Guck-ins-Land

BERLINER ABENDE "Oh, you come from Berlin?" Hundert Meter schwebend über der Erde leuchtende Augen wie sie mir schon tags zuvor entgegenblitzten, als mir der blinde ...

"Oh, you come from Berlin?" Hundert Meter schwebend über der Erde leuchtende Augen wie sie mir schon tags zuvor entgegenblitzten, als mir der blinde Bekannte meiner Mutter von der Berliner Luft vorschwärmte und dass er Berlin so gerne einmal sehen würde. Wobei mir die Inkonsistenz dieser Aussage mehr auffiel als ihm, dem es nur um das Dortsein zu tun war. Nachdem ich erschöpfend über die nicht mehr existente Mauer, den Ku´damm und die Russenmafia Auskunft gegeben habe, wendet sich das Gespräch dem "wonderful black forrest" zu, der in neuverschneiter Schönheit unter uns liegt. Amerikaner lieben eben nicht nur das Heidelberger Schloss und das Münchener Hofbräuhaus, sondern sie verbinden diese Route gerne mit einem Abstecher in den Schwarzwald. Diese Vorliebe tun sie kund mit zünftigen Wanderstöcken, die sie mit Stickern vom Hirschsprung und eben der Schwebebahn auf den Schauinsland - volkstümlich auch "Guck-ins-Land" - zieren.

Wahrscheinlich bin ich als Kind zum letzten Mal hier heraufgeschwebt, was wörtlich zu nehmen ist, denn die Gondel gleitet unmerklich durch die milchig-sonnige Luft, einmal nur heftig unterbrochen vom unsanften Aufsetzen auf der Reparaturstation Holzschlägermatten. Meistens jedoch hieß es damals die steilen und für uns Kinder beschwerlichen Serpentinen zu Fuß zu erklimmen, oft in brütender Hitze und nur animiert vom Versprechen der Erwachsenen, bald, bald, hinter der nächsten Kurve, angekommen zu sein. Was sich regelmäßig als gemeine Täuschung erwies und uns beibrachte, Erwachsenen auf keinen Fall zu trauen.

Damals fanden auch noch die berühmten Schauinsland-Rennen statt. Die parallel zum Wanderweg verlaufende Serpentinen-Straße bietet Selbstmord-Kandidaten günstige Gelegenheiten. Im Zuge der frühzeitigen Ökologisierung Freiburgs wurden die Rennen wegen ihrer Vergewaltigung von Mensch und Umwelt irgendwann verboten, doch das Unternehmen soll, wie ich höre, wiederbelebt werden als Kitzel für den schnelllebigen Zeitgeist.

Irgendwie spiele die Natur verrückt in diesem Jahr, erklärt meine Schwester, die in diesem ungewöhnlich warmen südbadischen Winter missmutig auf ihrer neuen Ski-Ausrüstung sitzen blieb. Die vierzig Zentimeter Neuschnee, die uns nun Ende April auf dem Schauinsland-Gipfel erwarten, mobilisieren sämtliche Sprüche aus dem hierorts beliebten hundertjährigen Bauernkalender und die Unkenrufe der Großstädter über Klimakatastrophe, neue Eiszeit, respektive Erderwärmung. Die weiten Flurschäden, die der stürmische "Lothar" angerichtet hat, sind noch überall zu sehen.

Auf dem Fußpfad zum Engländer-Denkmal ziehen löchrige Erinnerungen von instabilen Baumhütten, Versteckspielen und blutigen Knien vorbei. Gruselig war es, wenn wir, statt wie sonst nach oben, in der heraufziehenden Dämmerung ins Tal nach Hofsgrund stiegen, von den Waldgeistern verfolgt und getrieben. Bei einem dieser Abstiege ging ein Kind verloren im Wald, der nicht zu Unrecht der schwarze genannt wird und auch den Großen manchmal das Fürchten lehrte. Der Knabe fand sich, nach langem Suchen und Rufen, schließlich auf einem der vielen Hochsitze, zusammengekauert und fest entschlossen, dieses "Baumhaus" nicht aufzugeben.

"WännSe noch ä Schobbe ha", erinnerte mich am Abend vorher eine gestandene Wirtin im Elztal an urtümliche Laute. Der Nachfrage gab ich gerne statt, nicht nur weil meine Wildplatte, die in Berlin gut für drei Portionen ausgegeben worden wäre, Begleitung forderte, sondern weil es sich bei diesem "Schobbe" um ein besonders feines Tröpfchen handelte. Obwohl man hier allerorten vom Fremdenverkehr lebt und höchstens am Rande noch von der Holzwirtschaft, gibt es noch diese kulinarischen Geheimtipps, die sich wie andernorts auch dadurch auszeichnen, dass pünktlich um acht die Einheimischen einreiten, sich an die angestammten Tische setzen und in schwerem Alemannisch, wie man es nur im Südschwarzwald spricht, die Zeitläufte kommentieren.

Später, auf der Rückfahrt, sehe ich von der Straßenbahn aus, dass auf dem idyllisch gelegenen ehemaligen Gelände des Südwestfunks in Günterstal eine zweite Wonnhalde gebaut wird; vom gleichnamigen angestammten Villenviertel unterscheidet sie sich durch ausgesuchte Hässlichkeit. "Schande" steht fett auf dem Schild des Bauträgers. Ganz scheint die subversive Energie der Stadt noch nicht verbraucht.

"SC Friburg führt fünf null", begrüßt am Sonntagabend der Bahnschaffner mit launig langgezogenem I seine IC-Gäste. Die Fahrkartenkontrolle interessiert ihn nur peripher. Früher war es der Jubel über den FC, der vom Mösle-Stadion herüber in die Wiehre dröhnte. So sind es halt doch nur die Initialen, die die eine Zeit von der anderen trennen.

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00:00 27.04.2001

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