Schwebende Selbstaufklärung

Nachschubsicherung Kazuo Ishiguros aufregend erzählte Internatsgeschichte "Alles, was wir geben mussten" lotet die Humanisierung des Klonprojekts aus

Nachdem vor Jahresfrist die Nachricht von den ersten angeblich geglückten menschlichen Klonzellen zu uns kam, beeilte sich das auf vorgerücktem Posten agierende Feuilleton, die Menschenrechte für Klone auszurufen und deren Belange zu verteidigen. Dass - wer zu schnell auf die Überholspur lenkt - gelegentlich von der Langsamkeit des Fortschritts eingeholt wird, und sich am Ende die Sensation wie im Fall Hwang als Fake herausstellt, ändert nichts daran, dass die Frage - zumindest theoretisch - durchaus richtig gestellt ist: Hat der Klon eine Seele?

Normalerweise böte sich der Stoff für einen reißerischen, filmverdächtigen Science Fiction an, der das wissenschaftlich Erklärungsbedürftige in mehr oder weniger geschickt verpackten Dialogen transportiert und ansonsten auf Action setzt. Doch obwohl einer von Kazuo Ishiguros Romanen ebenfalls den Sprung auf die Leinwand schaffte und Was vom Tage übrigblieb sogar zum Kinohit avancierte, schlägt der 1954 in Nagasaki geborene Autor, der seit seinem sechsten Lebensjahr in England lebt, mit seinem letzten Roman Alles, was wir geben mussten, sehr leise und sehr poetische Töne an und wartet weder mit wissenschaftlichen Unterweisungen, noch mit dramatischer Handlung auf.

Vordergründig erzählt Ishiguro eine klassische, für das englische Publikum oft aus eigener Erfahrung nachvollziehbare und deshalb beliebte Internatsgeschichte. Sie wird erinnert von der 31-jährigen Kathy H. die aktuell als so genannte "Betreuerin" von "Spendern" tätig, doch im Begriff ist, die Seiten zu wechseln und selbst zur Spenderin zu werden. Diese vorerst nicht weiter verhandelte Tatsache und der Tod ihrer beiden besten Freunde, Ruth und Tommy, veranlassen sie, die Jahre in Hailsham, einer von der Außenwelt völlig abgeschirmten Landschule, heraufzubeschwören. Alles, was später geschah, glaubt Kathy, hat in Hailsham seinen Ursprung.

In dem abgelegenen Herrenhaus scheint alles wie in vergleichbaren Einrichtungen zu sein. Die Kinder leben nach Altersstufen in Gruppen, ihnen wird wenig eigene Privatsphäre zugestanden, früh lernen sie, sich der Gemeinschaft anzupassen. Auf Tauschbörsen und Basaren üben sie ein, was sie draußen in der kapitalistischen Warenwelt erwartet. Wie in Gemeinschaften üblich, erproben die Zöglinge auch frühzeitig Herrschaftstechniken: Bündnisse und Intrigen, Freundschaft und Ausgrenzung. Tommy, einer der Schüler, ist ein bevorzugtes Opfer der kindlichen Schikanen.

Denn Tommy unterscheidet sich von seinen Kameraden, er verweigert sich der Zumutung, ständig "kreativ" zu sein und schöne Dinge für eine imaginäre "Galerie" zu produzieren. Auf die Provokationen seiner Mitschüler reagiert er mit ständigen Wutausbrüchen, wird zum Außenseiter. Nur zu Kathy fasst er Vertrauen, zwischen ihnen existiert ein besonderes Band, auch dann noch, als beide in die Pubertät kommen und Tommy mit Ruth, Kathys bester Freundin, eine Liebesbeziehung eingeht.

Dass sich die Kinder von ihren Erziehern, "Aufseher" genannt, grundlegend unterscheiden, spüren sie schon früh. Den "Kollegiaten" ist ein besonderes, nicht konkret fassbares Schicksal beschieden, doch die "Aufseher" meiden das Thema. Nur Miss Lucy scheint die Kinder, "die wissen und doch nicht wissen" aufklären zu wollen: "Euer Leben ist vorgezeichnet. Ihr werdet erwachsen und bevor ihr alt werdet, noch bevor ihr überhaupt in die mittleren Jahre kommt, werdet ihr nach und nach eure lebenswichtigen Organe spenden. Dafür wurdet ihr geschaffen. Ihr alle." Eines Tages verschwindet Lucy. Was nun kommt, nach dem Ende der Internatszeit, "ist kein Spiel mehr".

