Knoten im Überlebensseil

Experimentierfeld Die irakische Schriftstellerin Alia Mamduch legt mit "Die Leidenschaft" den Schluss einer autobiografischen Trilogie vor

Reportagen aus dem heutigen Bagdad, dem dieser Tage sogar die Journalisten den Rücken zudrehen, weil es zu gefährlich ist, als Ausländer dort zu arbeiten, haben etwas Beklemmendes. Ins Bild der Weltöffentlichkeit rücken die Selbstmordattentäter, die Entführer und ihre Opfer und die angstentleerten Straßen. Die prächtigen Bauten, soweit sie die Kriege überstanden haben, wirken verwaist, Erinnerung an eine blühende Stadt, die vormals Daressalam hieß und als Wiege der Kultur galt.

Erinnerungsbilder an Städte sind auch die ständigen Begleiter von Emigranten, gleichgültig ob sie aus Bagdad kommen, aus Beirut oder ganz woanders her. Wer vertrieben wird, bleibt auf diesen Bildschatz zurückgeworfen und auf eine vermittelbare Geschichte, die sich verändert, je nachdem, von wem sie erzählt wird. Für die 1944 in Bagdad geborene Schriftstellerin Alia Mamduch sind diese verdichteten Erinnerungsorte Knoten im Überlebensseil: "Wir müssen Orte erfinden, Ersatz für den entstellten Ursprung", lässt sie die Erzählerin in Die Leidenschaft sagen. In Mamduchs autobiografisch unterlegten Romanen ist Bagdad ein solcher Knoten, Beirut, wo sie viele Jahre gelebt hat, und selbst das marokkanische Rabat, Station vor ihrer endgültigen Niederlassung in Paris.

Während die bereits im Deutschen vorliegenden Romane Die Mottenkugeln (1998) und Das Sklavenmädchen den Irak als Handlungsort unmittelbar aufrufen, führt Mamduch ihr teilweise daraus übernommenes Personal - zwei Männer und zwei Frauen aus zwei Generationen - in Die Leidenschaft exterritorial und in einer huis-clos-Situation zusammen. Der alternde, kranke Mussaab, seine (zweite) Noch-Ehefrau Huda und ihr Sohn Mâsin sowie Mussaabs gegenwärtige, vierte Ehefrau, die 27-jährige Widâd, verbringen ein paar Wochen in einem Waliser Landhaus, um Mâsin, der in Cardiff studiert, zu besuchen. Es ist die Zeit unmittelbar nach dem zweiten Golfkrieg 1991/92. Doch der reale Krieg bildet nur den schemenhaften Hintergrund eines uneingestandenen Krieges, der sich zwischen den vier Figuren abspielt.

Erzählt wird die Erinnerungsgeschichte aus der jeweiligen Perspektive der Akteure: Huda, die Schmerzensfrau, übernimmt nach außen hin die Hauptrolle, während Mussaab als Familienpatriarch und Objekt der Zuwendung beider Frauen eher randständig bleibt. Alle vier sind eingesponnen in die extreme, nicht lebbare und dennoch nicht enden wollende Leidenschaft zwischen Mussaab und Huda.

Der schöne, reiche und einflussreiche Revolutionär Mussaab hatte die unscheinbare, widerständige und widersprüchliche Huda als junges Mädchen kennengelernt, dem Zugriff der Familie entwunden und gegen den Willen der Parteifreunde geheiratet. Der arabischen Sache nicht nur politisch, sondern auch mental verbunden, versucht er Huda zur unterwürfigen Gattin zu machen, während er sich als Mann alle Freiheiten nimmt. Doch es gelingt ihm nie. Huda ist anders, leidenschaftlich, besessen von ihm, aber auch besessen von ihrer schönen Freundin Sabiha, die sich Mussaab ebenfalls "nimmt", besessen von ihrer Körperlichkeit und intellektuellen Freiheit: Huda eignet sich nicht zur "Wartefrau".

