La Femme, l´Ukraine, n´existe pas

Ungefiltert Oksana Sabuschko unternimmt "Feldstudien über ukrainischen Sex"

La Femme n´existe pas. Wieviel feminstischer Wirbel einmal um diese apodiktische Ansage kreiste! Nicht Norm und auch nicht ihr Gegenteil, das Andere, Ergänzende, sondern einfach: Nicht existent. Auf welche Höhen jedoch steigert sich das Genderdrama, wenn die Frau ohne Existenzlizenz aus einem Land stammt, das ebenfalls "nicht existiert"? Der Ukraine zum Beispiel, vor zehn Jahren noch ohne feste Kontur, aufgelöst und ausgelöscht im (noch existierenden) sowjetischen Großreich. Welche Auswirkungen - wir könnten, um in der Theorie zu bleiben, auch sagen: "Effekte" - hat es auf die Binnenbeziehungen, wenn "man als Frau geboren wird (noch dazu in der Ukraine) mit dieser verdammten Abhängigkeit"?

Oksana Sabuschko hat einen Feldversuch unternommen, eine Studie sozusagen am eigenen Leib. Weit weg von ihrer Heimat, die dabei die Hauptrolle spielt, referiert eine gebildete Frau, Lyrikerin und Ethnologin in eigener Sache vor einem fiktiven akademischem Auditorium über ein Land, das "von niemandem wahrgenommen" wird und von Menschen, denen die Urheberschaft an der eigenen Geschichte verweigert wurde. Mitte der neunziger Jahre, lange vor der "Orangenen Revolution", war das, was Sabuschko zu Protokoll gibt, eine politische Provokation; weshalb Feldstudien über ukrainischen Sex - den Titel verantwortet kein auflagegieriger Verlag, sondern die Autorin - in der Ukraine nur als Untergrundtext kursieren konnte.

Kurz vor ihrem geplanten Selbstmord blickt die Protagonistin, Oksana, zurück (um biographische Verschleierung ist es Sabuschko offenbar nicht zu tun). Wie konnte ihr, der mit "Müh und Not" etablierten Persönlichkeit, die ihr Geschlecht "wie von Zauberhand hatte verschwinden lassen", das passieren? Einer bekannten und gefeierten Dichterin, die ihre Sprache mit sich führt "wie ein bewegliches Haus" und die mit ihren Gedichten "öffentlich Orgiasmen" auslöst? Die als "professionelle Ukrainierin" Anwältin eines Landes ist, das gar nicht existiert: Where are you come from? Ukraine. Where is that?

Alles beginnt während einer Lesung in ihrer Heimat, als sie ihn trifft. ER, dessen Namen Mykola irgendwo einmal auftaucht, ist anders: ein Künstler wie sie, der in einem vernachlässigten Atelier lebt, einer, der auf der gleichen Klaviatur zu spielen versteht: "Es war die Sprache, die den Weg eures gegenseitigen Näherkommens jäh verkürzt hatte", der "erste Mann aus deiner Welt", ein "Seelenverwandter". Und ein Siegertyp, einer, der nach eigenen Regeln spielte und das in der Ukraine. Sie plant mit ihm den Ausbruch aus den "gewohnten Bahnen, aus jenem Jahrhunderte währenden Schicksal, nicht zu existieren".

Doch was wie ein Roman beginnt, dieser "Fall von Verliebtheit", entpuppt sich nach und nach als Irrtum. Schon früh spürt die Erzählerin, dass er ihr weh tun wird, psychisch und auch ganz primitiv physisch. Während ihr der Kopf sagt, dass die Beziehung in einer Katastrophe enden wird, rebelliert ihr Körper. Seine sexuelle Dominanz verschafft ihr keine Befriedigung, er neigt zu unkontrollierten Ausbrüchen, fährt sein Auto zu Schrott, steckt das Haus in Brand, entzieht sich ihr auf alle nur denkbare Weise. Ein Gefangener seines Künstler-Ichs, unglücklich und aggressiv, ein Junge, den zu befreien, "zu retten" sich die Frau vorgenommen hat. Doch sein Verhalten "war von Anfang an auf Zerstörung ausgerichtet". Als Oksana als Gast in die USA eingeladen wird und den Mann nach vielen Hindernissen nachholen will, damit er sich im Westen als Künstler durchsetzen kann, scheitert die Beziehung: "Heil zu machen ist nicht dein Metier."

