Fahrlässiger Umgang mit der Ressource Geist

Aufgewickelt Ein Gutachten fragt nach dem Verbleib der Ostberliner Wissenschaftlselite und ist geeignet, die derzeitige Bildungsdiskussion herauszufordern

Mitten in die aufgeregte und mitunter wenig inhaltlich unterfütterte Debatte um die Reformierung der Hochschullandschaft, um Eliteauslese und wissenschaftliche Innovation platzt, nein, nicht gerade eine Brand-, aber doch eine kleine gemeine Stinkbombe. Ob sie geeignet sein wird, den eifernden Chor der Besser-Wissis, der sogar in überseeischen Breiten nach Beststudenten fischen möchte, zurückzudrängen und darauf aufmerksam zu machen, dass es auch hier zu Lande ertragreiche Jagdgründe gibt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls zündet sie mit einer Überlegung des Konstanzer Philosophen Jürgen Mittelstraß: "Hier ist in zu vielen Fällen nicht nur fahrlässig mit der Ressource Geist umgegangen, sondern auch Würde und Leben einzelner Wissenschaftler verletzt worden.

Radikaler Elitenaustausch

"Hier", das meint bei der Abwicklung der ostberliner Wissenschaftslandschaft und ihrem Transfer in das westdeutsche System. Nach über zehn Jahren gibt es im Hinblick auf Gewinne und Verluste durchaus selbstkritische Einkehr, auch bei jenen, die für die Wissenschaftspolitik jener Zeit verantwortlich zeichnen. Für Peer Pasternack, bis vor kurzem noch Staatssekretär des Berliner Wissenschaftssenators Thomas Flierl (PDS)und ausgeschieden, weil er die Sparpolitik an den Hochschulen nicht weiter verantworten wollte, war das der Anlass, nach der gegenwärtigen Situation der abgewickelten oder "überführten" Wissenschaftselite zu fragen. Ist es dem Wissenschaftsstandort Berlin gelungen, die vielfältigen Kompetenzen der Ost-Wissenschaftler zu integrieren und zu nutzen? Wie leben die "Abgewickelten" heute und wie kommen sie damit zurecht, dass die alten Wissensbestände keinen Wert mehr darstellen? Das eben vorgelegte Gutachten des Instituts für Hochschulforschung Halle-Wittenberg, das sich auf die ausführliche Befragung zahlreicher Institutionen und Einzelpersonen (und, nebenbei, auch ausgiebig auf die Forschung ihres Auftraggebers) stützt, wirft nicht nur manches liebgewordene Vorurteil über den Haufen, sondern auch ein desillusionierendes Licht auf die viel gepriesene "Werkstatt der Einheit".

Die Fakten selbst sind bekannt: Traf man nach der Wende Akademie- oder Universitätsangehörige aus Ostberlin, war man regelmäßig mit folgendem Schicksal konfrontiert: In der DDR (noch) qualifiziert und bestallt, waren ihre Einrichtungen entweder bereits abgewickelt oder harrten ihrer Überführung in eine (west)deutsche Institution. Die früher dort Beschäftigten hingen in der "Warteschleife", später wurden sie entweder zunächst von dem eigens für diese Fälle eingerichteten "Wissenschaftler-Integrationsprogramm" (WIP) aufgefangen oder arbeitslos. Ein Teil verdingt sich seither in zeitlich befristeten Projekten, viele gaben die wissenschaftliche Arbeit ganz auf, ein kleiner Teil konnte die frühere Position halten. In dürren Zahlen lässt sich der Umfang dieses "radikalen Elitewechsels", von dem einseitig der westdeutsche Wissenschaftsnachwuchs profitierte, an der Humboldt-Universität belegen: Von den 1989 dort beschäftigten 3.279 Wissenschaftlern (ohne Charité) waren bis 1994 drei Viertel der Professorenschaft ausgeschieden, von den Dozenten und Dozentinnen sogar fast 90 Prozent. Der gleichzeitig laufende Stellenabbau betrug 30 Prozent.

Sprechende Zahlen. Denn bei dieser Größenordnung ist die Abwicklung nachträglich kaum mehr damit zu begründen, die entlassenen Mitarbeiter seien politisch belastet oder fachlich inkompetent gewesen, wie in den frühen neunziger Jahren vielfach behauptet wurde. Nur bei zehn Prozent des gesamten wissenschaftlichen Personals wurden Bedenken hinsichtlich seiner Integrität geäußert, und vor allem dort, wo ganze Einrichtungen zur Disposition standen, spielten Integritäts- und Kompetenzfragen kaum eine Rolle.

