Na, dann gute Nacht

Schlafforschung Die Schlafforschung fristet in Deutsch­land bislang ein Schattendasein. Dabei hat sie das Potenzial zu einer fachübergreifenden Wohlfühlwissenschaft

Die blaue Blume, die der Minnesänger Heinrich von Ofterdingen in Novalis’ gleichnamigem Phantasieroman im Traum erblickt, stiftete einer ganzen Epoche das Symbol. In der Nacht, im Schlaf und im Traum loteten die romantischen Dichterfürsten die Abgründe des Tages und des Seelischen aus, der Licht abgewandte Teil des Tages brachte all das Dämonische und Unbewusste an die Oberfläche, das die Aufklärung gerade so erfolgreich von der Tagesbühne verbannt hatte. Natürlich ahnten Novalis, Ludwig Tieck oder E. T. A. Hoffmann noch nichts vom traumumflorten so genannten REM-Schlaf, aber der unter Tage arbeitende Bergbauinspektor oder der grundsätzlich nur in den Nachtstunden schreibende „Gespenster-Hoffmann“ wussten um die entgrenzenden Dimensionen des Traumes und die bewusstseinserweiternden Möglichkeiten des Schlafes, sodass sie ihre Sensationen der Nacht sogar in eine eigene Form, die Novelle, gossen.

Notwendiges Übel

Die logozentrische und leistungsorientierte Bürgergesellschaft hat mit den Nachtstücken der Romantiker wenig anfangen können, und so blieben der Schlaf und seine Ereignisse entweder arbeitsscheuen Künstlern oder den ihnen erzähltheoretisch durchaus verwandten analytisch gestimmten Therapeuten vorbehalten. Soweit der Schlaf überhaupt ins Zentrum wissenschaftlicher Aufmerksamkeit rückte, dann in seiner dienenden Rolle für den Tag, als leistungserhaltender Zustand, der in seiner Ausdehnung möglichst gering gehalten werden soll. Schlaf gilt, zumindest in den westlichen Industriegesellschaften, als ein eher notwendiges Übel, das uns in unseren Aktivitäten hemmt, und als irgendwie gefährlich, weil man im Schlaf die Kontrolle über sich selbst verliert. Das berühmte Mittagstief mitten in einer wichtigen Besprechung oder der folgenreiche Sekundenschlaf am Steuer sind die unangenehmen Begleiterscheinungen unserer „inneren Uhr“ und eines über den Tag hin aufgebauten Schlafdruckes, denen wir mit Aufputschmitteln aller Art Paroli zu bieten versuchen.

Angesichts des schlechten Images des Schlafes erstaunt es nicht, dass die Schlafforschung und -medizin ein akademisches Schattendasein fristet. Aufgerufen sind Schlafforscher höchstens zwei Mal jährlich, wenn sie die Auswirkungen der Zeitumstellung erklären sollen. Dabei ist der Schlaf, so der Berliner Schlafmediziner Thomas Penzel im Rahmen einer internationalen Tagung der Daimler-Benz-Stiftung, viel mehr als eine erzwungene Ruhephase: Er dient der physischen und psychischen Erholung, beeinflusst das Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit, er reguliert darüber hinaus unseren Hormonhaushalt und beeinflusst sogar unser Immunsystem. Ein lang anhaltendes Schlafdefizit macht krank, und völliger Schlafentzug führt zum Tod.

Doch was überhaupt bedeutet der Zustand, wenn wir uns allabendlich ins Bett legen, die Augen zuklappen und, wenn alles gut geht, Minuten später wegdriften? Seitdem die Erfindung des Elektroenzephalogramms (EEG) im Jahre 1929 die Messung unseres Schlafes zulässt, ist nachweisbar, dass sich gesunder Schlaf in mehrere Schlafphasen unterteilt: Wir gleiten vom Leicht- in den Tiefschlaf und steigen aus dieser Non-REM-Phase in die von Träumen begleitete REM-Phase (Rapid Eye Movement) auf, die durch die lebhafte Bewegung der Augfäpfel bei geschlossenen Lidern gekennzeichnet ist. Dieser circa 90-minütige Rhythmus wiederholt sich nächtlich mehrmals, bei abflauender Tiefschlafintensität. Wie der Schlaf-Wach-Rhythmus – bekannt sind die „Lerche“- oder „Eulen“-Typen –ist auch der Schlafrhythmus bei jedem Menschen unterschiedlich und hinterlässt, wie neuere Bildgebungsverfahren vermuten lassen, sogar so etwas wie einen Schlaf-Fingerabdruck.

