Sprung über die Quart

Nicht-Orte Nach Malin Schwerdtfegers Erzähldebüt "Leichte Mädchen" hat die Berliner Autorin ihren ersten Roman vorgelegt

Das jüngste Gericht findet statt in den Außenbezirken der Welt, und die Hölle hat ihren Platz in einer südlichen Vorstadt Jerusalems." Dort sitzt ein junger Mann in einer fremden Küche untätig vor seinem Computer, einzig behütet von einer krebsräudigen Katze, die, weil die Katzenpillen im Klo landeten, schwanger ist und wohl daran sterben wird. Die "Hölle" könnte aber auch das Althippie-Paradies auf der Sierra Madre sein, wo Mauri seinen letzten Joint dreht, in Hongkong, wo sich eine gelangweilte Gruppe von Botschaftskindern auf eigenartige Weise die Zeit vertreibt oder in Oberschlesien, wo sich das Vieh und die Liebhaber ungebremst vermehren, seitdem Tata seinen Platz am Hackklotz verlassen hat. Sein neu erfundenes Spiel "Koffer und das Mittelmeer" führt ihn in den Westen, fort von seiner Tochter Joanna, die nicht klar damit kommt, dass nun statt Tatas Regeln die ihrer Mama gelten.

Malin Schwerdtfegers im vergangenen Frühjahr erschienene, wohlwollend aufgenommene Erzählungen machen den Eindruck, als habe die Autorin ihren Stoff mitgebracht aus jenen Außenbezirken der Welt, wo die alltägliche Vorhölle in Abstufungen in der Hölle münden, der sich die "leichten Mädchen" der Titelerzählung im Selbstversuch ausliefern. Dabei kennt die 29-Jährige aus Bremen stammende Autorin jedoch nur wenige der poetisch ausgemessenen Landschaften, die - wie vordem die Hölle und das Paradies - Nicht-Orte sind, seelische Provinzen mit ihren sehnsüchtigen Erhebungen, melancholischen Abgründen und Verwerfungen.

Einen dieser angedeuteten Nicht-Orte hat Malin Schwerdtfeger in ihrem neuen Roman nun ausgestaltet und coloriert, die polnische Halbinsel Hel in der Danziger Bucht, "wo der Sternenhimmel jede Nacht über unseren Köpfen abgebrannt war wie ein Feuerwerk." Eingebettet in eine Rahmenerzählung, die von der geplanten Rückkehr aus "Bundes" nach Hel handelt, kreisen um das titelgebende Café Saratoga die Wünsche und Ängste der Hauptfiguren, die - außer Tata nun alle umbenannt - bereits in der Erzählung Fell und Federn eingeführt wurden. Da ist die mit ihrer schwachen Blase kämpfende Ich-Erzählerin Sonja, für die Tata der Mittelpunkt der Welt ist; ihre leistungsschwimmende Schwester Majka, die Tata hasst und sich an Mutter Lilka, die lebensfern von einem Tolstojschen Jasnaja Poljana träumt, gebunden fühlt; und natürlich Tata, nach dessen "Regeln", die einer kruden genetischen Zyklentheorie folgen, gespielt wird. Tata bildet das helle oder dunkle Gestirn in der eng begrenzten Welt der beiden an der Schwelle zur Pubertät stehenden Mädchen. Doch in dieser Welt ohne Mutterschutz sind sie letztlich auf sich selbst verwiesen, mehr noch, wie in den Erzählungen ist es auch hier die unselbständige Mutter, die ihrer Zuwendung bedarf. "Es sind immer die Kinder", sagt Schwerdtfeger in einem Gespräch, "die Beziehung zu ihren Eltern herstellen. Es scheint, dass die Eltern nicht gerne erwachsen werden."

Das heruntergekommene "Café Saratoga" in Chalupy indessen, das Tata von seiner alten, bettlägrigen Nazi-Tante Apolinia übernommen hat, soll, zusammen mit der deutschen Abstammung, die Eintrittskarte nach "Bundes" werden. Um ein richtiges "Bizness" aufzuziehen und Geld zu machen, heuert Tata frustrierte Fabrikmädchen an, die er gegen Bezahlung an die Cafégäste weiterreicht oder während Flauten mit Freund Bocian zum eigenen Vergnügen hält. Dass Tata seine (geschiedene) Frau nur als "Sekretärin" tituliert; dass seine "Gentheorie" höchst fragwürdige Erziehungsmethoden zeitigt; und dass er sich, schließlich im Westen angekommen, weiterhin nur als genialischer Dilettant erweist, machen ihn für den Leser nicht nur unsympathisch, denn ihm begegnet Tata aus der nachsichtig-liebenden Perspektive Sonjas: "Was immer uns Tata aufgab, es war wichtig. Meist dauerte es lange, denn zu allem, was Tata tat, gehörte, dass etwas dazwischenkam."