Die Ehe wird zum unablässigen Schlachtfeld, auf dem Mâsin, der Sohn, hin- und hergerissen wird. Selbst als Huda und Mussaab sich trennen, kämpfen sie weiter: "Huda und ich", sagt Mussaab einmal, "sind wie eine reguläre Armee. Ob siegreich oder geschlagen, sie wird in die Kasernen zurückkehren, danach beginnt von neuem das Exerzieren." Geprägt von der Erinnerungslast ihres Landes, von den politischen Irrwegen und der Aussichtslosigkeit, die arabische Einheit herzustellen, ist das Paar gefangen und verbunden in seiner Angst. Sie bilden eine von außen nicht zu bezwingende Einheit.

Das Gegenstück zu Huda ist Widâd, die hübsche, angepasste, devote Gattin, die Frau mit der Maske, die "keinen Mucks von sich" gibt, sich zwischen den fremden Menschen "fehl am Platz" fühlt und dennoch am "liebsten wild um sich" ballern würde, "damit wenigstens die Mauern ein paar Einschusslöcher von mir haben". Sie tut es nicht, kämpft gegen ihre Eifersucht und auf ihre sanfte Weise um Mussaab und die Zuneigung Hudas. Beide zusammengebracht zu haben auf einem Experimentierfeld der Seelen, ist das letzte große Spiel Mussaabs mit den Frauen: "Ich schütte die Reagenzien in mein Glas, vermenge sie und lasse sie aufeinander wirken, bis Flammen, Rauch und Seufzer aufsteigen ... ich gieße ihre Extrakte zusammen, schließe sie beide in meine Arme und erhebe mein Glas."

Mâsin, der seine Mutter bewundert und ihr dennoch nie wirklich nahe kommt, der seinen Vater liebt und verachtet zugleich, beobachtet dieses Kammerstück, in dem der eine den anderen steuert, mit gemischten Gefühlen. Der "irakische Vogel" ist weggeflogen aus dem Orient in die Welt des Westens und der aufgeklärten Rationalität, er glaubt an nichts als die (technische) Wissenschaft - und bleibt doch Poet seiner Heimat. Zerrissen zwischen den Welten und ihren Sprachen, erlebt er nach dem Golfkrieg das Misstrauen und den Hass seiner englischen Umgebung, an die er sich verzweifelt anzupassen versuchte und die ihn jetzt ausstößt.

Der klaustrophobische Landhaus-Aufenthalt mündet entgegen aller kriegerischen Logik in einem Patt - alle überleben, doch keiner siegt: "Die beiden", erkennt Widâd resignierend, "müssen zusammenbleiben, damit ich bleiben kann." Zurück bleibt Mâsin in der Rolle des Chronisten, der die komplizierten Erzählfäden der vier Kombattanten aufnehmen und zusammenführen muss. Das Bild, das sich aus den monologischen Rück- und Selbstschauen fügt, ist widersprüchlich. Das arabische Sittenbild changiert zwischen beengender Tradition und radikalem Aufbruch, nicht nur der Frauen, sondern der jüngeren Generation überhaupt; es erzählt von enttäuschten Hoffnungen und Verlusten, von körperlichen und politischen Identitätswirren, von Stolz und Verletzung, Leidenschaft und Hoffnung.

Wenn es der Autorin auch nicht gelingt, den einzelnen Figuren einen unverwechselbaren Ton in den Mund zu legen und sich ihr Bewusstseinsstrom unterschiedslos in den Erzählfluss ergießt, so ist Mamduchs Sprache doch von berückendem (von Regina Karachouli sensibel übertragenem) Bilderreichtum: Die Natur oder die alltäglichen Verrichtungen werden zu Zeugen der jeweiligen Befindlichkeiten. So gewöhnungsbedürftig arabischen Augen die von Mamduch vorgeführte Körperlichkeit erscheinen mag, so fremd (geworden) ist den europäischen eine überbordende Naturmetaphorik, in der sich das Seelenleben der Figuren spiegelt. Der Roman besticht nicht so sehr durch sein (frauenpolitisches) Engagement, als durch jene Stellen, wo diese Fremdheit in Spannung und produktiven Austausch gebracht wird.

Alia Mamduch: Die Leidenschaft. Roman. Übersetzt von Regina Karachouli. Lenos, Zürich 2004, 280 S., 22, 50 EUR


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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 08.10.2004
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 15/2021

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