Die optimale Schlafdauer bilden Menschen um das 16. Lebensjahr aus und sollte sechs bis sieben Stunden nicht unterschreiten. Doch Schlaf ist nicht gleich Schlaf, alte Menschen etwa schlafen schlechter, weil die Tiefschlafphasen flacher werden. Gestört ist der Schlaf, so die Definition des Schlafforschers Ingo Fietze, wenn er nicht mehr als erholsam empfunden wird und man oft mehr als 30 Minuten zum Einschlafen oder wieder einschlafen benötigt. Wird das abendliche oder nächtliche Wälzen im Bett und der zunehmend nervöse Blick zur Uhr also zur Regel, fühlt man sich am nächsten Tag schlapp und leistungsgemindert. Hält dieser Zustand mehr als sechs Wochen an, spricht man von einer chronischen Schlafstörung (Insomnie), die dringend behandelt werden muss. Vielfach, so der Psychiater Thomas Pollmächer, sind Schlafstörungen aber auch nur ein Symptom für psychische Belastungen und Krankheiten.

Lernen im Schlaf – das geht

Frauen leiden öfter als Männer an Insomnien, und die Schlaflosigkeit steigt mit zunehmendem Alter stark an. Männer dagegen sind von schlafbezogenen Atmungsstörungen betroffen, am bekanntesten die so genannte Schlaf-Apnoe, bei der die nächtliche Atmung immer wieder aussetzt und tagsüber zu einem übermäßigen Schlafbedürfnis (Hypersomnie) führt. Die so genannten Parasomnien sind weniger verbreitet als die In- und Hypersomnien und sind ungesund nur für den Zahnbestand, wenn es sich um nächtliches Zähneknirschen handelt, für die Umwelt jedoch dramatisch, wenn nächtliches Um-sich-schlagen den Partner bedroht oder wie in seltenen, aber spektakulären Fällen sogar zum bewusstlosen Mord führt.

Wie ein Schlaf „aussieht“, kann man im Schlaflabor messen mittels EEG und Video, neuerdings auch bildgebender Verfahren wie der Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Im Unterschied zur gängigen Vorstellung lässt sich damit nachweisen, dass „Schlaf ein aktiver Prozess ist, bei dem einige Hirnareale sogar betriebsamer sind als im Wachzustand“, so der in Zürich forschende Präsident der Europäischen Schlafgesellschaft, Claudio Basseti. Nicht nur sorgt der Hirnstamm weiterhin für Atmung und Herzschlag, auch die Hirnsegmente, die für Gefühle und Körperempfindungen zuständig sind, steigen in der REM-Phase des Schlafes auf ein hohes Aktivitätsniveau. Lernen im Schlaf ist also kein Aberglaube: Experimente zeigen, dass theoretisch Gelerntes durch einen Tiefschlaf gefestigt wird und abrufbar bleibt und das, was vergessen werden kann und soll, sich entscheidet, wenn man „noch einmal darüber schläft“.

Dass das Hirn im Schlaf arbeitet, hatte der Psychiater Hans Berger bereits 1924 festgestellt. Doch dass es dabei nicht nur um ein einfaches Energieauftanken für den nächsten Tag geht, sondern im Gegenteil im Schlaf energieintensiv Proteine und Reparaturstoffe hergestellt werden, die zum Beispiel den Stoffwechsel und den Hormonhaushalt beeinflussen, hat der US-Forscher Allan Pack in Experimenten mit Fruchtfliegen und Mäusen nachgewiesen.

