Die Scham ist vorbei

KOMMENTAR Reichskriegsbanner unter'm Brandenburger Tor

Wären die neonazistischen Hetzreden gegen das "Schandmal" und das Hissen der Reichkriegsflagge weniger skandalös, wenn der Akt, sagen wir mal, im Berliner Stadtteil Lichtenberg stattgefunden hätte, statt unterm Brandenburger Tor? Sind die "Kameraden", die am Wochenende in Berlin aufmarschiert sind, gefährlicher, als wenn sie sich wie geplant in Göttingen getroffen hätten? Ist Jörg Haiders Demagogie in der Tiroler Tageszeitung weniger wirksam als in einer Talkrunde von Frau Christiansen?

Seit Anfang der Woche tobt in der Hauptstadt ein Streit um die Frage, ob man die symbolischen Stätten der Metropole Verfassungsfeinden als Kulisse zur Verfügung stellen darf. Während Innensenator Werthebach die Neue Wache oder das geplante Holocaust-Mahnmal vor Kundgebungen zur "Auschwitz-Lüge" geschützt sehen will, plädieren grüne und PDS-Abgeordnete gegen eine solchermaßen eingeschränkte Versammlungsfreiheit. Im publizistischen Umgang mit Haider und seinen deutschen Ablegern im Geiste empfiehlt der Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel mehr Gelassenheit und "Selbstbewusstsein der Demokraten". Gleichzeitig untertitelte das Blatt ein Foto, das die ›deutschen Mannen‹ mit wehendem Banner auf dem Pariser Platz zeigt, als "Umzug der Rechtsextremen".

Die Empörung gegen das neonazistische Politspektakel unter der Schirmherrschaft deutscher Richter ist recht - und sehr billig. Wohlfeil ist auch die Taktik, die missliebigen Zeitgenossen zu verharmlosen oder als politischen Karnevalsumzug lächerlich zu machen. Die mit Springerstiefeln und mäßig politischer Intelligenz ausstaffierten Narren wären tatsächlich ein zu bewältigendes Problem; eine österreichische Regierung mit Jörg Haider stellte andere Herausforderungen.

Doch das Reichskriegsbanner unterm Brandenburger Tor verweist auf mehr: Es bezeichnet das Ende einer deutschen Schuld- und Schamkultur, die das Verhaltensrepertoire nach dem Zweiten Weltkriegs reguliert hat. Während der Boden der Nachkriegstatsachen vom "schlechten Gewissen" und der Schuld der unmittelbar Beteiligten getränkt war, forderten die unverdächtigen Nachgeborenen ihre Eltern heraus und beschämten sie. Die Achtundsechzigergeneration etablierte eine Schamkultur, in deren Mittelpunkt sie die kollektive Schande und das öffentliche Bekenntnis- und Läuterungsritual rückte.

Doch, offenbar: Die Scham ist vorbei. Gewohnt schamlos zeigten sich am Wochenende die 700 von Polizisten geschützten Neonazis. Ungewohnt schamlos verweigerte der Regierende Bürgermeister Diepgen zwei Tage davor seine Teilnahme an der symbolischen Grundsteinlegung des Mahnmals. Grenzenlos schamlos bediente sich die Politkaste der CDU der untoten jüdischen Erblasser, um ihr unchristliches Vermächtnis zu sichern. Es ist an der Zeit, das Beschämungstheater zu beenden und die Frage nach der Schuld neu zu stellen.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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