Festreden auf die Krise

Gesundheit Umkämpfte Marktanteile, Nachwuchssorgen und ein ­Gesundheitsminister, der in einen großen Fettnapf tritt

Die Glieder tun weh, kein Gefühl in den Fingern und starke Bewegungseinschränkungen. „Das Schlimmste aber“, sagt die Versuchsperson, als sie sich aus dem überdimensionalen Anzug quält, „waren Hören und Sehen. Ich bekam kaum noch etwas mit.“

Die junge Frau kommt gerade von einer Zeitreise in ihre Zukunft zurück: Dank „Max“, dem „modularen Alterssimultionsanzug“, hat sie eine Vorstellung davon bekommen, wie es sein wird, wenn sie 80 Jahre alt ist, die Sinne nachlassen und die arthritischen Gelenke schmerzen. Die Firma, die Max vertreibt, verspricht Herstellern, aber auch Pflegekräften ein neues „Verständnis für die Bedürfnisse älterer Menschen“, so der Werbeprospekt. Entwickelt wurde Max von der TU Chemnitz und Forschungsabteilungen der Autoindustrie.

Dass Medizin und Ökonomie kein Gegensatz sein müssen und der Gesundheitsbereich als wichtiger „Jobmotor“ gilt, gehört zum alljährlich beschworenen Credo der Festreden auf dem Hauptstadtkongress Gesundheit. Die Gesundheitswirtschaft, die sich dort neben den Standesorganisationen der Ärzte, den Krankenhäusern, den Vertretern der Rehabilitation und der Pflege präsentiert, setzte im Jahr 2008 insgesamt 278 Milliarden Euro an Gütern und Dienstleistungen um, das sind über zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Davon gehen 55 Milliarden Euro auf das Konto des so genannten zweiten Gesundheitsmarktes, der nicht über die sozialen Sicherungssysteme finanziert wird. Unabhängig davon, wie Berlin künftig die Krankenversicherung regelt: Es ist ein fetter Markt, um den schwer gekämpft wird.

Veränderte Prioritäten

Der Löwenanteil innerhalb der Gesundheitsindustrie fließt nach wie vor in die Phar­maunternehmen, die zu den Haupt­spon­soren des Kongresses gehören. Allerdings konnte man dieses Jahr im Berliner ICC auch Konzentrationsprozesse oder Schwerpunktverlagerungen studieren. Das Familienunternehmen Zehnacker etwa, Facility-Dienstleister unter anderem für Krankenhäuser und Altenheime, firmiert nun unter dem Namen des französischen Mehrheitseigners Sodexo. Und den Pharma-Riesen Pfizer, hier jahrelang eine dominante Figur, musste man in einem Quergang suchen. Das habe nichts, versichert ein Mitarbeiter am Stand, mit der Geschäftslage zu tun, sondern mit „veränderten Prioritäten“ des Gesamtkonzerns; das meint wohl, dass Unabhängigkeit und Werbebudget von Pfizer Deutschland deutlich beschnitten wurden.

Während der ehemalige Berliner Gesundheitssenator Ulf Fink, Erfinder und Matador des Kongresses, wieder einmal einen Besucherrekord (8.000 Teilnehmer) feierte, waren die Lücken zwischen den Ausstellern nicht zu übersehen. Nicht nur Unternehmen reagierten mit Rückzug auf die Krise, sondern auch der AOK-Bundesverband, der in den vergangenen Jahren zu den Fixsternen gehörte. „Na, mit wem fusionieren denn Sie demnächst, man hört ja so manches läuten in der Branche“, wird eine DAK-Funktionärin in der Kaffeewarteschlange angesprochen. Die macht Small Talk, ohne zu verraten, wie der Latte Macchiato, den sie gleich bestellt, künftig beim „Unternehmen Gesundheit“ gerührt sein wird.

Kapitalgedeckte Unsicherheit

Die DAK gehört zu den geprügelten Krankenkassen, die Anfang des Jahres als erste den Zusatzbeitrag erhoben hatten und denen seither scharenweise die Mitglieder davonlaufen. DAK-Chef Herbert Rebscher ist sichtlich gewillt, zumindest in der Öffentlichkeit offensiv zu reagieren. Man sah und hörte ihn auf etlichen Podien, und er hielt mitunter erstaunliche Botschaften bereit: Was den Versicherten, gab er auf einer zentralen Veranstaltung zur Zukunft der Pflege zu Protokoll, heute als kapitalgedeckte Zusatzversorgung angedient werde, sei alles andere als sicher. „Wir retten heute die deutschen Banken“, sagte er mit Blick auf den Bundestag, wo gerade die historische Abstimmung zur Griechenlandhilfe seinen Gang nahm, „und damit auch das Geld für die Altersversorgung.“

Die turbulente Politikwoche war ein Grund dafür, dass sich die Gesundheitspolitiker, die sich sonst gerne auf dem Hauptstadtkongress sehen lassen, rar machten. Als einziger Spitzenpolitiker schaffte es Gesundheitsminister Philipp Rösler, am vergangenen Mittwoch den Kongress zu eröffnen und Mitveranstalterin Ingrid Völker sinnierte, zumindest Röslers Alter ließe erwarten, dass ihm das so oft zuteil werden könnte wie Ulla Schmidt, die neun Jahre amtierte.