Sein Ziel war es, genetische Schlüsselmoleküle zu identifizieren, die den Schlaf negativ beeinflussen. Dass es einen nächtens gesteigerten Hype auf Kalorienbomben gibt, wissen schlaflose Kühl­schrank­plün­derer ohnehin; dass Schlafentzug unter Umständen zu Diabetes führen kann, ist aber eine höchst beunruhigende Erkenntnis und widerspricht der Vorstellung, Schlafmangel mache aufgrund des höheren Energieumsatzes schlank.

Das gilt auch für die vielen Menschen, die ihr Leben „auf dem Bock“ verbringen und deren Schlaf von Faktoren wie Lärm, Enge, Termindruck, Bewegungsmangel und ungeregelte Lebensverhältnisse ganz besonders beeinträchtigt ist. Dass die Daimler-Benz-Stiftung ausgerechnet eine Schlafkonferenz ausrichtet, ist Folge einer ganz praktischen Kooperation zwischen Schlafforschern und dem schwäbischen Autobauer, der bestrebt ist, wenn schon nicht die Arbeits-, so doch die Schlafbedingungen LKW-Fahrern zu verbessern. Der „Sekundenschlaf“ – das kurze unkontrollierte „Abnicken“ hinterm Steuer – ist nicht nur der Alptraum jedes Autofahrers, sondern kann besonders dramatische Folgen haben, wenn ein Trucker von plötzlicher Müdigkeit überfallen wird und die Kontrolle über sein Gefährt verliert. 19 Prozent aller LKW-Unfälle mit Todesfolgen sind auf Müdigkeit zurückzuführen, bei einem jährlichen Schaden von vier Milliarden Euro. Insgesamt kostet der „Sekundenschlaf“ die Volkswirtschaft sogar zehn Milliarden Euro.

Ein großes Problem ist, dass die Betroffenen selbst oft ihre Fahrtauglichkeit überschätzen. Deshalb entwickelt der Konzern technische Systeme, die den Fahrer alarmieren, wenn er einzuschlafen droht. Der Ingenieur Siegfried Rothe befasst sich außerdem mit der Entwicklung von lärmgeschützten Fahrerhäusern mit einer optimierten Innenausstattung, die den Fahrern auch unter widrigen Umständen einen guten Schlaf ermöglichen.

Aber nicht nur LKW-Fahrer, auch Schichtarbeiter sind durch den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus anfällig für Schlafstörungen, und die Zahl der Betroffenen steigt angesichts der Zunahme der Schichtarbeit von 9,7 Prozent der Arbeitsverhältnisse im Jahre 1993 auf 15,5 im Jahr 2003 stetig an. Menschen, die dauerhaft nachts arbeiten, scheinen damit aber besser klar zu kommen als solche, die in ständige Wechselschichten eingetaktet sind. Dauernachtarbeit, so der Arbeitsmediziner Christian Gravert von der Deutschen Bahn, erfreue sich immer größerer Beliebtheit und würde im Konzern nur auf freiwilliger Basis angeboten. Ob die hohe Nachfrage auf die bessere Bezahlung oder den abwesenden Chef zurückzuführen ist, wie vom Podium vermutet, darf bezweifelt werden. Die im offiziellen Kongressprogramm völlig abwesenden Frauen hätten vielleicht darauf aufmerksam machen können, dass Nachtarbeit in Doppelernährerhaushalten eine bevorzugte, sozial aber nicht immer förderliche Strategie des Familienmanagements ist.

Die Tänzer und Tänzerinnen des Berliner Staatsballetts immerhin dürfen sich demnächst über ein offiziell genehmigtes Nickerchen am Nachmittag freuen. Eine Forschergruppe der Berliner Charité um Ingo Fietze fand nämlich heraus, dass die unter hoher körperlicher und kognitiver Anspannung arbeitenden Künstler unter chronischem Schlafdefizit leiden, ohne das selbst überhaupt wahrzunehmen. Ein Schlafplatz fürs Power-Napping!, fordert Fietze deshalb auch für andere Arbeitnehmer in Stresssituationen. Für den gesunden Schlaf aber gilt, was, Novalis im zweiten Gesang der „Hymnen an die Nacht“ auf den Weg gibt: „Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet.“

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05:00 04.06.2009

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