckte, schlug ein, weil es etwas, das ganz natürlich in unseren Köpfen steckt, neu beleuchtete. Sie stieß darauf, dass sich die uns heute so geläufigen Stereotype von „männlich“ und „weiblich“, um die sich entsprechende Eigenschaften gruppieren, erst um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert im Bildungsbürgertum herausgebildet haben. Dabei wurde, und das war noch viel aufregender, Männern und Frauen eine jeweils eigene Sphäre zugewiesen, eine öffentliche und eine private, die eindeutig hierarchisch verortet waren. Dieser Zusammenhang sei ihr, bevor sie anfing, die zeitgenössischen Konversationslexika zu wälzen, aber überhaupt nicht bewusst gewesen.

Auf der Kommode in Karin Hausens Wohnzimmer liegen Fotos des gerade einjährigen Enkels, die sie mir präsentiert. Sie zeigen den Sohn ihrer einzigen, 1973 geborenen Tochter, die eine Etage tiefer wohnt. Als Mutter eines Kleinkindes – Karin Hausen war bis zu dessen Tod mit einem griechischen Chemiker verheiratet – war sie an der Universität eine Exotin und fühlte sich unwohl. Noch 1960 hatten fast 80 Prozent der deutschen Professoren Frauen als mehr oder minder ungeeignet für den Beruf der Hochschullehrerin erklärt. „Ich hatte es satt, immer nur Ausnahme zu sein.“ Traf sie auf Tagungen andere junge Wissenschaftlerinnen, wurde sie gefragt: ‚Sie haben doch ein Kind, wie geht das denn?‘ „Keine interessierte sich dafür, was ich wissenschaftlich machte, sondern nur dafür, wie ich mein Leben manage.“

Zwischen Baum und Borke

Als ihre Assistenzzeit Mitte der siebziger Jahre zu Ende ging, wusste sie nicht, wie es weitergehen sollte. Ein tief empfundenes Ungebehagen über diese gesamte Lage trieb sie dazu, im Rahmen der historischen Familienforschung zu intervenieren. „Ich wusste, dass ich mich mit diesem Aufsatz aus der Geschichtswissenschaft katapultieren würde.“ Die „Geschlechtscharaktere“ und die dort verhandelten Themen wurden nun gesellschaftsfähig. „In Berlin fanden Mitte der siebziger Jahre die ersten Frauensommeruniversitäten statt, die Frauenbewegung zog langsam auch an den Unis ein. Der Text kam einfach zur richtigen Zeit.“ Einfach war das Verhältnis zur „Bewegung“ indessen nicht. Die wenigen Professorinnen, die es zu ihrer Studienzeit gegeben habe, seien – mit Ausnahme der an der FU lehrenden und von Hausen bewunderten Philosophin Margherita von Brentano – überhaupt keine Vorbilder gewesen. Als sie 1978 dann selbst an die TU berufen wurde, bewegte sie sich zwischen Baum und Borke: „Für die Bewegung war ich die doofe Frau aus der Institution, für die Wissenschaft gerade noch erträglich, aber bitte nur mit Kneifzange anzufassen. Ich überlegte mir, wie man, wenn man drinnen sitzt, die Belagerung von außen so erhöhen kann, dass sich etwas tut.“

Ob sie eigentlich wisse, dass die Studentinnen großen Respekt, manchmal sogar etwas Angst vor ihr gehabt hätten? Das hatte ich, als ich in den neunziger Jahren als Gast ihre Colloquien besuchte, oft erlebt – und mir war von mancher Träne berichtet worden. Ja, das sei ihr bewusst. Sie sei in der neuen Rolle als Professorin plötzlich anders wahrgenommen worden. Dass sie strengere Maßstäbe angelegt hätte als ihre männlichen Kollegen, weist sie allerdings von sich: „Es gibt sehr ausgeprägte Standards in der Geschichtswissenschaft. Wenn etwas nichts taugt, taugt es eben nichts“, sagt sie. Karin Hausens Ansprüche, das wissen alle, die bei ihr studiert haben, waren besonders hoch. Viele der heute bekannteren Historikerinnen sind bei ihr durchgelaufen. „Und mein Vergnügen war groß, wenn ich eigenständig denkende Frauen um mich hatte.“ Die jedoch haben zumindest an deutschen Universitäten meist nicht reüssiert. „Bei den Berufungen auf Lehrstühle achtet man schon darauf, dass die Frauen einhegbar sind. Solche wie ich, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, sind nicht gefragt.“

Als wirtschafts- und sozialgeschichtlich orientierte Forscherin knüpfte Karin Hausen an ihre früheren Erkenntnisse an. Sie wagte es nicht nur, die Geschichte der Näh- oder Waschmaschine oder die Kunst des Holzsparens in den wissenschaftlichen Olymp zu hieven, sie forschte auch über Arbeiterinnen- und Mutterschutz, die nicht nur dem Wohl der Frauen dienten, sondern sie auch von den Männerarbeitsplätzen fernhielten. Sie fand Überraschendes über die Entstehung des deutschen Muttertags oder die Bedeutung des Volkstrauertags heraus.