Besonders sind aber nicht nur die Zöglinge in Hailsham, die geklonten Produkte einer Gesellschaft, die auf diese Weise den Nachschub auf dem Organmarkt sichert. Besonders ist auch Ishiguros in poetischer Schwebe gehaltene "Selbstaufklärung", die den Leser - obwohl Kathy rückblickend erzählt - nur gerade immer so viel wissen lässt, wie die heranwachsenden Kinder erfassen. Dass für sie Hailsham ihre "Familie" bedeutet und mehr noch, allen Ursprung ihres Seins, merken sie erst, als die Internatszeit hinter ihnen liegt und sie während einer Art Latenzphase in den Cottages auf ihre zukünftige Aufgabe - als Betreuer und Spender von Organen - vorbereitet werden. Immer noch rätseln die jungen Leute über das, was sich in Hailsham zugetragen hat: Warum beispielsweise sollten sie "kreativ" sein, wenn ihr Leben so kurz und prädestiniert ist? Woher stammen sie, wer sind die "Originale", nach denen sie geschaffen wurden? Gibt es zu ihnen eine Verbindung?

Mit den Fragen wachsen die Spannungen in der Gruppe, die Hailshamer "Familie" fällt auseinander. Zu spät erkennt Kathy, dass die Suche nach einem Ausweg, die Möglichkeit, dem Schicksal zu entwischen, den Keil noch tiefer zwischen die Freunde getrieben hat. Als sie Tommy - nach Ruths letzter, tödlich endenden Spende, ihrem "Abschluss" - schließlich doch noch als Spender betreut und sie ihre gegenseitige Liebe offenbaren können, ist es zu spät. Vergeblich hoffen sie, Liebe und Kreativität könnten einen Aufschub erwirken. Zwischen ihnen steht nun die Trauer um die verlorene Zeit. Zwar kommen sie dem Geheimnis von Hailsham auf die Spur, doch erst, als die Einrichtung schon der Vergangenheit angehört. Dass die in der "Galerie" aufbewahrten Werke ihre Seele bezeugen, nützt ihnen nichts. Einst auserwählt unter den Klonen, sind sie eine aussterbende Spezies.

Es wäre allerdings viel zu kurz gegriffen, Ishiguros Roman ausschließlich als Kritik am gentechnischen Projekt und seinen medizinischen Implikationen zu lesen. Zwar mag ihm der über England hinaus bekannt gewordene Fall des kleinen Adam Nash, der nur deshalb gezeugt wurde, um Stammzellen für seine kranke Schwester spenden zu können, im Sinn gelegen haben, und es gibt gegen Ende des Romans auch eine explizite Generalabrechnung mit der Vorstellung, das Klonprojekt ließe sich "humanisieren". Gerade das sind aber die eher schwächeren Teile des Romans - wie übrigens auch alle die Organspende betreffenden Sequenzen, bemerkenswert unkonkret und schlicht auch unkorrekt sind, denn außer Nieren und unter Umständen Leberteilen sind lebenswichtige Organe nur bei Strafe des Todes und nicht sukzessive zu entnehmen.

Doch darum geht es in Ishiguros Roman gar nicht. Seine ganz normalen, menschlich denkenden und handelnden Klone verweisen über sich hinaus. Sie sind - wie der "verlorene Winkel, Norfolk" in dem die Hailshamer jeden Verlust wiederzufinden glauben - eine Metapher für die Verlorenheit des Menschen und das, was er verloren hat, die "alte" Welt. Gerade weil der Autor seine Geschichte nicht in die Zukunft verlegt hat, sondern sie sich in der jüngsten Vergangenheit - in England am Ende des 20. Jahrhunderts - ereignen lässt, und sie außerdem als schlicht erzählte Schulgeschichte daherkommt (bis hin zur genretypischen Gepflogenheit, den Leser und dessen Erfahrungen einzubeziehen), ist sie so alarmierend. Für das, was künftig sein wird, werden jetzt die Weichen gestellt. Wir sind aufgerufen, die "alte" Welt, das "Kindheitsparadies", zu schützen und zu erhalten. Weil am Ende sonst nur noch die "Galerie" - die Kunst - von ihr erzählen wird.

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing, München 2005, 348 S., TB: btb, München 2006, 9 EUR


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00:00 05.01.2007

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