Zwischen der Ankunft auf Hel und der Flucht in den Westen liegt ein verzauberter Inselsommer, in dem Sonja den Raum ausmisst und ihre Schwester Maija beginnt, gegen die Zeit zu schwimmen. Während Tata das Café zu einer "Goldgrube" macht und Lilka allmorgendlich in ihr "Grausen" flieht, stolpern die "Fröschlein" und "Erbsenfötzlein", wie Bocian die Mädchen nennt, in die mitunter recht derbe Welt der Erwachsenen, wo die "sisiaks"(Pipimänner) und "cipkas" plötzlich eine neue, faszinierende, aber auch beängstigende Rolle spielen. Die Art, wie Tata die Pubertät der Mädchen kommentiert, sich in ihre Intimssphäre einmischt, ist gewalttätig und furchtbar. Doch gerade Sonjas abgöttische Liebe zum Vater, ihre Unterwerfung, reizt seine grotesken Forderungen.

Die rasch abgekurbelten, mitunter sehr komischen Filmszenen und die flapsigen Dialoge erinnern entfernt an Irmgard Keun; doch wo die Autorin in die epische Breite geht, findet sie einen ganz eigenen, sehr präzisen Ton, der nur gelegentlich überschlägt oder verflacht, sondern sich vielmehr bemüht, das Erzählte sinnlich zu vermitteln. So wie etwa Majka das Weihwasser probiert, so geben Schwerdtfegers Vergleiche das Meer und den Himmel, aber auch Liebessäfte und Verwesung zu riechen und zu schmecken: "Die Straße nach Bundes war wie die Straße auf Hel, auf der wir Eis holen fuhren mit Tata. Am Ende stand etwas sehr Weiches, Süßes, Lohnendes. Bundes zerfloss auf unseren Zungen wie Vanilleeis."

Nicht die Sprache, sondern eben die Tonlage scheint Sonja und Maijka zunächst zu Außenseiterinnen zu machen, als sie schließlich per Touristenvisum in "Bundes" ankommen. Nach einem Aufenthalt im berüchtigten Aufnahmelager Friedland fällt es den Mädchen schwer, sich in der neuen Heimat Bremen einzuleben und den "richtigen Ton" zu finden. Der nämlich bewegt sich in "Bundes" um das C-Dur, wie Sonjas spätere Freundin Jane einmal erklärt, und er ist proklamatorisch, während die Mädchen aus Polen "beschwerdeführend und melancholisch" um das a-Moll herum sprechen. Ihr von den Mainzelmännchen und Gebrauchsanleitungen abgeleitetes Deutsch - im Roman leider nur behauptet und nicht ausgemalt - ist korrigierbar, doch die Tonhöhe zu verändern, die trennende Quart zu überspringen, ist schwieriger.

Ironisch, mitunter sarkastisch wird der Ton der Autorin, wenn sie mit den Augen der Schwestern die neue Umgebung wahrnimmt. Sei es die neureiche Tante Danuta, die versnobte Mutter von Jane oder Dr. Köster, der neue Arbeitgeber von Tata - Malin Schwerdtfeger skizziert mit wenigen bösen, manchmal überzogenen Strichen nicht nur Habitus, sondern auch deutsche Eigenarten: das "heilige Gruppengespräch" zum Beispiel, dem sich Tata entzieht, oder das "Basteln", eine sehr deutsche Beschäftigung. "Dieses Wort, der verschachtelte Klang mit den kurzen Vokalen, die an den aneinandergedrängten Mittelkonsonanten klebten, passte perfekt zu seiner Bedeutung. Die Deutschen konnten basteln, die Betonköpfe nicht."

Die "Betonköpfe", das sind die Aussiedler aus dem Osten. Diesem Image zu entfliehen, gelingt Sonja, während ihre Schwester Majka endgültig aus der (Schwimm-)Bahn geworfen ist. Mit der Wende 1989 beginnt für Sonja eine neue Zeitrechnung, die umso nachhaltiger wirkt, als die Flucht aus Polen ihre politische Bedeutung verloren hat: "Unsere Ausreise", klagt Mutter Lilka, "wird wie alle diese Ausreisen in die Geschichte eingehen als eine Flucht über eine Grenze aus Nichts. Wir hätten dort bleiben können, wo wir waren." Der politische Hintergrund allerdings scheint in Café Saratoga nur blass und teilweise unpräzise auf, als ob die Autorin fürchtete, die literarische Projektion dadurch zu zerstören.

Je realistischer schließlich die Rückkehr nach Polen wird, desto irrealer erscheint sie. Nicht nur verrückt sich Tata aus dem Mittelpunkt an die Peripherie in Sonjas Leben, auch Hel ist zu einer Fiktion geworden: Janes maßstabsgetreue Bastelei, mit der sie die Freundin zu trösten versucht, lässt deren innere Bilder verschwimmen, "ich konnte nicht mehr unterscheiden, was mir Jane gegeben und was sie mir genommen hatte." Im Unterschied zu Joanna aus den Erzählungen, die von allem, was sie verlassen muss, ein Kleinod zurückhält, benötigt Sonja diese Erinnerungshilfe nicht mehr. Und anders als ihre Schwester, die gegen die Zeit schwamm und aus der Bahn geriet, hat sie sich freigeschwommen im Raum, indem das Erinnerungsbild immateriell, fiktiv geworden ist - Literatur, im besten Sinne.

Malin Schwerdtfeger: Leichte Mädchen. Erzählungen.Verlag Kiepenheuer, Köln 2001, 139 S., 15,50 DM
Malin Schwerdtfeger: Café Saratoga. Roman Verlag Kiepenheuer, Köln 2001, 139 S., 38,- DM

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00:00 12.10.2001

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