Mensch oder Arschloch

Ohne Notausgang In Dorota Maslowskas Debütroman "Schneeweiß und Russenrot" ergießt sich das Elend der postkommunistischen Periode in Polen

Erzählt ist die Geschichte schnell, jedenfalls aus Andrzejs Mund: "Ich habe mein Mädel verlassen, hab mich in Raubüberfälle reinziehen lassen, heftigen Zoff mit den Bullen, denn im Innersten meiner Seele habe ich mir zuhause russische Paneelen gelegt, und mein Bruderherz dealt Mollies, ganz zu schweigen von meiner Mutter, die unter uns gesagt krumme Dinger mit importierten Kacheln dreht." Naja, das mit dem Mädel, das Magda heißt, liegt eher umgekehrt, aber so genau kann man es in einem Land, wo der "polnisch-russische Krieg" tobt und jeder, der etwas auf sich hält, rot-weiß bekennen muss, auch nicht nehmen, zumal, wenn einem der Kopf zugedröhnt ist vom Orange und die Mädchen auf dem mütterlichen Schlafsofa schneller wechseln als die Amplituden eines guten Trips.

Pikant nur, dass Andrzej, auch "der Starke" genannt, diese Geschichte, ganz am Ende, Dorota erzählt, der im Bullenkostüm agierenden Erzählerin, die eigentlich das Abitur machen wollte, aber, ja!, wegen Religion, mündlich, durchgefallen ist, was eben auch nur in einem Land wie Polen passieren kann, und die nun zu all den Losern gehört, die auf einer heruntergekommenen Wache, in Discos, auf dem Rummel Russenfrei oder eben auf dem besagten Sofa überwintern, als Provisorium, wie sie sich gegenseitig versichern. Die echte Dorota, wird kolportiert, hat sich beim Abitur immerhin so gelangweilt, dass sie sich nebenbei die Zeit mit fremden Schicksalen vertrieben, und, statt infinitesimal Karriereaussichten zu berechnen, Andrzejs "schlechten Stoff" in ein erstaunliches Debüt umgemünzt hat - auch wenn es einem nicht gerade leicht fällt, den "verkackten" Monologen zu folgen.

Wäre Magda nicht mit Irek in die Stadt gefahren und hätte es Arleta überlassen, dem Starken zu sagen, dass es aus sei zwischen ihnen und demnächst überhaupt der polnisch-russische Krieg drohe, vielleicht wäre Angela dann nicht jungfräulich auf seiner Couch gelandet und hätte sie nicht eingesaut, und Andrzej hätte nicht so viel Speed einwerfen müssen, weil er Horror vor Rot hat, dem von Angela und dem der Russen, und vielleicht wäre dann auch Natascha nicht vorbeigekommen wie "eine Einmannkommission zur Aufklärung des hier stattgefundenen Kriegsverbrechens", und dann wäre er auch nicht darauf gekommen, dass das, was man "euphemistisch Frauen nennt, eigentlich Russen" sind. Denn, daran besteht kein Zweifel, in Polen sind die Russen an allem schuld, an "Unglück, Pest, Trockenheit, Missernte, Unzucht" und an der blutversauten Polsterung allemal. Denn "entweder man ist polnisch oder russisch. Mit Schmackes gesagt, entweder man ist Mensch oder ein Arschloch."

Das Speed macht, dass Andrzej durchblickt durch die Welt von Polen und Russen, die "verpisste" Globalisierung mit ihren McDonalds und Typen wie Zdzislaw Sztorm, die "uns Bürger in die Bordelle des Westens, an die Bundeswehr für Organspenden, als Sklaven" verhökern und das Land ausverkaufen und wogegen nur was irgendwie Anarchistisches hilft, das er, der Starke, gerne anführen würde, wäre da nicht Schorsch, der in seiner Hose ein prinzipielles Eigenleben führt, vorwitzig oder mit "Vorhautflattern", und den "endgültigen Triumph der Linken" gleich wieder zunichte machte.