Die Angst vor Veränderung

Im Streit ums Betreuungsgeld und in der Quotendebatte kehren heute die Vorstellungen vom sogenannten männlichen und weiblichen Arbeitsvermögen und von den Frauen, die Männer von ihren gut bezahlten Positionen verdrängen könnten, wieder. „Es scheint“, sagt Hausen nachdenklich, „dass sich die Ausgestaltung und Verteidigung dieser zweigliedrigen Gesellschaft ja durchaus bewährt hat. Der Platz, der für die Frauen vorgesehen war, wurde immer besser ausgestattet. Damit wurde die Stabilisierung der Familie perfektioniert, durchaus auch mit Vorteilen für die Frauen.“ In früheren Zeiten hatte die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung noch Überlebensfunktion. Es war kaum möglich, als Individuum alleine sein Leben zu fristen. Es musste geerntet, geputzt, geschrubbt, gelesen, eingemacht und gekocht werden, das kostete viel Zeit. Dieses Arrangement hat sich überlebt. „Nur fällt uns immer noch viel zu wenig ein, was gegen das alte System zu setzen wäre. Solange wir, wenn es um Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, nur an Frauen denken, ändert sich gar nichts.“

Dass in der heutigen Krise gerade nicht über die zur Disposition stehende Geschlechterordnung gesprochen wird, findet die Historikerin symptomatisch: „Es ist so gefährlich, darüber zu reden“. Dabei sei das, was ideologisch in den Köpfen stecke, oft weit entfernt von dem, was die Personen täglich leben.

Sie sei immer sehr vorsichtig damit gewesen zu definieren, was ‚männlich“ und „weiblich“ sei. Hausen erzählt die Anekdote von der kleinen Tochter Katrin, die eines Tages ihren Vater kochend am Herd vorgefunden hatte und sich beschwerte: „Papa, Männer arbeiten doch gar nicht in der Küche!“ In der Kita hatten die kleinen Mädchen gerade ihre Mutterrolle, die die Jungs ihnen abjagen wollten, verteidigt. Die kleinen Männer, meint Hausen, hätten kapiert, dass Kindererziehen und Pflegen eigentlich interessanter sind. Wenn die erwachsenen Männer das endlich begreifen würden, wären wir viel weiter, sagt Hausen.

Karin Hausen kennt beides, das Kindaufziehen und die Pflege, zuerst phasenweise bei der Mutter, dann bei ihrem schwerkranken Mann: „Wer so etwas professionell macht, müsste eigentlich hoch bezahlt werden.“ Bei ihrer dementen Mutter hat sie erlebt, wie sich die individuelle Geschichte verselbstständigen kann: „Es war spannend zu sehen, wie sie wie ein Paternoster durch alle möglichen Epochen ihres Lebens fuhr und man nie wusste, ob sie gerade meine Mutter war oder ob sie sich als Kind ihrer Mutter wahrnahm.

Wir sprechen darüber, wie schwer es Frauen fällt, ihre Geschichte zu tradieren. Erkenntnisse, die Frauen um 1900 bereits hatten, wurden etwa durch den Nationalsozialismus verschüttet und mussten durch die Frauenbewegung erst mühsam wieder ausgegraben werden. Einige Lehrerinnen, die Karin Hausen an ihrem Mädchengymnasium unterrichteten, hatten noch dem Bund Deutscher Frauenvereine angehört. Und selbst das, was vor 40 Jahren geschrieben worden ist, scheint vielfach verloren. Ihre eigene Tochter, erzählt Hausen, wollte keine Feministin zur Mutter haben, auch wenn sie es gut fand, dass diese arbeiten ging. Feminismus – für manche ist das noch immer ein Schimpfwort.

Nach langen Kämpfen hat Hausen 1995 das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin etabliert, eigentlich gegen ihre innere Überzeugung, wie sie sagt. Sie wünscht sich zwar möglichst viele Frauen auf Lehrstühlen, aber möglichst ohne Sonderinstitutionen. Frauenbeauftragte etwa findet sie „ganz schrecklich“.

Bei ihrer Emeritierung hat Karin Hausen angekündigt, künftig Glossen zu schreiben. Darauf warten wir bis heute. Sie erzählt jetzt lieber Anekdoten, von der Tochter oder der Großmutter. Eine handelt davon, wie sie als Kind pfeifend nach Hause kam und von der Großmutter gerügt wurde, pfeifenden Mädchen würde der Hals umgedreht werden, und dabei lächelte. Das Mädchen hat das zur Kenntnis genommen und weiter gepfiffen, auch darauf, was man von ihm erwartete. Karin Hausen ist geblieben, was sie war, eine Ausnahmefrau. Und pfeifen kann sie übrigens noch immer.

Karin Hausen gehört zu den wichtigsten feministischen Historikerinnen im deutschsprachigen Raum. Geboren 1938, wuchs sie freizügig „inmitten einer Kinderbande auf dem Dorf“ auf und hatte nach dem Abitur eigentlich Studienrätin für Biologie werden wollen. Es verschlug sie dann zur Geschichte, sie kam im Aufbruchjahr 1968 ans Friedrich-Meinecke-Institut nach Berlin, promovierte über Deutsche Kolonialgeschichte und wurde Assistentin von Thomas Nipperdey. Als in den Siebzigerjahren die Frauenbewegung die Unis besetzte, hatte sie schon eine kleine Tochter und war zu einer Assistenzprofessur gekommen. 1976 erschien ihr wegweisender Aufsatz über die Entstehung der „Geschlechtscharaktere“. Zwei Jahre später wurde sie als Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an die TU Berlin berufen, ab 1995 leitete sie dort das von ihr gegründete Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. In den 30 Jahren ihrer Lehrtätigkeit prägte sie wie kaum eine andere Wissenschaftlerin die Geschlechtergeschichte.

Sie war unter anderem Vorsitzende der Förderkommission Frauenforschung des Berliner Senats, Mitglied vieler Fachkommissionen und ist Herausgeberin historischer Buchreihen und Zeitschriften. Kürzlich hat die in Berlin lebende Forscherin ihre bedeutendsten zwischen 1970 und 2000 entstandenen Aufsätze in dem Band Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte (Vandenhoeck & Ruprecht) gesammelt und vorgestellt.

16:07 27.07.2012
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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