Ginge es nach den vielen Teilnehmern aus der Pflege, würde es wohl bei dieser Premiere bleiben. Denn der Minister, nach dem kabarettistisch gehaltenen Einführungsvortrag von Manfred Lütz bemüht, in freier Rede ähnlich unterhaltsam zu wirken, trat in einen Fettnapf, was ihm viele so schnell nicht verzeihen werden. Er brachte es fertig, in seinen Ausführungen, die den „unfairen Wettbewerb“ im Ärztebereich zum Inhalt hatten, das verhasste „Plansystem Gesundheit“ und die zumindest rhetorisch bekundete „Solidarität“ in der Krankenversicherung, die 800.000 Beschäftigten im Pflegebereich und die Situation der Pflege einfach zu „vergessen“.

"Beim Minister hapert es!"

Es habe auch bei einem seiner Vorgänger, Horst Seehofer nämlich, mokierte sich Marie-Luise Müller auf der anschließenden Pressekonferenz, „Jahre gedauert, bis dieser das Wort ‚Pflege’ erwähnt“ habe. Einen Tag später zeigte sich die Ehrenvorsitzende des Deutschen Pflegerats etwas versöhnlicher, das Thema sei dem Minister einfach „durchgerutscht“. Quittiert wurde das von bitterbösen Heiterkeitsbekundungen im Saal. Auf welcher Veranstaltung des Pflegekongresses, der im Rahmen des Hauptstadtevents stattfindet, man sich auch tummelte, der Fauxpas des Ministers war auf den Podien und im Publikum allgegenwärtig. „Beim Minister hapert es!“, fasste Bernd Meurer vom Bundesverband privater Pflegeanbieter den allgemeinen Unmut zusammen.

2,5 Milliarden Euro setzt die Pflegebranche alljährlich um. Grund genug, Selbstbewusstsein zu entwickeln, zumal der Markt expandiert, und vor allem von hier aus der viel berufene „Jobmotor“ ausgeht. Die Arbeit der 800.000 Beschäftigten müsste in zehn bis 20 Jahren von 1,3 Millionen erledigt werden, um die Pflege halbwegs auf dem heutigen Standard zu halten; den Ausfall bei den 1,5 Millionen Familienangehörigen, die heute das Gros der häuslichen Pflege stemmen, gar nicht eingerechnet. Das würde bedeuten, dass in zehn Jahren jeder dritte Schulabgänger in die Pflege geht; angesichts der absehbaren Konkurrenz mit attraktiveren Berufen eine Illusion, prophezeite Meurer. Wann endlich, fragte Rolf Höfert vom Bundesverband Deutscher Pflegeberufe, werde die Kanzlerin endlich einen „nationalen Plan für die Pflege“ verkünden?

Mehr noch als in früheren Jahren beherrschten Nachwuchssorgen den Kongress, nicht nur im Pflegebereich, sondern auch bei den Ärzten. Die Modernisierung von Berufsbildern, die sektorenübergreifende Organisation der Arbeit, Personalbeschaffung und Qualifizierung waren nur einige der Stichworte. Die Bundesärztekammer will den vor Jahrzehnten zu Grabe getragenen „Gesundheitsrat“ reanimieren, um Prioritätenkataloge für die Gesundheitsversorgung durchzusetzen. Auf dem anstehenden Ärztetag in Dresden wird diese von Ärztechef Wolf-Dietrich Hoppe propagierte Form der Versorgungssteuerung wieder einmal ein Medienthema sein. Jens Spahn, ambitionierter Union-Youngster im Bereich Gesundheit und gerne mit Geschichten über seine sieche Oma unterwegs, hält dagegen überhaupt nichts von der „Auslagerung der Verteilungsverantwortung in eine Rätestruktur“.

Jeder ist sich selbst der Nächste

Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery, wiederum, der gerade wieder einmal mit einem Ärzte-Ausstand droht, hat sich auf die Seite der privilegierten Arbeitnehmer geschlagen. Dass „Gesundheit keine Ware“ sei, wickelt er seine eigene politische Entwicklung ab, gehöre zu den erledigten „Kampfparolen der Vergangenheit“. In der heutigen „Unternehmenskultur Gesundheit“ gelte es, den Kampf gegen den „unfairen Wettbewerb“, von dem Rösler rede, zu führen. Eine „unfaire Konkurrenz“ sind in seinen Augen die konfessionellen Einrichtungen, die sich der Tarifpolitik des Marburger Bundes entziehen.

In der Krise ist jeder sich selbst der Nächste. Die kommenden Monate werden diese Binsenweisheit erhärten. Der Hauptstadtkongress ist traditionell sehr national und berufspolitisch orientiert, was außerhalb existiert, wird nur als Ressourcenquelle, etwa in Form des Arbeitskräfteimports, wahrgenommen. Eine seltene Bereicherung sind deshalb Veranstaltungen, wo es um die gerechte Verteilung von Gesundheit geht, um eine globale Perspektive, die nur Wenige interessiert. Man kann Kritik haben am Health Impact Fund, der Anreize geben soll, Medikamente billiger an die armen Länder abzugeben. Man muss auch nicht alles richtig finden, was die Grameen Bank fördert. Und natürlich haben Pharmakonzerne wie Sanofi Aventis eigene Interessen, wenn sie derlei Veranstaltungen ausrichten. Doch es ist auch deren Verdienst, dass auf diesem Berliner Kongress überhaupt einmal thematisiert wird, dass 50 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung haben und ein Drittel aller Todesfälle in den Entwicklungsländern armutsbedingt ist.

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Ihre Freitag-Redaktion

09:30 13.05.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 39/2020

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