All dies rekapituliert die verzweifelt am Tisch in ihrem student dorm hockende Frau keineswegs chronologisch, immer sind es nur Fetzen, Stückwerk, das vom Leser mühsam erschlossen, zu einer kohärenten Geschichte zusammengesetzt werden muss. Ganz in der Tradition des feministischen consciousness raising, des exorzistischen Selbsterfahrungs- und Selbstdeutungsmarathons, monologisiert Oksana seitenlang ohne Punkt und Absatz, changierend zwischen Erzählperspektiven und immer wieder unterbrochen von kommentierenden Gedichten. Der auf diese Weise zusammenfließende Erinnerungsstrom ergießt sich, scheinbar ungefiltert und ungeordnet, mit einer Gewalt, die fordert und strapaziert.

Ethnologisch sind diese "Feldstudien" nicht nur im Hinblick auf das Erzählsujet. Auch die Westfeministin begegnet da einer Vergangenheit, die ihr heute fremd, ein bisschen bizarr erscheint: Ja, das kennen wir. Diese erlösungssüchtigen Frauen. Und diese sich der Erlösung entziehenden Männer, gewaltsame Zerstörer allesamt. Wir, die Gefangenen unserer Körper, irr-sinnig Liebende, Geißeln allesamt. Und am Ende bleiben nichts weiter als "Minilieben, Liebesmäuschen". Ein bisschen peinlich. Das haben wir doch längst hinter uns.

Bliebe es bei Sabuschko dabei, könnte man das Ganze unter "nachgeholte Entwicklung" verbuchen. Doch die Brisanz der privaten Geschichte enthüllt sich erst vor dem Hintergrund des nationalen Schicksals. In der Demütigung der Frau wiederholt sich das Geschick des Landes, die Unterdrückung durch die Russen, die Nichtwahrnehmung durch den Westen. Zwischen Polen, Russland und Österreich aufgerieben, die Sprache verkümmert, die Menschen versklavt. U-Kraina, am Rande Europas. L´Ukraine, n´existe pas.

Doch wie zwischen Oksana und Mykola ist auch zwischen den Ukrainern die Sprache das gemeinsame Verbindungsglied. "Festgezurrt an der Leine der Sprache, die niemand kennt", weiß Oksana im amerikanischen Exil, "werde ich zurückkehren, werde angekrochen kommen, um meinen letzten Atemzug dort zu machen, wie eine verwundete Hündin". Obgleich der Verrat an der Sprache - der aus der Ukraine stammende Gogol, der russisch schrieb, damit sein Vorbild Puschkin ihn lesen konnte - oft überlebenswichtig ist, fühlt sich die Dichterin gerade jenen "verstümmelten Schicksalen" verpflichtet, die auf russisch, polnisch oder gar deutsch hätten schreiben können und ihr Leben stattdessen "wie Brennholz auf den abgefackelten Scheiterhaufen der ukrainischen Sprache" vergeudet haben.

Dagegen sieht sich die selbstbewusste Autorin, promovierte Philosophin und Spross einer ukrainischen Dissidentenfamilie, heute als "Botschafterin" ihres Landes. Ihre Hymnen auf die Sprache und die Literatur werden relativiert durch ihre Skepsis gegenüber dem aufgezeichneten Leben: Der "Großteil des erzählten Lebens verstaubt in Form von nicht mehr gefragten Blättern". Das Schreiben gegen den Tod - im Roman wortwörtlich genommen -, ist eine bloß "verschrumpelte Hoffnung", Zeitgewinn.

Hätte sich die Autorin auf ihren lyrischen Instinkt verlassen und es bei den schicksalhaften Parallelen belassen, wäre ein rundum interessantes Stück "erzähltes Leben" herausgekommen, das überzeugt, weil die Opfer - die Frau und das Land - in ironische Distanz gerückt werden. Um zu sagen, was zu sagen ist, hätte es am Ende auch keiner modischen Missbrauchsgeschichte bedurft. Und schon gar keiner politischen Deklarationen, die davon handeln, dass ukrainische Männer ihre Frauen nur deshalb "durchvögeln", weil sie selbst "nach Strich und Faden durchgefickt" wurden, und diese Männer nicht anzunehmen, bedeutet hätte, sich auf "die Seite der anderen" zu schlagen. Wer spricht? Und wem soll da Absolution erteilt werden? Das, sollte man meinen, haben wir doch hinter uns.

Oksana Sabuschko: Feldstudien über ukrainischen Sex. Aus dem Ukrainischen von Marina Lebihiat-Müller, Heidemarie Müller-Riedlhuber, Claudia Szankowski und Larissa Zach. Droschl. Wien 2006, 173 S., 19 EUR


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00:00 17.03.2006

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