Leidtragende war insbesondere die mittlere Wissenschaftsgeneration: Den 1989 zwischen 30- und 45-Jährigen (und hier wiederum insbesondere die Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen) fiel es nach der Wende besonders schwer, sich neu zu etablieren. Zu jung für die Rente und bereits zu alt, sich entsprechend der neuen Anforderungen zu qualifizieren, fielen sie, zumindest ist das der empirische Befund, vielfach durchs Raster. Es gibt aber auch Minderheitsmeinungen: Christa Maria Nickels, Professorin an der HUB und kurze Zeit Staatssekretärin für Frauen bei Senator Harald Wolf, etwa glaubt, dass es vor allem der persönlichen Fähigkeit zuzuschreiben ist, ob jemand "auf die Füße fiel" oder nicht. Vielleicht die Abwehr einer, der es gelungen ist, "auf die Füße zu fallen" gegenüber den Vielen, die weniger Glück hatten?

Ost-Kompetenz gegen westdeutsches Deutungsmonopol

Überstimmend bedauern fast alle Befragten, dass es dem westdeutschen Wissenschaftssystem kaum gelungen ist, die spezifischen Kompetenzen zu nutzen, die Ostberliner Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in die Waagschale zu werfen hatten: Nicht nur das "Insiderwissen" über die DDR und die Kenntnis ihrer Archive sei ein "biographischer Vorteil" und müsse dem "westdeutschen Deutungsmonopol" über die DDR entgegengesetzt werden; auch die kulturellen und wissenschaftlichen Verbindungen nach Osteuropa würden viel zu wenig bemüht. Ganz zu schweigen vom marxistischen Wissen, das, wie Jürgen Kocka vermerkt, als "eine Variante von Wirklichkeitserkenntnis" zu nutzen sei. Derlei, wenn vielleicht auch nur symbolischen Anerkennungen jedoch wären eine Möglichkeit, die oftmals als ungerecht erlebte wissenschaftliche und persönliche Ausgrenzung zu mildern.

Denn, daran lässt das Gutachten auch keinen Zweifel, die materiellen Ressourcen sind so eng begrenzt, dass viele der Vorschläge, die aus dem befragten Kreis kommen, kaum zu realisieren sind, zumal viele Prozesse der neunziger Jahre nicht mehr umkehrbar sind und das diskutierte Problem - gemessen an denen des Wissenschaftsstandorts Berlin - vergleichsweise marginal erscheint. Die Empfehlungen der Gutachter sind strikt haushaltstechnisch gewichtet. Sie laufen zum einen darauf hinaus, die vorhandenen Ressorcen öffentlich und somit besser nutzbar zu machen, beispielsweise durch den Aufbau entsprechender Datenbanken. Haushaltsinterne Umschichtungen und die Förderung der zweiten Wissenschaftskultur (also etwa der zur Zeit zur Disposition stehenden Leibniz-Societät) sollen die ostspezifschen Kompetenzen sichern. Um beispielsweise die privatwirtschaftlichen sozialwissenschaftlichen Institute zu sichern, wird eine Sockelfinanzierung angeregt.

Ob am Ende nur kostenneutrale, symbolische Sedativa, schmerzstillende Gesten der Anerkennung herauskommen, wird nicht zuletzt von den nicht abreißenden und schärfer werdenen Verteilungskämpfen abhängen. Einmal abgesehen, dass ein Teil nicht das Ganze ist und der Bericht nur über Ost-Berlin referiert, schweigt er über eine Tatsache überhaupt: Ostdeutsche Wissenschaftler hatten vor der Wende eine weitaus größere Chance, eine angemessene Anstellung zu finden als ihr Pendant im Westen, das gilt insbesondere auch für die "mittlere Generation". Der verschwenderische Umgang mit der "Ressource Geist" ist in dieser Republik ein fortdauerndes Ärgernis, oder um es sarkastisch mit Professor Hubert Laitko zu formulieren: "Die Bundesrepublik hat sich als reiches ökonomisch potentes Land geoutet, indem sie aller Welt gezeigt hat, wir können auf alle diese Leute verzichten."


00:00 13.02.2004
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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