Ulrike Baureithel
28.10.2011 | 08:00 1

Skandal zur Unzeit

Medizin „Selbstbedienungsmentalität“ und „Vetternwirtschaft“? Die Deutsche Stiftung Organtransplantation steht in Verdacht geschäftlicher Unregelmäßigkeit

Der Verdacht kommt zur Unzeit: Während sich der Bundestag gerade mit einer Neufassung des Transplantationsgesetzes zur Erhöhung der Spendebereitschaft befasst, wurden aus dem Umfeld der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) heftige Vorwürfe laut. In einem anonymen Schreiben an Bundestagsabgeordnete und das Gesundheitsministerium bezichtigten Mitarbeiter den DSO-Vorstand der „Selbstbedienungsmentalität“ und „Vetternwirtschaft“. So soll er sich großzügig Dienstwagen genehmigt, Immobilien privat genutzt und lukrative Aufträge an Personen aus dem privaten Umfeld vergeben haben. Auch der „Führungsstil nach Gutsherrenart“ wird beklagt: Kritische Mitarbeiter würden mundtot gemacht, gemobbt oder entlassen.

Diese für das Image der Stiftung schädliche Indiskretion zielt vermutlich nicht nur auf die Debatte um das Transplantationsgesetz. Sie fällt auch zusammen mit der rückläufigen Zahl der Organspenden. Die Whistleblower führen diesen Rückgang explizit auf das Verhalten der beiden Vorstände zurück: den in Freiburg lehrenden Transplantationschirurgen Günter Kirste und den Betriebswirt Thomas Beck. Es wird der Eindruck vermittelt, dass deren Umgang mit den Mitarbeitern der regional organisierten DSO auf diese demotivierend wirke und die Koordination mit den Kliniken, wo die als Organspender in Frage kommenden Patienten auflaufen, deshalb unbefriedigend sei.

Bahr lässt prüfen

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat sofort reagiert und die zuständige Stiftungsaufsicht in Darmstadt beauftragt, die Vorwürfe zu prüfen. Immerhin verfügt die DSO über 33,2 Millionen Euro im Jahr, die – was weniger bekannt ist – aus der Krankenversicherung stammen. Bestätigt sich das wirtschaftliche Fehlverhalten der DSO, fiele dies auch auf das Aufsichtsgremium, den Stiftungsrat, zurück. Dieser bekundet, „die anonymen Klagen ernst nehmen“ zu wollen und „die Vorwürfe gegenüber dem Vorstand durch einen weiteren externen unabhängigen Sachverständigen“ prüfen zu lassen.

Der Fall wäre nicht so besonders spektakulär, würde es sich bei der Aufgabe der DSO um eine gewöhnliche Sache handeln. Doch Organspende ist alles andere eine normale Geschäftsangelegenheit. Vielmehr muss das System, um funktionieren zu können, über jedem Verdacht der Vorteilsnahme stehen: Das gilt für die DSO-Mitarbeiter und die am Transplantationsgeschäft beteiligten Ärzte ebenso wie für die Organspender, ihre Angehörigen und die Organempfänger. Die Spende-Ideologie setzt auf Altruismus, und die Vergabe wird geregelt durch Dringlichkeit nach Maßgabe der medizinischen Erkenntnisse. Jede noch so geringfügige Unregelmäßigkeit bei der Verteilung des knappen Gutes hätte katastrophale Folgen. Bereichern sich gar Ärzte oder Funktionäre im Zusammenhang mit dem Organgeschäft – und ein Geschäft ist es zumindest für die transplantierenden Kliniken –, steht das gesamte System zur Disposition.

Deshalb ist die von den anonymen DSO-Mitarbeitern unterstellte Verbindung zwischen der vermuteten Vorteilsnahme und den rückläufigen Spenden problematisch. Statt das Gesamtsystem in den Blick zu nehmen, das auf einer zumindest umstrittenen medizinischen Voraussetzung, dem Hirntodkriterium (siehe Kasten), beruht und in dem europaweit nach nicht transparenten Kriterien knappe Lebendgüter verteilt werden, sind es lediglich die menschlichen „Auswüchse“, die skandalisiert werden.

Der Greifswalder Rechtsexperte Heinrich Lang hat vor über einem Jahr in der Zeitschrift „Bioskop“ bereits die mangelhafte Transparenz im Transplantationsgeschehen moniert. Er beklagt die „defizitäre Selbstkontrolle“ der vielen beteiligten Institutionen und die für die Bürger kaum nachvollziehbaren Auswahlkriterien. Diese würden darüber hinaus verfassungsrechtlicher Prüfung kaum standhalten. Lang sieht den Gesetzgeber gefordert, bei der Organspende mehr Transparenz zu schaffen. Seiner Ansicht nach könnte sie dann eine „Vorreiterrolle“ spielen in der Diskussion um die Verteilung knapper Gesundheitsgüter.

Knirschende Kooperation

Der Zwist um die DSO verweist jedoch noch auf ein weiteres Problem: die Zusammenarbeit zwischen der Stiftung, ihren regional tätigen Transplantationsbeauftragten und den Kliniken. Die knirschende Kooperation kann nämlich keineswegs einfach auf das Fehlverhalten von Vorgesetzten zurückgeführt und demotivierten Mitarbeitern angelastet werden. Auch in diesem Fall liegt die Krux im System. Die Koordinatoren, die möglichst reibungslos Organe beschaffen sollen, treffen in der Realität, meist nachts, auf Ärzte, die gerade Angehörige überzeugt haben, die Organe eines Patienten freizugeben, den diese rosig aussehend kurz zuvor noch auf der Intensivstation angetroffen haben. Das überfordert alle Beteiligten, auch die professionellen DSO-Mitarbeiter, die diesem Druck tagtäglich ausgesetzt sind. Es wäre ein Wunder, würde sich das nicht auch in der Atmosphäre der gesamten Stiftung niederschlagen.

Was immer bei der „unabhängigen Prüfung“ der DSO herauskommen mag: Am Rückgang der Organspender wird sie kaum etwas ändern. Denn der Trend gilt nicht nur für Deutschland, wo zur Erhöhung der Spendenbereitschaft eine Pflicht zur Entscheidung erwogen wird. In Großbritannien, wo die Zahlen ebenfalls rückläufig sind, wird gerade ein Vorschlag diskutiert, bei Spendern die Beerdigungskosten zu übernehmen. Diese als „ethisch unbedenklich“ bezeichnete Maßnahme, die den „Dank der Gesellschaft“ zum Ausdruck bringen soll, dürfte aber nur arme Menschen reizen.

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