Statt der Frauen

Quote Die Debatte um mehr Frauen in Chefpositionen ist zu billig. Es gibt wichtigere Themen für die Gerechtigkeit der Geschlechter
Ulrike Baureithel | Ausgabe 16/2013 5

Jenes Foto, das die Nachrichtenagentur dpa Anfang der Woche über den Ticker schickte, hatte Symbolwert: drei blonde, selbstbewusste Damen, an der Spitze der Macht angekommen, im einträchtigen Gespräch. Wer hätte sich diese mächtige Kanzlerin mit ihren Ministerinnen vorstellen können, als die CDU 1995, in der letzten Phase der Kohl-Ära, sogar noch das 30-Prozent-Quorum für Parteiämter abgelehnt hatte.

So einfach, wie dieses Bild Glauben machen könnte, liegen die Dinge freilich nicht. Zwischen den drei Politikerinnen gibt es heftigen Dissens über einen Gegenstand, der hohen Symbolwert hat und an den Vorstellungen erwarteter Generationenaufmüpfigkeit rüttelt. Seit zwei Jahren gärt in der Union die Quoten-Debatte, ein Polit-Schaukampf, der insbesondere das männliche Publikum delektiert.

In Wahrheit ist das aber eine wohlfeile Debatte. Über sie gerät in Vergessenheit, dass am 1. August 220.000 Kita-Plätze für die Kleinsten fehlen werden, dass die vor 1992 geborenen Mütter weiterhin beschämend wenig Rente erhalten, weil die Koalition auch das auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben hat, und von gleicher Entlohnung von Männern und Frauen jenseits abgehobener Vorstandsetagen kann ohnehin nicht die Rede sein.

Ausgerechnet die junge Frauenministerin Kristina Schröder weiß sich in ihrer Ablehnung einer „starren“ Quote in der Wirtschaft einig mit ihrer Chefin Angela Merkel; auf der Gegenseite steht Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, die viele Unions-Frauen in ihrer Forderung nach einer echten Quote hinter sich weiß. Geübt in der Kunst taktischer Überraschungsangriffe, hat die Frau, der man Ambitionen nachsagt, zur Nachfolgerin ihrer Chefin zu werden, ihrer Partei nun doch noch die Zusage abgepresst, nach der nächsten Bundestagswahl die verbindliche 30-Prozent-Quote in Vorständen und Aufsichtsräten Dax-notierter Unternehmen ins Programm aufzunehmen. Das ist der Kompromiss. Der Anfang der Woche noch möglich scheinende Aufstand der Frauen wurde, wie so oft in der CDU, wieder abgeblasen.

Ist die 30-Prozent-Quote im kommenden Regierungprogramm nun ein Punktsieg von der Leyens gegen ihre Konkurrentin Kristina Schröder, die ihre auf dem letzten Parteitag noch so mühevoll durchgeboxte Flexi-Quote endgültig begraben darf? Oder doch eher eine bemäntelte Niederlage, weil zumindest bei den in diesem Jahr anstehenden Berufungen in die Vorstände und Aufsichtsräte von Konzernen die Männer noch einmal ungehindert durchmarschieren dürfen? In jedem Fall lenkt die dauernde Debatte über die Quote von den viel drängenderen Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis ab.

Da wäre Spielraum für die Opposition. Warum mobilisiert sie nicht mit wichtigeren frauenpolitischen Forderungen? Die ersatzlose Streichung des Ehegattensplittings beispielsweise, die Frauen ermutigt, erwerbstätig zu werden, statt Betreuungsalmosen in Anspruch zu nehmen. Oder die eigenständige Absicherung im Krankheitsfall und im Alter, damit sie ohne Mann nicht in eine Katastrophe schlittern. Gar nicht zu reden davon, dass alle ins gemeinsame Boot der Bürgerversicherung komplimentiert werden müssen, auch die Vorstandsfrauen, die es sich leisten können, sich privat zu versichern. Mehr oder weniger überzeugende Versatzstücke davon finden sich in den Wahlprogrammen. Was verspricht sich die SPD von der Interessenvertretung von vielleicht 100 Frauen, die qua Quote in unternehmerische Höhen klettern?

Denn auch die Sozialdemokraten haben ja angekündigt, die Frauenquote zum Wahlkampfthema zu machen, falls ihre Initiative am Donnerstag unterliegen sollte. Wie der Bundesrat und die Grünen strebt sie eine 40-Prozent-Quote an, beginnend mit verbindlichen Regeln im laufenden Jahr. Das ist, zumal Übergangsfristen den männlichen Phantomschmerz lindern, kein umsturzverdächtiges Unternehmen, gemessen etwa an der Forderung, alle pflegerischen Frauentätigkeiten konsequent auf das Niveau männlicher Facharbeit aufzuwerten oder Erwerbsarbeit an Familienerfordernissen auszurichten: Keine Überstunden, keine Abendsitzungen, keine 24/7-Verfügbarkeit.

Einst waren es die gut situierten bürgerlichen Frauen, die die Arbeiterinnen nicht nur „fürsorglich belagerten“, indem sie ihnen ihre Vorstellungen von Haushalt und Familie aufdrückten, sondern ihnen auch Vorbild für sozialen Aufstieg waren. Es liegt eine historische Ironie darin, dass nun ausgerechnet die einstigen „Emporkömmlinge“ den Weg in die Vorstandsetagen ebnen. Vor 150 Jahren wären es liberale bürgerliche Frauen gewesen, die das zu ihrem Projekt gemacht hätten. Ihre Nachfolgerinnen in der FDP wollen davon so wenig wissen wie Angela Merkel; die einen, weil sie an Leistung glauben, die andere, weil sie sich für ein Alleinstellungsmerkmal hält.

Vielleicht ist es dieser Stachel, der die SPD-Frauen antreibt: Sie wollen nicht nur zeigen, dass sie angekommen sind. Vielmehr wollen sie diejenigen überholen, die ihre Mütter und Großmütter bevormundet haben. Das ist eine ganz eigene Erfahrung in der Geschichte der Frauen, die durchlebt werden muss, ungeachtet aller sonstigen Opportunitäten. Es scheint, als würde das noch ein langer Weg.

 

01:00 02.05.2013
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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