Dabei wäre er ja gerne ein bisschen kultiviert, das merkt man an den sorgfältig gesetzten Worten, die Andrzej mit sich führt, und ihn "zur Interaktion geneigt" sein lassen oder auch nicht. Zum Beispiel bei Ala, die "mit Brille schläft, um ihre Träume besser zu erkennen", und bei der "von Fortpflanzung keine Rede" sein kann und Andrzej, ganz Kavalier, trotzdem bemüht ist, "daß sie diese Emigration von mir nicht zu sehr beleidigt." Nein, Andrzej ist wirklich kein Falscher, keiner wie der Linke oder Kacper, der ihm Magda wegschnappt und Ala überlässt. Sie quasseln ohne Ende, Andrzej und seine Kumpel und vor allem die Mädchen, ein sich überstürzender Monolog, der raus muss aus dem verquollenen Hirn und sich auf den Leser ergießt, eine Wortkotze ohnegleichen, syntaktisch hemmungslos und mit schwach verankerten Sinngeländern.

Gerade dieser Redestrom, die fäkalen Auswürfe und sprunghaft-paranoiden Ausstülpungen eines obdachlosen Bewusstseins lassen Kritiker den Roman als "neuen Salinger" bejubeln. Und in der Tat blitzt aus dem Urschleim dieses Kriegs der Gefühle gelegentlich ein Rohedelstein: "Arleta hausiert mit ihrem Gelächter. Ein Dokumentenvernichter, was immer du zu Arleta sagst, du kriegst es kurz darauf in Form von Gelächter zurück, in Form von Fetzen, Papierschnipseln, Abfall, Konfetti ..." Dieser expressive, keiner Konvention verpflichtete Slang, von Olaf Kühn in ein eigenwilliges Deutsch übertragen, ist anstrengend und bisweilen ziemlich enervierend, aber von suggestiver Kraft, hammerhart und ohne Notausgang.

Das Genrebild jedoch, das die junge Autorin von ihrer Generation zeichnet, ist alles andere als ermutigend. Im korrupten Milieu der postkommunistischen Gesellschaft ist diesen Jugendlichen alles abhanden gekommen, außer der Stoff und die Wut. Aus den Bruchstücken des Bildungsmülls fällt Andrzej nur noch ein, dass der "senkrechte Strich Y für Stinkwut steht, und der waagerechte Strich X für die abgelaufene Zeit. Eine aufsteigende Funktion. Jetzt, in Bezug auf die aktuelle Zeit, ist der Wutpegel sehr hoch." In Polen richtet er sich - noch - auf die Russen, die an allem schuld sein sollen. Doch "wie evoluiert ist eine kollektive Halluzination in Bezug auf Kämpfe mit einem imaginierten Feind?" Diese Frage lässt sich nicht lösen wie eine Abituraufgabe, und Pflichtlektüren helfen nicht weiter. Wenn sich der Starke am Ende, als der Krieg mit Russen schon wieder beigelegt ist, ganz schwach wiederfindet, am Kleiderbügel in den Schrank gehängt, dann ist mit dem Bild nicht nur Kulturgut aufgerufen, sondern existentielle Not deklamiert. Übrig bleibt, was Maslowska nicht vorliest, "die Fragen nach Sachen, die in der ganzen Geschichte jeweils nicht vorkommen, weil der Autor sie vergessen hat und der Leser jetzt die leeren nummerierten Felder ausfüllen muß."

Dorota Maslowska
Schneeweiß und Russenrot
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Kiepenheuer und Witsch, Köln 2004
239 Seiten
EUR 7,90
ISBN 3-462-03376-X

Dorota Maslowska, geboren 1982, schrieb diesen Roman im Alter von 18 Jahren. Er wird in Polen als literarische Sensation gefeiert. Sie erhielt dafür den renommierten Polityka-Preis sowie den Nike-Preis. Dorota Maslowska studiert in Lublin.
00:00 26.03.2004
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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