Sämänner unter sich

Retortenmenschen Großbritannien meldet künstliche Spermienzucht und behauptet Hilfe für unfruchtbare Männer. Das heilige Sekret auf der Forschungsfolter.

Anlässlich des 30. Geburtstags des ersten Retortenkindes der Welt, Louise Brown, im Juli vergangenen Jahres wurden Reproduktionsmediziner gefragt, welche Entwicklungen sie für die nächsten 30 Jahre erwarten. Nachwuchs, unabhängig vom Alter der Eltern, wurden damals prophezeit, qualitative Embryonenauswahl im Reagenzglas, und Kinder, die sich in einer künstlichen Gebärmutter entwickeln, die Nabelschnur mit einer Maschine verbunden.

Mit der Erzeugung künstlicher Eizellen hat sich der in Philadelphia forschende Deutsche Hans Schöler kürzlich ins Rampenlicht gesetzt; an der künstlichen Gebärmutter wird seit vielen Jahren in China experimentiert, mittlerweile sind auch amerikanische Forscher an der Cornell University auf den Geschmack gekommen. Und nun also scheint auch das Phantasie umwobene heilige Sekret, der männliche Samen, vor dem Zugriff der Wissenschaft nicht mehr sicher und künstlich herstellbar zu sein.

Einer britischen Forschergruppe um Karim Nayernia ist es gelungen, aus embryonalen Stammzellen männliche Samen zu entwickeln (siehe deren Publikation in der Zeitschrift Stern Cells and Development). Immerhin war dazu, das mag Männern ein kleiner Trost sein, noch ein lebendiger Mann die Vorlage; das parallel aus einer weiblichen Stammzelle gezüchtete Pendant blieb auf einer Vorstufe stecken – das Y scheint eben doch ein „tragendes“ Element. In einem Werbefilmchen führen die Forscher vor, wie die ordentlich mit Kopf und Schwanz ausgestatteten Spermien in einer Nährlösung schwimmen und ihrer Aufgabe nachgehen könnten.

Bärendienst an der Menschheit

Aber eben an der Reife der Keimzellen zweifeln Kollegen der Zunft: Allen Pacey etwa, der als Androloge an der Universität Sheffield seit langem mit Spermien experimentiert, ist nicht überzeugt, dass es sich um ausgereifte Zellen mit der Fähigkeit zur Fortpflanzung handelt und kritisiert den methodischen Aufbau der Studie. Der Physiologe Azim Surani von der Universität Cambridge glaubt, dass die erzeugten Zellen „weit von echten Stammzellen“ entfernt seien. Kritik wird auch an der Qualität der Videobilder, die die Agilität der Spermien beweisen sollen, laut.

Um ethische „Bedenkenträger“ von vornherein mundtot zu machen, beeilten sich Nayernia und Kollegen zu erklären, es ginge bei ihren Experimenten nicht darum, das künstliche Sperma zu Zeugungszwecken zu verwenden. Das ist, nebenbei, derzeit sogar im wissenschaftsgläubigen Großbritannien verboten. Wie immer sehen sich die Reproduktionskünstler jedoch im Dienst an der Menschheit: „Wir betreiben diese Forschung ja nur, um unfruchtbaren Männern zu helfen, nicht um das Reproduktionsverfahren zu ersetzen“, behauptet Nayernia. Die Zuchtzellen sollen Aufschluss über den Einfluss von Giften geben und die Technik soweit entwickelt werden, dass unfruchtbare Männer mittelfristig zu eigenen Kindern kommen können.

Derzeit wäre der Aufwand dafür noch gigantisch, denn dazu müsste erst einmal eine Zelle des (unfruchtbaren) Mannes entkernt und der Kern in eine (woher auch immer stammende) Eizelle eingesetzt werden. Der daraus gezüchtete (und dann verworfene) Embryo könnte dann zu dem begehrten Spermienspender werden. Die andere Möglichkeit, nämlich eine normale männliche Körperzelle zu reprogrammieren (induzierte pluripotente Stammzelle) und daraus Spermien zu züchten, scheint unkomplizierter und ethisch unbedenklicher. Ob allerdings Erfolg versprechender, steht auf einem anderen Blatt.

Flucht aus Deutschland

Interessant ist, dass zumindest zwei Mitarbeiter der Studie, nämlich Nayernia selbst und Miodrag Stojkovic, der dem britischen Kollegen die embryonalen Stammzellen aus dem Forschungsmekka Valencia lieferte, ihre Wissenschaftssporen in Deutschland verdient haben. Karim Nayerna hat an der Uni Göttingen promoviert und dort die ersten Spermienexperimente mit Mäusen unternommen. Der aus dem künstlichen Sperma erzeugte Nachwuchs erwies sich allerdings als nicht sonderlich lebenstauglich und verstarb früh. Der Tiermediziner Miodrag Stojkovic war lange an der Universität München tätig, bevor ihn der Stammzell-Hype nach Newcastle und schließlich nach Spanien zog. Bekannt wurde er mit seiner furiosen Offensive für die embryonale Stammzellforschung. Beide sind aus Deutschland geflüchtet, weil sie fanden, das Embryonenschutzgesetz behindere ihre Arbeit.

Stojkovic äußert sich im Hinblick auf die gefeierten Spermien allerdings etwas zurückhaltender als Nayernia. Unterm Mikroskop sähen die Zellen oft so aus, als sei ihre Verwandlung erfolgreich verlaufen. Erst später stelle man fest, dass sie dann doch nicht funktionieren.

Warum überhaupt „ein jeder Same seinen Leib“ bilden muss, weiß nur die Bibel alleine. Ob der mit so viel Pomp und öffentlicher Aufmerksamkeit zu Grabe getragene Michael Jackson der leibliche Vater seiner drei Kinder ist, ist jedenfalls gerade wieder umstritten, und überhaupt scheinen die Herkunftsverhältnisse seines Nachwuchses etwas undurchsichtig. Die von ihnen verdrückten öffentlichen Tränen macht das doch nicht unglaubwürdiger, oder?

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13:00 09.07.2009

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